RB 57, März 2012
Monika Bargmann
Seit 1989 gibt es eine Arbeitsgruppe innerhalb der Vereinigung österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB), die sich mit Frauen- und Geschlechterfragen im Bibliothekswesen befasst. Zur Entstehung: 1896 wurde der „Österreichische Verein für Bibliothekswesen“ als eine der weltweit ersten bibliothekarischen Standesvertretungen gegründet, 1945 als „Vereinigung österreichischer Bibliothekare“ neu belebt. Im März 1989 fanden sich engagierte Bibliothekarinnen im Rahmen der VÖB in einem offenen Arbeitskreis für Frauenfragen zusammen. Eine der ersten, hart erkämpften Erfolge war, dass seit 1993 die Bibliothekarinnen im Vereinsnamen eigens erwähnt werden – etwas, das wir vergleichbaren Berufsverbänden (auch noch zwanzig Jahre später!) voraushaben. Dieser Tagesordnungspunkt wurde damals so heftig diskutiert, dass die gesamte VÖB an dieser Frage zu zerbrechen drohte, berichten Kolleginnen. 1994 wurde der temporär angelegte Arbeitskreis zu einer offiziellen „Kommission für Frauenfragen“ aufgewertet, 2009 schließlich in „Kommission für Gender-fragen“ umbenannt.

Die rund fünfzehn – derzeit ausschließlich weiblichen – Mitglieder der Kommission befassen sich mit Themen wie geschlechtergerechte Sacherschließung, geschlechtergerechte Kinder- und Jugendliteratur, Bibliothekarinnengeschichte, Berufsbild und Image von Bibliothekarin/Bibliothekar sowie allgemeinen geschlechterspezifischen Berufsfragen. Wir besuchen in unregelmäßigen Abständen einschlägige Informationseinrichtungen, wie zum Beispiel QWIEN Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte oder die Bibliothek und Dokumentationsstelle des Vereins „Frauensolidarität“.
Unser schönster Erfolg der letzten Jahre waren sicher unsere zwei Sessions mit insgesamt fünf Beiträgen am Bibliothekartag 2011 in Innsbruck, die sehr gut besucht waren und für die wir viele positive Rückmeldungen bekamen. Zum Beispiel zeigte und kommentierte Danilo Vetter seine Filmdokumen-tation „,Die geschätzte Kollegin vom festgezurrten Haupthaar’. Geschlecht – (k)eine Frage in Bibliotheken?“, Margit Hauser stellte das „STICHWORT. Archiv der Frauen und Lesbenbewegung“ vor, und Karin Aleksander brachte uns mit ihrem Vortrag „Gendern heißt ändern“ zum Nachdenken über die Beschlagwortungspraxis.
Apropos „Bibliothekartag“: Die Umbenennung der zweijährlichen VÖB-Konferenz in das neutralere „Bibliothekstag“ oder „BibliothekarInnentag“ ist der Kommission seit vielen Jahren ein Anliegen. Dazu eine kleine Anekdote: Als der VÖB-Präsident diesen Vorschlag sinngemäß mit „nur über meine Leiche“ quittierte, beschlossen wir: Wir machen uns unseren Bibliothekarinnentag eben selbst! Als schließlich im Protokoll einer Vorstandssitzung von einer geplanten „Veranstaltung zum Thema ‚Wir machen uns unseren Bibliothekartag selbst'“ die Rede war, sahen wir das als weiteren Beleg für die Notwendigkeit unserer Aktivitäten.
Unsere nächsten größeren Vorhaben: Wir planen einen Workshop zum Thema Sacherschließung, wo alternative Projekte wie der Homosaurus und die Thesaura vorgestellt, aber auch die Möglichkeiten für eine geschlechtergerechte Schlagwortnormdatei diskutiert werden sollen. Außerdem planen wir, auch für die nächsten österreichischen Bibliothekskonferenzen ein Programm zusammenzustellen. Da das österreichische Wissenschaftsministerium der VÖB vor kurzem sämtliche Förderungen strich und die Tagungen daher kürzer und kleiner ausfallen werden müssen als bisher gewohnt, bleibt spannend, ob wir das Programmkomitee erneut mit unseren Inhalten überzeugen werden können. Herausforderungen bleiben die geographische Streuung unserer Mitglieder, die persönliche Treffen erschwert, und die Ge-winnung von Männern für die Kommissionsarbeit. Von Anfang an geplant hatten wir die Vernetzung mit vergleichbaren Gruppen im deutschsprachigen Raum – aber da gibt es offensichtlich keine. Wenn doch, freuen wir uns sehr über Kontaktaufnahme und Kooperation, natürlich auch von Einzelpersonen!
In den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens wurde die Existenzberechtigung der Gruppe innerhalb des Vereins immer wieder in Frage gestellt. Diese Stimmen sind erfreulicherweise in den letzten Jahren verstummt – wenn wir jetzt noch unseren Bibliothekstag durchsetzen, sind wir offensichtlich wirklich angekommen…
Links zum Thema
Facebook-Auftritt der Kommission für Genderfragen: http://www.facebook.com/genderfragen
Website der Kommission f. Genderfragen:https://gleichbehandlung.univie.ac.at/
Monika Bargmanns Blog Library Mistress: http://library-mistress.blogspot.com/
