Die Tagung Bibliothek 4.0 der Winterthurer Bibliotheken war eine grossartige Veranstaltung mit hochkarätigen Referentinnen und Referenten aus Deutschland, Dänemark und den USA. Sie machten den Teilnehmenden Mut, Neues auszuprobieren und sich von der Komplexität der Welt nicht zu sehr verunsichern zu lassen.
Diese Hauptbotschaften waren in irgendeiner Form Teil jedes Referats an der Tagung Bibliothek 4.0 in Winterthur am 26. Oktober 2017:
- Die Menschen stehen im Mittelpunkt und zwar sowohl die Bibliotheksbesuchenden wie auch die Bibliotheksmitarbeitenden.
- Es gibt keine definitive Antwort auf die Frage, wie die Bibliothek der Zukunft aussehen soll.
- Ausprobieren! Do it! Gute Ideen sollten nicht mit zu langer Konzeptarbeit zu Tode gedacht werden. Und Misserfolge gehören dazu.
- Die Angebote der Bibliotheken müssen auf die lokalen Bedürfnisse zugeschnitten sein.
Im Folgenden werden einige Denkanstösse aus den Referaten herausgepickt. Die Folien zu den Referaten stehen auf der Webseite der Tagung zum Download zur Verfügung.
Herausforderungen von Komplexität als Führungsaufgabe
Laut Arne Ackermann, Direktor der Stadtbibliothek München, sind wir in der heutigen komplexen Welt systematisch überfordert. Um den Begriff Komplexität zu definieren, zitierte er Harald Lesch, den deutschen Astrophysiker und Wissenschaftsjournalisten: Eine norditalienische Stadt mit vielen Einbahnstrassen ist kompliziert. Wenn aber die Fahrtrichtung im Verlaufe des Tages in Abhängigkeit des Verkehrsaufkommens wechselt, dann wird aus einem komplizierten System ein komplexes System, weil es nicht mehr vorhersehbar ist. Lesch ist denn auch der Meinung, dass wir angesichts der rasanten Entwicklungen im Bereich der Software und der künstlichen Intelligenz besorgt sein sollten.
Der italienische Philosoph Luciano Floridi hingegen ist weniger besorgt – Arne Ackermann empfiehlt die Lektüre seines Buchs «Die 4. Revolution» ((Buchtipp: Luciano Floridi: Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert. Suhrkamp, 2015)) wärmstens. Die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz würden überschätzt, so Floridi. Als dritten grossen Denker zog Ackermann Harald Weltzer, den deutschen Soziologen und Sozialpsychologen, heran: Komplexität werde oft als Abwehr benutzt, um etwas nicht zu tun.

Unternehmen wie beispielsweise Bibliotheken können aber angesichts der durch die Digitalisierung zunehmenden Komplexität der Welt nicht einfach nichts tun. Sie müssen ihre Strategien anpassen. Im Fokus stehen dabei zunehmend die Menschen, die Beziehungen, die Kommunikation. Es geht um eine Besinnung auf die grundlegenden Werte, Haltungen und Aufgaben.
Ackermann beschrieb als Beispiel die Entwicklung einer Vision ((Was ist eine Vision?
– ein Instrument zur Organisationsentwicklung, bietet strategische Orientierung
– muss sein: flexibel, erstrebenswert, möglich, vorstellbar, konzentriert, kommunizierbar
– im Unterschied zu Strategiepapieren oder Leitbildern ist die Vision emotionalisierend)) für die Stadtbibliothek München. Eine Vision ist die zentrale Botschaft einer Bibliothek. Sie funktioniert nur über die Emotionen, die sie beinhaltet und auslöst, und sie muss geerdet sein im Betrieb, was voraussetzt, dass alle Mitarbeitenden in irgendeiner Form an deren Entwicklung beteiligt waren.
Im Blog der Münchner Stadtbibliothek berichtet Anke Buettner, Leitung Programm- und Öffentlichkeitsarbeit, über den Entstehungsprozess dieser Vision.
Culture of Innovation: Engagement through Making
Die Fayetteville Free Library (FFL) in New York war die erste öffentliche Bibliothek weltweit, die einen Makerspace eingerichtet hat. Dies hat laut der Direktorin Susan Considine alles in der Bibliothek verändert: wie die Bibliothek mit der Community zusammenarbeitet, wie die Bibliotheksmitarbeitenden als Team agieren, wie sie ihre Ressourcen priorisieren, wie die Bibliothek geführt wird etc. Die Community bestimmt nun, wohin sich die Bibliothek bewegt. Considines Referat war denn auch in erster Linie ein «Pep Talk», eine Aufforderung, solche Veränderungen wie beispielsweise die Einrichtung eines Makerspaces zu wagen: Do it!

Considine ist sich aber natürlich bewusst, dass Veränderungen zu Unsicherheit führen und Ängste auslösen. Sie erfordern Mut, denn sie beinhalten immer Risiken. Sie erfordern deshalb viel gegenseitiges Vertrauen innerhalb eines Bibliotheksteams und einen konstruktiven Umgang mit Fehlern und Misserfolgen. Es wird kaum gelingen, alle Mitarbeitenden gleichzeitig und gleichermassen mitzuziehen. Es gilt, einige Mitarbeitende mit Enthusiasmus und der Begeisterung für eine Idee zu infizieren. Diese werden weitere Kolleginnen und Kollegen anstecken. Aber vielleicht lassen sich nicht alle Angestellten ins Boot holen. Einige werden sich im Zuge solcher Prozesse wohl oder übel eine andere Stelle suchen müssen.
Entscheidend ist, dass «Making» und Makerspaces in jeder Community anders aussieht, denn die Bedürfnisse der Community beeinflussen deren Ausgestaltung. Die Bibliothekarinnen und Bibliothekare können und müssen nicht die Experten sein in Bezug auf jedes neue Tool, jede neue Entwicklung in Sachen «Making». In der Community gibt es genügend Expertinnen und Experten, diese Ressourcen ((Buchtipp: Peter Block & John McKnight: The abundant community. Awakening the power of families and neighborhoods. 2010)) sollten angezapft werden oder besser: Die Bibliothek bietet sich ihnen als Plattform an. Um die Menschen aus der Community als Expertinnen und Experten in die Bibliothek zu holen, hat die FFL einen Fragebogen entwickelt:
- What do you love to do?
- What are you passionate about?
- Would you be interested in sharing what you know / teaching it to your neighbors / to the community?
Diese drei Fragen haben alle Bibliotheksmitarbeitenden bei jeder Begegnung mit Bibliotheksbesuchenden im Hinterkopf und wenn möglich sogar ausserhalb der Bibliothek bei privaten Gesprächen. Die Bibliothek schafft dann die Rahmenbedingungen, dass interessierte Personen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten an die Community weitergeben können, sei es beispielsweise Nähen oder Programmieren. Inzwischen hat die FFL mehr ehrenamtliche Mitarbeitende als Angestellte. Rund 40 Prozent der Anlässe werden von den ehrenamtlichen Mitarbeitenden bestritten.
Bringing Aalborg Public Libraries into the future
Inge Tang Nannerup aus Aalborg in Dänemark stellt das Erlebnis der Besucherinnen und Besucher ins Zentrum ihrer Bibliothekangebote. Die Hälfte der Bibliotheksbesuchenden leiht nie ein Buch aus. Also sollte der Raum nicht um die Bücher herum organisiert sein, sondern die Bibliotheksbesuchenden sollten im Mittelpunkt stehen. Die Bibliothek wird so zu einem Aufenthaltsort: a meeting place, working place, cultural market place, modern community hall, a place to simply be.
Der Bestand ist nach wie vor wichtig, ist jedoch nicht mehr der alleinige Fokus einer Bibliothek. Er wird deshalb kleiner, aktueller und orientiert sich an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer. In Aalborg führte die Reduktion der verfügbaren Titel dazu, dass sie häufiger ausgeliehen wurden. Dazu trägt auch die Art der Präsentation der Bücher bei: weniger Buchrücken, mehr Buchcovers. Grundsätzlich sind für Inge Tang Nannerup aber nicht die Ausleihzahlen entscheidend, sondern die Erfahrungen, welche die Bibliotheksbesuchenden in der Bibliothek machen.
Der Gestaltung des Bibliotheksraums kommt dabei die entscheidende Bedeutung zu. Er sollte als offener Raum konzipiert sein. Die Bibliotheken in Aalborg verzichten daher auf Verbotsschilder. Wer würde denn in einer Bibliothek überhaupt auf die Idee kommen, zu rauchen? Auch werden die verschiedenen Zonen in der Bibliothek nicht mit Schildern unterschieden, sondern durch intuitives Design, beispielsweise durch Farben.
Bei all diesen Veränderungen ist es Inge Tang Nannerup wichtig, dass die Bibliothek nicht in Konkurrenz tritt zu Schulen oder anderen Kulturinstitutionen. Die Bibliothek sollte vielmehr eine Ergänzung zu bestehenden Angeboten sein und die Zusammenarbeit suchen. Weiterhin wird die Schule den Schülerinnen und Schülern das Lesen beibringen. Die Bibliothek ihrerseits kann die Liebe zu den Büchern und zum Lesen vermitteln.
The Future is About Knowledge Not Information
R. David Lankes ((R. David Lankes: Erwarten Sie mehr. Verlangen Sie bessere Bibliotheken für eine komplexer gewordene Welt. 2017)), Professor und Leiter der School of Library and Information Science, University of South Carolina, Columbia, referierte auch in Winterthur wie gewohnt humorvoll und rhetorisch gekonnt, sogar aus technischen Gründen ohne Präsentationsfolien. Er wiederholte sein Credo: The mission of librarians is to improve society through facilitating knowledge creation in our communities.
Er ergänzte dieses Credo um drei Prinzipien:
- The future of libraries is about knowledge, not data
- The future of libraries is not neutral
- The future of libraries is local and networked
Es lohnt sich, das Manuskript seines Referats ganz zu lesen oder sich die Aufzeichnung anzuhören. Deshalb wird hier auf eine weitere Zusammenfassung von Lankes Referat verzichtet.
Podiumsdiskussion
Als Abschluss der Tagung Bibliothek 4.0 in Winterthur moderierten Rob Bruijnzeels ((Buchtipp: Rob Bruijnzeels: Bibliotheken 2040. Die Zukunft neu entwerfen. 2003)) und Joyce Sternheim vom Ministry of Imagination aus den Niederlanden eine Podiumsdiskussion mit den Referentinnen und Referenten sowie Hermann Romer, Leiter der Winterthurer Bibliotheken (Videoaufzeichnung der Podiumsdiskussion).
Catrina Dummermuth, Viktoria Supersaxo, Ladina Tschander
Oktober 2017
aktualisiert: November 2017; Januar 2018 (Videolink)

