Wir nutzen es wohl jeden Tag, sei es in der Arbeit oder privat: das Discovery. Einer der vielen Gründe, weshalb auch die IG WBS sich in einer ihrer Veranstaltungen diesem Thema zuwenden und nach der Zukunft des Discovery fragen wollte. Am 23. März 2023 lud die IG WBS zur Veranstaltung «Das Discovery im Wandel» in der Zentralbibliothek Zürich ein und liess neben den drei Referenten auch ihre Mitglieder und Teilnehmenden in drei parallelen Diskussionen zu Wort kommen.
Geschichte, Gegenwart, Zukunft
Noémie Ammann, Mitarbeiterin Discovery und API Management ETH-Bibliothek, führte in das äusserst interessante und aktuelle Thema ein und stellte das klassische Discovery vor. Mit dem Hype-Zyklus für technologische Innovationen zeigte sie die Entwicklung des Discovery seit ca. 2000 bis heute auf. Typisch war die Entwicklung des Discovery zu Beginn von einem steigenden Optimismus und einem anschliessenden «Tal der Enttäuschungen» oder der Ernüchterung ab ca. 2010 geprägt. Während die jüngere Vergangenheit und die Situation heute eine «von Pragmatismus getriebene Konsolidierung» sind.1 Der Wunsch war und ist eine einfachere Literaturrecherche und dadurch eine bessere User-Experience zu bieten. Vorangetrieben wurde die Entwicklung dadurch, dass steigend mehr elektronische Ressourcen zur Verfügung gestellt werden musste, die nicht über die Bibliotheken verwaltet wurden und daher über den OPAC nicht gezeigt werden konnten. Zwar waren und sind auch heute im Discovery erweiterte Suchen möglich, doch ist das Discovery stärker auf die Verfeinerung der Recherche nach der Suche durch Filter und durch die im Hintergrund programmierte Relevanzsortierung ausgelegt. Doch besonders auch der letzte Punkt brachte das Discovery in die Krise und in das «Tal der Enttäuschungen», als es als ein undurchsichtiges und überladenes System, eine Art Black-Box, galt. Hinzu kam das (Vor-)Urteil der Bibliotheksangestellten, dass das Discvovery der Komplexität der Bibliotheken nicht entsprechen vermag. In der heutigen Konsolidierungsphase konnte sich das Discovery integrieren, unteranderem gerade dadurch, dass es z.B. durch eine differenzierte Erweiterte Suche an das «Alte» (OPAC) anpasste.
Für die Zukunft steht das Discovery vor neuen Herausforderungen: den verschiedenen Nutzerbedürfnissen und neuen Dienstleistungen der Bibliotehken, einem sich wandelnden Publikationswesen, Innovationen im Suchmaschinenbereich (AI) etc. So hat während der Pandemie (2020-2022) die digitale Veröffentlichung von Publikationen explosionsartig zugenommen. Durch die technologischen Entwicklungen in Verbindung mit den sehr verschiedenen Bedürfnissen der Nutzenden, ist es denkbar, dass in Zukunft im Discovery mehr Personalisierung geboten wird und der Nutzende selbst über die Darstellungsweise der Daten entscheiden kann oder/und das Discovery an Ebenen gewinnt und neben einer umfassenden Recherche auch eine Beschränkung auf physische Ausleihen, auf spezielle Bestände oder auf weitere Gebiete geboten wird.
In der Diskussionsrunde von Noémie Ammann herrschte Einigkeit darüber, dass die Zusammenführung so vieler (wissenschaftlicher) Bibliotheken schweizweit innerhalb von Swisscovery zahlreiche Vorteile, aber auch einige Knacknüsse und Grenzen mit sich bringt. So haben die verschiedenen Bibliotheken teilweise sehr unterschiedliche Zielgruppen und damit verbunden auch andere Ansprüche an ihre Discovery-Oberfläche. Ein Lösungsansatz für diese unterschiedlichen Zielgruppenbedürfnisse wären personalisierte Sucheinstiege. So könnte bspw. den Bedürfnissen eines öffentlichen Publikums und der Wissenschaft und Forschung gleichermassen Rechnung getragen werden. Eine andere Möglichkeit wäre ein Chatbot, der vor dem Einstieg in die Suchoberfläche mit einigen Fragen die Suchbedürfnisse der betreffenden Person abholen und anschliessend eine entsprechende Suchoberfläche zur Verfügung stellen würde. Man kann ja mal träumen! Ein weiterer Punkt, den viele Diskussionsteilnehmende als wichtig erachteten, ist der niederschwellige Austausch bzw. die Möglichkeit, das eigene Wissen oder eventuell auch für andere Bibliotheken spannende Anpassungen und Erweiterungen der Suchoberfläche Swisscovery mit anderen zu teilen. Zurzeit scheint es kein Gefäss (mehr) zu geben, welches für einen solchen Erfahrungs- und Wissensaustausch unkompliziert und direkt genutzt werden kann.
Die Präsentation von Noémie Ammann kann hier angesehen werden.
Von technischen Aspekten des Discovery
Auf den Rück- und Ausblick folgte mit dem Referat von Lionel Walter, arbim IT, eine technische Einführung in die Funktionsweisen des Discovery. Vereinfacht erklärt, basiert das Discovery auf verschienden Datenquellen, die Daten weitergeben, welche vom System «geputzt» und angereichert sowie anschliessend indexiert werden. Unter der Anreicherung ist eine Ergänzung der Daten durch GND-Daten, Geo-Koordinaten etc. zu verstehen. Während diese Stufe besonders der Homogenisierung der Daten zugute kommt, dient der Indexierungsschritt vor allem der besseren Recherche. Hier wird die Relevanzsortierung programmiert, die Phrasensuche, Filterung und die automatische Suchergänzung (Suchvorschläge) ermöglicht. Technisch lässt sich die Suche damit bei der Entwicklung des Discovery stark beeinflussen. Doch genau dadurch gewinnt das Discovery auch ihren Black-Box-Ruf. Über eine API gelangen die Daten schlussendlich in das Web Interface, in die Suchoberfläche.
Entsprechend den Ausführungen von Lionel Walter war ein zentrales Thema der Diskussionsgruppe der Kontrollverlust der Bibliotheken und Nutzenden. Während die Bibliotheken zumindest bei eigen entwickelten Discovery2 die Suche beeinflussen können, verliert der Nutzenden die Kontolle zunehmend. Ein typisches Beispiel bietet Swisscollections3: mit einer optimierten Suche werden z.B. zwar auch Suchergebnisse mit Informationen aus externen Datenbanken wie die Namenvarianten aus der GND geboten, doch die Varianten aus dem Beispiel, sind nicht im Frontend, sondern nur im Index von Swisscollections verzeichnet, sodass dem Nutzenden nicht ersichtlich ist, wie er auf das Suchergebnis gekommen ist. Nachvollziehbar folgte in der Diskussionsgruppe die Frage nach Regeln im Bereich der Suchoptimierung, an denen zumindest die Bibliothekare sich orientieren und ihre Nutzenden leiten könnten. Die Entwicklung des Discovery kann – muss aber nicht – online dokumentiert (Bsp. GitHub) und damit auch dessen Aufbau verzeichnet sein. Zwar orientieren sich die Discoverys heutzutage an einem Best Practice, und doch wird dieses zumindest leicht auf die spezifischen Bedürfnisse des Discoveryanbieters bzw. seiner Zielgruppe angepasst. Das Beispiel Swisscollections wertet bspw. aufgrund seiner thematischen Ausrichtung ältere Medien höher, als neuere.
Weitere Themen der Diskussion waren die Auswirkungen der Indexierung auf die Suchgeschwindigkeit, die bei einer professionellen Umsetzung minimal ist, sowie die Open Source Suchoberfläche VuFind.
Die Präsentation von Lionel Walter kann hier angesehen werden.
Agile Primo Customization
Von Benjamin Flämig, Direktor der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, erfuhren die Teilnehmenden von der agilen Organisation der Feedbackgruppe für das Primo Discovery von swisscovery. Die Gruppe entstand aus dem Optimierungswunsch der Usability des Primo von swisscovery. Dabei sollte die Gruppe als Vermittlungsstelle zwischen SLSP und den Nutzenden (besonders denn Bibliotheken, aber auch dem Publikum) dienen. Das Feedback der Bibliotheken/Nutzenden sollte berücksichtig und direkt in die Weiterentwicklungen integriert werden. Dabei holt die Gruppe die Rückmeldung des Publikums auch auf niederschwellige Art wie z.B. über Twitter ab und senkt damit die Hemmschwelle. Gleichzeit kommuniziert sie ihre Fortschritte ebenfalls gezielt vor allem über die Kanäle Twitter und SLSPhere und lässt den Bibliotheken/Nutzenden teilhaben. Durch den Einsatz agiler Strategien zur Umsetzung der technischen Anpassungen von swisscovery schafft die Gruppe – erneut auch zum Vorteil der Bibliotheken/Nutzenden – Transparenz, in einem Bereich, der sonst eher undurchsichtig erscheint. Dadurch konnte die Gruppe schon die Benutzerdatenbearbeitung optimieren, die Startseite von swisscovery anpassen und die Stornierfunktion verbessern und damit das Discovery den Nutzendenwünschen entsprechend erweitern.
In der Diskussion empfing Benjamin Flämig Anregungen zur Optimierung von Swisscovery, zum Beispiel die Einführung von Hinweisen – auf der schweizweiten swisscovery-Seite – auf andere Einstiege basierend auf einer IP-Erkennung. Die agile Arbeit war ebenfalls Thema im Gespräch. Die Teilnehmenden begrüssten die Einschätzung, dass ein agiles Team Änderungs- und Anpassungsprozesse im Bereich swisscovery entschlacken und verschnellern kann. Die Umsetzung der UX-Optimierung von Rapido war dabei ein einleuchtendes Beispiel.
Die Präsentation von Benjamin Flämig kann hier angesehen werden.
Zurück im Plenum fasst die Referenten die Diskussionsergebnisse zusammen und schlossen damit die informative Abendveranstaltung ab, wobei auch während des folgenden IG WBS-Apéros von verschiedenen Teilnehmenden weiterführende Diskussionen zum Thema Discovery zu vernehmen waren. Ein Thema, dass uns wohl kaum verlassen wird.
Maria Solovey, IG WBS
