RB 59, August 2012
Christian Fuhrer, Christian Gutknecht, Franziska Moser
Bedeutung und Strategien von Open Access
Die Preise für Zeitschriftenlizenzen steigen ungebremst, wenn auch in der Schweiz zurzeit wegen des starken Frankens nicht spürbar. Auch deshalb bleibt Open Access, der freie Zugang zu Forschungsresultaten, unvermindert aktuell. Im Ausland war in den letzten Monaten eine Flut von Aktivitäten zu beobachten. Die Europäische Kommission etwa hat im Juli 2012 Open Access als generelles Prinzip für das nächste EU-Forschungsprogramm „Horizont 2020“ mit Laufzeit 2014-2010 und einem Budget von 80 Mia. Euro präsentiert[2]. Open Access soll auch zu Forschungsdaten (experimentelle Resultate, Beobachtungen, Computergenerierte Information etc.) gefördert werden. Im deutschen Bundestag sprach sich im Juni 2012 die Enquete Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ für eine umfassende Unterstützung des Open Access-Prinzips und ein verbindliches Zweitveröffentlichungsrecht aus[3]. Dieses Recht würde die Green Road zu Open Access befördern, die Hinterlegung von Publikationen in Open Access-Dokumentenservern, sogenannten Repositorien. Ebenfalls in Deutschland wurden im April 2012 Allianz- und Nationallizenzen mit Open Access-Komponente präsentiert – ein neues Modell der Lizenzierung wissenschaftlicher Zeitschriften, bei dem die Verhandlungspartner Konditionen festlegten, wie Publikationen in den entsprechenden, lizenzierten Zeitschriften in Repositorien hinterlegt werden können[4].
Solch national koordinierte Vorstösse zu Open Access fehlen in der Schweiz noch. Der Schweizerische Nationalfonds kennt zwar seit 2007 eine grundsätzliche Verpflichtung seiner Beitragsempfänger zu Open Access[5], der Umsetzungsgrad ist jedoch unbekannt. Mehrere Schweizer Forschungsinstitutionen haben die Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen unterzeichnet, welche nebst Publikationen auch Forschungsdaten umfasst, und einige haben Leitlinien zur Umsetzung von Open Access formuliert. Somit spielt sich Open Access in der Schweiz zurzeit vor allem an den einzelnen Hochschulen ab, beispielsweise indem Repositorien aufgebaut und in die IT-Umgebung der Forschenden vernetzt werden, damit nebst Open Access auch das Publikationsmanagement – ein Mehrwert durch Nachnutzung von Repositorien-Inhalten in Jahresberichten, Websites, Evaluationen etc. – verbessert wird[6]. Zusammen mit dem aufkommenden Publikationskostenmanagement, welches weiter unten ausgeführt wird, und den bereits erwähnten Lizenzen mit Open Access-Komponente ergeben sich interessante neue Handlungsfelder, auch für wissenschaftliche Bibliotheken und ihre Konsortien.
Bei der Zweitveröffentlichung in Repositorien sind die Verlagsverträge zu beachten, welche die Forschenden beim Publizieren ihrer Arbeit oftmals unterzeichnen[7]. In vielen Fällen übertragen diese vertraglichen Vereinbarungen die Urheber- und Nutzungsrechte auf den Verlag. Oft behalten die Autoren das Recht, ihre Arbeit in der Form des akzeptierten Manuskripts (vom Verlag zur Veröffentlichung akzeptierte letzte Manuskriptversion ohne Layout und Copy-Editing des Verlags, aber qualitätsgesichert durch das vorausgegangene Review-Verfahren) in ihrem Repository zu präsentieren, manchmal nach Ablauf einer Sperrfrist. Die Datenbank Sherpa/RoMEO leistet gute Dienste bei der Abklärung der Autorenrechte[8].
Vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften publizieren Forschende ihre Werke gelegentlich ohne urheberrechtliche Vereinbarungen mit ihren Verlagen. Haben die Forschenden ihren Wohnsitz in der Schweiz, so gelten für die Hinterlegung solcher Werke auf einem schweizerischen Repository die gesetzlichen Bestimmungen des Schweizerischen Obligationenrechts – auch wenn der Verlag seinen Hauptsitz im Ausland hat. In diesen Fällen dürfen Zeitschriftenartikel und Buchbeiträge drei Monate nach dem vollständigen Erscheinen offen im Repository hinterlegt werden, bei Zeitungsartikeln entfällt die Sperrfrist (gestützt auf Art. 382 Abs 2 & 3 OR[9]). Zu beachten ist, dass bei einem ausländischen Repository oder beim Wohnsitz der Autoren im Ausland ausländisches Recht gelten könnte. Diese und andere Fragen zum Urheberrecht im Zusammenhang mit Open Access sind Thema des Rechtgutachtens der Universität Zürich[10].
Im Zurich Open Repository and Archive (ZORA), dem institutionellen Repository der Universität Zürich, haben nach über vier Jahren flächendeckender Erfassung und Information an die Forschenden bezüglich ihrer Autorenrechte nun etwa 40% der Einträge eine frei zugängliche Vollversion oder verweisen auf eine solche beim Verlag – seit 2008 und für die ca. 8‘000 Publikationen der Universität pro Jahr. Der Prozentsatz ist im internationalen Vergleich hoch[11]. Rückmeldungen von Fakultäten, Instituten und einzelnen Forschenden zeigen, dass ein wesentlicher Hinderungsgrund für noch mehr Open Access die Hinterlegung von akzeptierten Manuskripten ist, die zwar vertragsrechtlich wie oben erwähnt in vielen Fällen erlaubt, aber in der Praxis eher unbeliebt sind, weil die Forschenden die finalen Verlagsprodukte, an denen sie aber meist keine Rechte mehr haben, bevorzugen.
Aus strategischer und urheberrechtlicher Sicht würde sich Open Access verbessern, wenn unter anderem Forschungsdaten mit einbezogen, Verhandlungen zu Lizenzen mit Open Access-Komponente geführt, und die Gold Road zu Open Access – das Publizieren mit freiem Zugang beim Verlag, oftmals mit einer Open Access-kompatiblen Creative Commons Lizenz – zunehmen würden. In der Schweiz müssen die Grundlagen dazu noch vermehrt gelegt werden. Daher werden im Folgenden die Themen Forschungsdaten und Open Access-Funding – das Bereitstellen von Publikationskosten für Gold Open Access-Publikationen – behandelt.
Open Access und Forschungsdaten
Die Forschungsdaten-Welle[13] rollt, und im Ausland erscheinen zunehmend konkrete Konzepte für den Umgang mit den Daten[14]. In der Schweiz wurde 2008 im Auftrag der KUB (Konferenz der Universitätsbibliotheken der Schweiz) eine Konzeptstudie[15] erstellt, die zwei Szenarien für die Langzeitarchivierung von Primärdaten der Schweiz vorsah. 2010 schloss sich eine Umfrage direkt bei Instituten aller Schweizer Hochschulen an. Die Resultate belegen klar das Bedürfnis nach Langzeitarchivierung von Forschungsdaten in der Schweiz und zeigen, dass die Zuständigkeit (wer? was? wie lang?) zurzeit in den meisten Fällen nicht klar geregelt ist und (zu) häufig beim einzelnen Forscher liegt. Unklar blieb allerdings, auf welcher Ebene (Hochschule, national, international, disziplinspezifisch) das Thema Forschungsdaten angegangen werden soll. Von den Hochschulbibliotheken bleibt offenbar vor allem die ETH-Bibliothek mit dem Projekt Digitaler Datenerhalt[16] aktiv in diesem Gebiet.
Weltweit am meisten Aktivität kann man zurzeit in Grossbritannien beobachten. Dort verlangt der EPSRC, ein wichtiger Forschungsgeldgeber, von den Universitäten bis 2015 eine Roadmap für den Umgang mit und die Zugänglichkeit zu Forschungsdaten[17]. Forschenden von Institutionen, welche die Anforderungen des EPSRC nach 2015 nicht erfüllen, droht der Ausschluss von Forschungsgeldern. Aktuell läuft in Grossbritannien das zweite JISC „Managing Research Data“- Programm[18] mit insgesamt 27 Projekten. Ähnlich wie bei Open Access werden von Universitäten lokale Daten-Richtlinien erlassen, die beispielsweise vorschreiben, dass Forschende in Forschungsanträgen jeweils einen Data Management-Plan zu erstellen haben, woraus ersichtlich wird, welche Daten während des Forschungsprojektes erhoben, wo diese gespeichert und zugänglich gemacht werden.
Zwecks Überprüfung und Nachnutzung wird die Hinterlegung von Forschungsdaten in institutionellen oder fachspezifischen Daten-Repositorien auch von verschiedenen Zeitschriften explizit verlangt. Die kürzlich gestarteten Projekte JoRD[19] und re3data.org sollen in Zukunft einen Überblick über die vorhandenen Daten-Richtlinien von Zeitschriften und die existierenden Daten-Repositorien bieten.
Das Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften (FORS), angesiedelt an der Universität Lausanne und mitfinanziert vom Schweizerischen Nationalfonds, baut zurzeit mit dem Projekt FORSbase[20] ein solches fachspezifisches Daten-Repository auf. Im EU-Projekt OpenAIREplus[21], bei dem sich aus der Schweiz die Hauptbibliothek Universität Zürich beteiligt, befasst man sich zudem mit der Verlinkung von Publikationen und den dazugehörigen Forschungsdaten in Daten-Repositorien.
Immer mehr Richtlinien verschiedener Ebenen (Geldgeber, Universitäten, Zeitschriften) fordern grundsätzlich Open Access zu Forschungsdaten aus öffentlich finanzierter Forschung. Im Gegensatz zu Publikationen gibt es verständliche Gründe, Forschungsdaten nicht oder nur mit Einschränkungen frei zugänglich zu machen. Forschungsdaten enthalten beispielsweise besonders schützenswerte Personendaten oder bieten dem Urheber Material für weitere eigene Auswertungen, welches man im globalen Forschungswettbewerb nicht frühzeitig preisgeben will. Dennoch ist seit längerem nachgewiesen[22], dass das Teilen von Forschungsdaten zu höheren Zitationsraten der damit verbundenen Publikation führen kann. Kürzlich hat Thomson Reuters einen Data Citation Index angekündigt[23]. Auch das direkte Zitieren der Daten selbst soll mit sogenannten Data Journals einfacher werden. Solche Zeitschriften entstehen auch bei Open Access-Verlagen, beispielsweise das Journal GigaScience von BioMed Central im Bereich Life and Biochemical Science[24].
Open Access Funding
Verlage publizieren seit einigen Jahren vermehrt mit Open Access im Sinne der Gold Road. Es entstanden neue Open Access-Verlage, die sich beispielsweise durch Artikelkosten pro Publikation finanzieren. Ausserdem wurden an langjährigen traditionellen Verlagen eigene Open Access-Abteilungen gegründet (beispielsweise Springer Open, Wiley Open Access[25]), zusätzlich zum bestehenden Angebot an lizenzpflichtigen Zeitschriften einzelne Open Access-Zeitschriften gegründet (beispielsweise BMJ Open, Scientific Reports von Nature, Open Biology von Royal Society[26]) oder lizenzpflichtige Zeitschriften zu Open Access-Zeitschriften umgewandelt (beispielsweise EMBO Molecular Medicine von Wiley-Blackwell[27]). Open Access ist somit für Verlage zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell geworden, das auch in bestehende Abläufe integriert werden kann. Insgesamt konnten dadurch in den letzten Jahren hohe Open Access-Wachstumsraten verzeichnet werden: 18% pro Jahr seit 2000 im Bereich Zeitschriften und gar 30% im Bereich von einzelnen Artikeln[28].
Dieser Trend wird dadurch unterstrichen, dass 96 traditionelle Verlage[29] heute eine hybride Open Access-Option anbieten. Dies bedeutet, dass einzelne Artikel innerhalb von lizenzpflichtigen Zeitschriften mit zusätzlichen Gebühren „freigekauft“ werden können und mit Open Access verfügbar sind. Dieses Modell ist allerdings umstritten, da viele Verlage die zusätzlichen Einnahmen durch diese Open Access-Option nicht mit den Lizenzkosten verrechnen, was dazu führt, dass Forschungsinstitutionen doppelt bezahlen (sog. Double Dipping): einerseits für die Lizenzkosten, andererseits für einzelne Artikel, um diese mit Open Access zugänglich zu machen. Lizenzverhandlungen mit Open Access-Komponente könnten hier Abhilfe schaffen. Gemäss einer Studie zu Angebot und Nachfrage beim Publizieren in Open Access Journals ist die mangelnde Finanzierung die häufigste genannte Antwort auf die Frage, weshalb Forschende nicht mit Open Access publizieren[30].
Das Beispiel der Universität Zürich zeigt, wie eine Forschungsinstitution ihre Wissenschaftler beim Publizieren mit Gold Open Access auf zwei Arten unterstützen kann. Einerseits unterhält die Hauptbibliothek Universität Zürich Mitgliedschaften bei verschiedenen Open Access-Verlagen oder -Zeitschriften (BioMed Central, Public Library of Science, Wiley Open Access, Nucleic Acids Research), die es den Forschenden ermöglichen, zu reduzierten Kosen zu publizieren[31]. Da diese Verlage mehrheitlich im STM-Bereich publizieren, wurde zusätzlich für die Geistes- und Sozialwissenschaften ein offener Open Access-Publikationsfonds[32] gegründet. Dieser Fonds deckt die Publikationskosten in Open Access-Zeitschriften und Sammelbänden, soll aber auch für Monographien verwendet werden können, die komplett Open Access verfügbar sind.
Ausführlichere Informationen zu den in diesem Artikel behandelten Themen finden sich auf der Open Access-Website der Universität Zürich (http://www.oai.uzh.ch).
[2] http://ec.europa.eu/research/horizon2020/index_en.cfm?pg=h2020
[3] http://open-access.net/ch_de/austausch/news/news/anzeige/deutscher_bundestag_umfa/
[4] http://www.nationallizenzen.de/open-access/open-access-allianz-lizenzen.pdf/at_download/file
[5] http://www.snf.ch/D/Aktuell/Dossiers/Seiten/open-access.aspx
[6] https://www.openaire.eu/os-switzerland[7] https://www.ub.uzh.ch/de/wissenschaftlich-arbeiten/Rechtliche-Aspekte/urheberrecht-und-copyright.html[8] http://www.sherpa.ac.uk/romeo/
[9] http://www.admin.ch/ch/d/sr/220/a382.html
[10] http://dx.doi.org/10.5167/uzh-30945
[11] http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0013636
[12] https://open-access.network/informieren/rechtsfragen/lizenzen
[13] http://cordis.europa.eu/fp7/ict/e-infrastructure/docs/hlg-sdi-report.pdf
[15] http://dx.doi.org/10.3929/ethz-a-006070903
[16] http://www.library.ethz.ch/de/Ueber-uns/Projekte/Digitaler-Datenerhalt
[17] http://www.epsrc.ac.uk/about/standards/researchdata/Pages/expectations.aspx
[18] http://www.jisc.ac.uk/whatwedo/programmes/di_researchmanagement/managingresearchdata.aspx
[19] http://romeo.jiscinvolve.org/wp/2012/07/23/journal-research-data-policies/
[20] http://opendata.ch/files/2012/07/WiKu_schibli_OD-Konferenz-2012_Vorstellung-FORSbase_2012.06.28.pdf
[21] http://www.openaire.eu/
[22] http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0000308
[23] http://www.reuters.com/article/2012/06/22/idUS109861+22-Jun-2012+HUG20120622
[24] http://www.gigasciencejournal.com/
[25] http://www.springeropen.com /, http://www.wileyopenaccess.com/view/index.html
[26] http://bmjopen.bmj.com /, http://www.nature.com/srep/index.html , http://rsob.royalsocietypublishing.org/
[27] http://wileyopenaccess.wordpress.com/2012/03/07/high-impact-embo-molecular-medicine-to-publish-under-open-access-model/
[28] Laakso, M et al. (2011): The Development of Open Access Journal Publishing from 1993 to 2009. PLoS ONE, 6(6):e20961. http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0020961
[29] http://oad.simmons.edu/oadwiki/OA_by_the_numbers
[30] http://arxiv.org/abs/1101.5260
[31] https://www.ub.uzh.ch/de/wissenschaftlich-arbeiten/publizieren.html[32] https://www.ub.uzh.ch/de/wissenschaftlich-arbeiten/publizieren.html
