Info WBS 1, März 2014
Maren Krähling (Text und Bild)
Mit dem Stichwort Informationskompetenz verbinden viele Bibliothekare und Bibliothekarinnen sofort die USA – sie sind das Land, in dem die Bibliotheksführung zur Information Literacy wurde. Wie wird 2012 in den USA über Informationskompetenz gesprochen und diese im Lernort Bibliothek vermittelt? Diese Frage stand im Vordergrund des Stipendiums, mit dem ich im Herbst 2012 vier Wochen lang US-amerikanische Bibliotheken besucht habe.
Das jährlich vom Goethe-Institut New York und B&I International an ein bis zwei Stipendiatinnen oder Stipendiaten für vier Wochen vergebene „Librarian in Residence“-Stipendium steht jedes Jahr unter einem anderen Motto – 2012 lautete es: „Informationskompetenz stärken – Anspruch und Wirklichkeit der Teaching Library“. Aus dem Motto spricht bereits, dass die Vermittlung von Informationskompetenz mittlerweile nicht mehr als neue Tätigkeit in Bibliotheken wahrgenommen wird – die letzten zehn bis fünfzehn Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Auch in deutschsprachigen Bibliotheken finden sich ausgefeilte Schulungsprogramme, Bibliotheken haben sich als Kooperationspartner für die Lehre etabliert und neue Themen kommen neben der reinen Recherchekompetenz hinzu.(Es gibt auch Kritik an dieser Entwicklung, wie der Beitrag von Elisabeth Oeggerli zeigt)

Zwei Wochen habe ich in der Bay Area um San Francisco Bibliotheken besucht, zwei weitere Wochen habe ich gemeinsam mit der zweiten Stipendiatin Nicole Krüger, ZBW, Bibliotheken in New York erkundet. Dabei standen private und staatliche Hochschulbibliotheken, Bibliotheken an großen Eliteuniversitäten und kleine Spezialbibliotheken, Public Libraries mit Forschungsausrichtung und Public Libraries, die als Community Center dienen, auf dem Programm. Auch innerhalb der Bibliotheken waren die Gesprächspartner aus den verschiedensten Arbeitsfeldern: Informationskompetenz, Fachreferat, Budget- und Etatorganisation, Strategieplanung, Webseitengestaltung, Lernorte, Veranstaltungsprogramm und vieles mehr.
Teil des Stipendiums ist das Verfassen von Beiträgen für den Blog des Goethe-Institut New York, die auch auf Englisch übersetzt werden und somit den US-amerikanischen Kolleginnen und Kollegen mit einer „fremden Brille“ ihre Bibliotheken nahe bringen.
Zwei Besonderheiten hat dieses Stipendium, die ich für einmalig halte: Die Breite der Themen und damit auch der ausgewählten Stipendiatinnen und Stipendiaten sowie die Freiheit in der Gestaltung des Aufenthalts. Das jährliche Motto ist an keinen Bibliothekszweig und an keine Berufsgruppe gebunden – je nach Motto können sich so wissenschaftliche Bibliothekarinnen, Schulbibliothekare, Theoretikerinnen, Praktiker usw. bewerben. Ein so übergreifender Ansatz stimmt schon einmal auf die Offenheit des US-amerikanischen Bibliothekswesens ein, da dort die Ausbildungs- und Karrierewege sehr viel flexibler als in Deutschland sind. Die zweite Besonderheit ist die Freiheit, die man in der Gestaltung des Aufenthalts hat. Die besuchten

Bibliotheken, Ansprechpartner und Inhalte können (in Absprache) selbst ausgewählt werden – so kann der Aufenthalt den beruflichen Interessen maximal angepasst werden. Auch die Organisation ist vollkommen selbständig, so dass man zwar einiges zu tun hat, sich jedoch auch schon lange im Vorfeld intensiv mit der Reise auseinandersetzt.
Der Aufenthalt selbst ist ein „professional visit“, kein „internship“. Fragt man bei den Bibliotheken, die man besuchen will, nach letzterem an, besteht die Gefahr, dass das Anliegen missverstanden wird und man zum Kopieren eingeteilt wird. Stattdessen soll ein Gespräch auf Augenhöhe geführt werden und genau dies habe ich auch in den vier Wochen, die ich unterwegs war, erfahren. Mich hat zum einen erstaunt, wie entgegenkommend und interessiert man einem solch ungewöhnlichen Besuch ein beträchtliches Maß an Zeit widmete, zum anderen hat mich begeistert, wie offen man über die eigene Bibliothek und Arbeitsweise berichtete. Das Stipendium ist also nicht nur ein Gewinn für das eigene Arbeitsfeld – ich habe auch sehr viel über das Berufsverständnis der US-amerikanischen Bibliothekarinnen und Bibliothekare erfahren. Genau das ist auch der Aspekt, den kein Konferenzbesuch bieten kann: im Alltag mit den verschiedensten Perspektiven auf ein Phänomen über einen langen Zeitraum hinweg in Berührung zu kommen.

Wie wird nun 2012 in den USA über Informationskompetenz gesprochen und diese im Lernort Bibliothek vermittelt?
Auf die Frage nach dem eigenen Selbstverständnis habe ich für mich erstaunliche Antworten erhalten: „Definitely: instructor!“ Nicht als Bibliothekar oder Fachreferentin definierten sich die meisten, mit denen ich über ihre Schulungstätigkeiten gesprochen habe, sondern als Dozentin, als Lehrer, als Unterrichtende. Das Selbstverständnis ist sehr serviceorientiert und Schulungen werden konsequent an den Bedürfnissen der Zielgruppen ausgerichtet. Der Fokus der Teaching Library der meisten akademischen Bibliotheken, die ich besucht habe, liegt auf kursintegrierten Seminaren, die verschiedene Formen annehmen können. Was gewählt wird, hängt von den Hochschuldozenten ab – die Bibliotheken bevorzugen neben Online-Kursen Präsenz-Workshops, da so ein intensives Arbeiten und tiefergehende Themen möglich sind. Die kursintegrierten Seminare werden für alle Fachrichtungen und Levels angeboten, bis hin zu PhD-Studierenden. Sie werden individuell für jedes Seminar zusammengestellt und haben alle eine Online-Präsenz („Research Guide“). Am weitesten verbreitet ist dafür die Software „LibGuides“ vom Hersteller Springshare. Informationskompetenz ist an einigen der Bibliotheken, die ich besuche – und häufig gerade an den „kleineren“ – schon lange verbindlich für alle Studierenden eingeführt. Nicht selten ist der Bereich in „General-Education“-Kurse, die jeder Studierende absolvieren muss, eingebunden.
Welchen Formen der Informationskompetenz begegnete ich noch? One-on-One-Beratung wird von fast allen „Instructors“ als sehr sinnvoll betrachtet. Was ich kaum antreffe, sind offene Schulungen, die seminarunabhängig angeboten werden. Drop-in-Schulungen sind – wie bei deutschen Bibliotheken auch – weniger gut besucht und sehr personalintensiv. Besonders an Bibliotheken, die mit deutlichen Budgetkürzungen zurechtkommen müssen, werden solche Services zurückgenommen.
Aus den vielen unterschiedlichen Gesprächen und Schulungen habe ich folgende Schlussfolgerungen für eigene Schulungen an Bibliotheken gezogen: Sei persönlich und gib der Bibliothek ein Gesicht – die Schulung ist idealerweise nur der Beginn einer länger andauernden Rechercheberatung. Richte die Schulung speziell für diese Gruppe aus. Mach dich schon vorher kundig über die genauen Themen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Bereite Material vor, aber gib keine Massen an Papier aus. Ein speziell für die Schulung eingerichteter „Research Guide“ auf der Bibliothekswebsite zeigt den Teilnehmern die Ressourcen, die für sie wertvoll sind und dass sie der Bibliothek wichtig sind. Sei verbindlich − im Idealfall bekommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Aufgabe, die in ihr Seminar oder ihren Kurs integriert ist und auf den Bibliotheksressourcen aufbaut. Gib Zeit für die eigenen Themen. Sei sprachlich konkret und wende verschiedene didaktische Methoden an. Sei spontan und auch außerhalb der Schulungen präsent. Und das wichtigste: Finde deinen eigenen Stil.
Ein Blick von den akademischen Bibliotheken hin zu den Public Libraries lohnt sich in jedem Fall. Dort werden sehr ausgefeilte Beratungskonzepte angeboten, die den engen Rahmen der Informationskompetenz verlassen: so wird an vielen Bibliotheken ein sogenannter Maker Space eingerichtet, um Jugendlichen, aber auch anderen Bevölkerungsgruppen, die Chance in der Bibliothek zu geben, vom Medienkonsumenten zum Produzenten zu werden. In New York ist zudem das Thema „Financial Literacy“ angesichts der immer noch anhaltenden Auswirkungen der Finanzkrise hoch aktuell.
Zu Beginn meines Aufenthalts habe ich mich selbst gefragt: „Haben sich die Teaching Libraries 2012 nicht längst in E-Learning, Data Labs, Media Centres und Information Commons aufgelöst?“ Nach vier Wochen USA kann ich sagen: Das alles gibt es. Intuitive und leicht anwendbare E-Learning-Programme, Data Labs zur Beratung von Studierenden in Bezug auf Datenmaterial, Media Centres mit 3D-Printern und Videoschnitt, Information Commons für Kreativarbeiter – an all diesen Themen wird an allen Ecken und Enden gearbeitet. Dabei fiel besonders auf, wie beeindruckend strategisch und auf ihren jeweiligen Kontext und ihre jeweilige Zielgruppe alle Bibliotheken, ob Academic oder Public Libraries, ausgerichtet waren. Das strategische Herangehen an Services und auch an die Vermittlung von Informationskompetenz habe ich als sehr professionell erlebt: Welche Dienstleistungen und Angebote stützen unsere benutzerorientierten Ziele? Diese Frage habe ich immer im Hintergrund gesehen – sie musste eindeutig beantwortet werden können, damit eine Idee innerhalb der Bibliothek umgesetzt wird. Die interne Verschiebung von Personal in Richtung Informationskompetenz, Beratung, Auskunft, Webdiensten und Serviceleistungen ist in vielen Bibliotheken schon weit vorangeschritten – eine Entwicklung, die im deutschsprachigen Raum ebenso kommen wird? In den USA hat diese Verschiebung jedenfalls zu einem zukunftsweisenden Profil und einem sehr positiven Image geführt.
Als alles einrahmender Eindruck stehen mir in erster Linie die Serviceorientierung und das Engagement der Bibliothekare und Bibliothekarinnen, die ich getroffen habe, vor Augen. Die unterschiedlichen Herangehensweisen der Public und Academic Libraries habe ich in den USA eher sogar noch ausdifferenzierter als in Deutschland erlebt – dient man im einen Fall vollkommen der „Community“ vor Ort, wird im anderen Fall ganz klar die Hochschulöffentlichkeit in den Blick genommen. Das hat mir noch einmal verdeutlicht, wie wichtig es ist, die eigene Kundschaft sehr genau zu kennen und zu wissen, an wem man die eigenen Services ausrichten soll.
Aufgelöst haben sich die Angebote der Teaching Libraries also überhaupt nicht – im Gegenteil. Die Notwendigkeit, mit Studierenden sowie Schülerinnen und Schülern Wissen um das Finden und Verwenden von Informationen jeder Art und jeder Herkunft zu erarbeiten, ist auch in den USA zukunftsweisender und essentieller Bestandteil der Bibliotheksarbeit.
Autorin
Maren Krähling (kraehling@blib-karlsruhe.de)
Badische Landesbibliothek
