Alle zwei Jahre wieder finden sich Angehörige der Schweizer Bibliothekswelt am von Bibliosuisse organisierten Bibliothekskongress wieder. Unter dem Motto „Offenheit und Verantwortung – aktuelle Herausforderungen“ fand dieser am 2. und 3. November im Kongresshaus in Zürich statt. Olivier Vogel, Lena Oetjens und Mark Ittensohn berichten von ihren Highlights – und die Kommission Biblio2030 steuert einen visuellen Eindruck bei.
Autor:innen
Olivier Vogel, Abteilung E-Medien, ZHB Luzern
Lena Oetjens, Leiterin Medien- und Informationszentrum, Zürcher Hochschule der Künste
Mark Ittensohn, IK, Digitale Dienste, Entwicklung, ZB Zürich
Kommission Biblio2030 mit einer visuellen Impression
Olivier Vogel, ZHB Luzern
Ich bin das erste Mal an einem Bibliothekskongress gewesen, daher wusste ich nicht so recht, was mich erwarten sollte. Im Vorfeld wurde mir der Kongress von meinen Kolleg:innen als eine Art Klassentreffen geschildert. Das hat mir nur bedingt weitergeholfen. Denn wir alle wissen: es gibt zwei Arten von Klassentreffen. Die einen sind sehr amüsant, versöhnlich und ausgelassen, die anderen hingegen furchtbar verkrampft, launisch und einfach nur schrecklich. Auf welche Seite die Stimmung kippt, entscheidet sich leider erst, wenn das Treffen schon läuft. Entsprechend neugierig habe ich mich am Donnerstagmittag zum Kongressgebäude aufgemacht und bereits auf dem Weg dahin erste bekannte Gesichter gesehen. Leider konnte ich aus deren Mimik noch nicht herauslesen, ob sich diese Personen auf ein Fest oder einen Boxkampf vorbereitet haben.
Obwohl ich persönlich dem Boxsport nicht abgeneigt bin, war ich froh, gleich zum Kongressbeginn feststellen zu dürfen, dass dies ein herausragendes Klassentreffen werden sollte. Kaum eingetreten, bin ich angekommen. Ich fand ausreichend Zeit, um mit alten Kolleg:innen zu quatschen. Ich durfte den ganzen Tag interessante Kolleg:innen treffen und konnte mich mit klugen und sympathischen Leuten austauschen, die ähnliche bibliothekarische Aufgaben bearbeiten, wie ich es tue. Wie jedes gute Klassenfest ging auch die Bibliosuisse in die Verlängerung. Und damit komme ich auch auf mein persönliches Highlight zu sprechen. Wir alle wissen, dass bibliothekarische Themen in der echten Welt nicht wirklich festtauglich sind. Aber an diesem Abend konnte ich mich sogar an einer Party über Metadatenkram unterhalten, ohne von den Gegenübern gelangweilt angeschaut zu werden, im Gegenteil, die diskutierten engagiert mit. Das wird mir so schnell nicht wieder passieren. Vermutlich erst am nächsten Bibliothekskongress.
Lena Oetjens, ZHdK
Der diesjährige Bibliosuisse-Kongress lässt sich für mich in drei Highlights zusammenfassen:
Inhaltlich war ich den Themen Open Access und Open Science auf der Spur. Hier lernte ich neben unseren eigenen ZHdK-Beitrag zu Open Science im Bereich der Künste und des Designs, den ich mit meiner Kollegin Jasna Zwimpfer übernahm, viel zu den laufenden Initiativen bezüglich der Initiative AKORD und dem Forschungsdatenmanagement an den schweizerischen Hochschulen.
Ein zweiter Bereich galt dem Datenmanagement in den Spezialsammlungen: So nahm ich bei zwei lebhaften Diskussionsrunden der ETH-Bibliothek zum Erzeugen, Anreichern, Bereitstellen und Verwenden von Daten wie beispielsweise Georeferenzierung von Fotos oder den interaktiven Sammlungen auf e-rara teil. Hier begeisterte mich insbesondere die Präsentation von AstroRara und die erfolgreiche Einbindung Freiwilliger in Citizen Science-Projekten. Auch der Einsatz von KI in den digitalen Kollektionen der ETH-Bibliothek war ein spannendes Thema. Die Vortragenden zeigten im Ignite Talk auf, inwieweit die Verschlagwortung von Bildern automatisiert werden kann, wie Natural Language Processing eingesetzt wird und welche Rolle die Datendokumentationen für die Erstellung von Modellen einnimmt.
Drittens erinnere ich mich – wohl am intensivsten – an die persönlichen Begegnungen. Es war mir eine grosse Freude, alte Bekannte wiederzutreffen und neue Kontakte zu knüpfen. Sinnbildlich dafür nenne ich neben mancher Kafipause insbesondere die Gespräche bei den Führungen im SIK-ISEA und der Bibliothek des Landesmuseums: Herzlichen Dank für diese Einblicke.
Was nehme ich mit vom Bibliosuisse-Kongress 2023 in Zürich? Wir sind eine starke, gut vernetzte Community in der Schweiz. Die dynamischen Veränderungen können wir so gemeinsam angehen und gute Lösungen finden. Dabei bin ich zuversichtlich, uns gehen weder die Ideen für neue Wege als auch die Freude am Weiterentwickeln bisheriger Ansätze nicht so bald aus. In diesem Sinn: Auf ein Wiedersehen, hoffentlich bereits vor 2025.
Mark Ittensohn, ZB Zürich
Der Schweizer Bibliothekskongress war wie jedes Jahr ein inspirierendes Ereignis. Dieses Jahr in Zürich, öffnete die Konferenz mit einer Keynote zum Thema ‘Digitale Transformation’. Die Präsentation war ein aufschlussreicher Einstieg in das Thema, betonte die Bedeutung der digitalen Transformation in der heutigen Arbeitswelt und ging dabei über bekannte Themen wie HomeOffice oder virtuelle Treffen hinaus.
Einer der anschliessenden Vorträge, bei dem es um eine kritische Auseinandersetzung mit Wissenschaftsverlagen als „Surveillance Publisher“ ging, traf für viele Teilnehmenden einen Nerv. Der Input erläuterte die potenziellen Auswirkungen von KI-gestützten Datenanalytik auf Forschungsevaluation und -trends. Viele Teilnehmende zeigten sich besorgt über die aufgezeigten Risiken und interessiert an möglichen Lösungsansätzen.
Ein dritter Vortrag präsentierte die transformative Vision der Schweizerischen Nationalbibliothek, die sich zu einem modernen Kultur- und Wissensort wandelt. Die Idee einer Bibliothek als „Forum“, das für alle zugänglich ist und Raum für Forschung, Austausch und Inspiration bietet, fand großen Anklang. Die Zuhörer waren beeindruckt von den Plänen zur physischen Umgestaltung der Nationalbibliothek und der damit verbundenen kulturellen und sozialen Bedeutung.
Den Abschluss des ersten Tages wurde mit einer Party gebührend gefeiert. Die Atmosphäre war angenehm gemütlich und bot eine großartige Gelegenheit zum Netzwerken und zum weiteren Gedankenaustausch nach einem Tag voller anregender Inputs.
Der zweite Tag startete mit einer inspirierenden zweiten Keynote zum Thema Künstliche Intelligenz. Der Talk über die Rolle der KI in unserer Gesellschaft und ihre disruptiven Potenziale war nicht nur unterhaltsam präsentiert, sondern zeigte auch erneut die hohe Relevanz von KI für die Zukunft der Bibliotheken und des Informationsmanagements.
In zwei folgenden Vorträgen am Vormittag stand die sich wandelnde Unternehmenskultur von Bibliotheken im Zentrum. In einem ersten Panel ging es um die Idee, dass Bibliotheken ihre traditionellen Grenzen überwinden und in einer digitalen, postmodernen Welt agieren müssen. Die Kontraste zwischen der linearen, regelgebundenen Organisation von Bibliotheken und der nichtlinearen, partizipativen Natur des Internets und der digitalen Gesellschaft regten dabei besonders zum Nachdenken an. Ich selbst war Teil eines Panels, der das Thema Agilität in den Kontext von Bibliotheken beleuchtete. Zu viert teilten wir unsere Erfahrungen mit agiler Führungskulturen in ihren Bibliotheken: von der Anpassung von Strukturen bis hin zur Entwicklung einer Kultur der Selbstorganisation und dem Verankern eines agilen Mindsets.
Nach einer erfrischenden Mittagspause ging es weiter mit spannenden Panels zum Einfluss von KI auf Sammlungen und die Vermittlung von Informationskompetenz. Beide Sitzungen lieferten tiefe Einblicke in die aktuelle und zukünftige Rolle der KI in Bibliotheken. Die Inputs über die Integration von KI-Technologien in Bibliothekssammlungen und die Auswirkungen auf die Vermittlung von Informationen waren sowohl herausfordernd als auch inspirierend.
Der Schweizer Bibliothekskongress hat dieses Jahr erneut gezeigt, wie auch in 2 kurzen Tagen eine breite Palette von Themen abgedeckt werden können, die für die heutige Informationsgesellschaft von zentraler Bedeutung sind. Die Teilnehmenden, angereichert mit neuen Perspektiven und Erkenntnissen, stehen nun vor der spannenden Aufgabe, diese Ideen in ihre jeweiligen Berufskontext zu integrieren.
Kommission Biblio2030

