Sechs Schweizer Bibliothekarinnen reisten an die Next Library Conference 2018 in Berlin. Hier berichten vier von ihnen von anregenden Vorträgen, Musterbrechern, spassigen Programmierworkshops und irritierenden Performances in der Bibliothek. Und sie zeigen deutlich, weshalb eine Fachkonferenz für die öffentlichen Bibliotheken auch für wissenschaftliche BibliothekarInnen ein Gewinn sein kann.
Die Next Library® Conference wurde erstmals 2009 durch die Aarhus Public Libraries (Dänemark) durchgeführt. Sie ist heute bekannt als eine der wichtigsten unabhängigen Fachkonferenzen für die öffentlichen Bibliotheken des 21. Jahrhunderts und findet alle zwei Jahre in Aarhus statt. Das Format der Veranstaltung ist jeweils ein Mix aus partizipativen, kreativen, pluralistischen und interaktiven Formen des Austauschs, vielen parallelen Workshops, Impulsreferaten, Präsentationen, einem Empfang und vielem mehr.
Als internationale Zukunftskonferenz für die Entwicklung Öffentlicher Bibliotheken gilt Next Library® als Partnerin und Plattform für Aktivitäten der Stadtgesellschaft. Im Jahr 2014 gab es erstmals eine auswärtige Konferenz in Chicago. 2018 wurde die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) gebeten, die Konferenz in Berlin auszurichten.

So fand sie vom 12. bis 15. September 2018 rund um die Amerika-Gedenkbibliothek Berlin statt. Die Themen wurden in Zusammenarbeit mit der Next Library Community und BibliothekarInnen aus der ganzen Welt entwickelt. 400 Personen aus 36 Ländern nahmen teil (6 Frauen aus der Schweiz – 4 davon schreiben hier), die Konferenzsprache war Englisch.
Die Konferenz war sehr gut und aufmerksam organisiert. Der eigens dafür gebaute «Campus» der Firma Raumlabor Berlin und die Heilig-Kreuz-Kirche Berlin-Kreuzberg sowie die überschaubare Anzahl Veranstaltungen waren eine ideale Umgebung und ermöglichte viel persönlichen Austausch unter den Teilnehmenden.
Neben morgendlichen «Kreativitäts-Workouts» und zwei gut besuchten Abendveranstaltungen gab es auch ein «Buddy»-Angebot, bei dem sich Berliner Bibliothekarinnen und Bibliothekare als «Buddy» für ein individuelles Abendprogramm zur Verfügung stellten.
Nachfolgend einige Eindrücke von Impulsreferaten und Workshops aus dem Programm:
Impulsreferat von R. David Lankes
R. David Lankes ist als Direktor der School of Library and Information Science der Univer-sity of South Carolina bekannt für seine zukunftsgerichteten Ideen zur Förderung und Entwicklung des Bibliothekswesens (https://davidlankes.org/). Er motivierte die BibliothekarInnen in einer videoübertragenen Rede, aus ihrer «comfort zone» herauszukommen und sich stark zu machen für eine Öffnung der Bibliotheken basierend auf den Bedürfnissen der sie nutzenden Bevölkerung. Ebenso rief er die BibliothekarInnen auf, sich mutiger mit der Zukunft ihres eigenen Berufes auseinanderzusetzen und dessen Entwicklung proaktiver mitzugestalten. (2017 war R. David Lankes zu Besuch in Winterthur)
Impulsreferat von Stefan Kaduk
Lesen Sie den Beitrag von Marianne Ingold.
Impulsreferat von Sandi Hilal
Sandi Hilal ist palästinensische Architektin und Forscherin (www.decolonizing.ps) und hat viele Jahre als kritische Pädagogin experimentellen Bildungsprogramme in Flüchtlingslager entwickelt und durchgeführt. Sie schilderte auf eindrückliche Weise, wie in solchen Lagern die Privatsphäre als solche gar nicht existiert und somit das Konzept des «öffentlichen Raums» ganz anders definiert und wahrgenommen wird. Ihre Forschung zu diesen Themen gibt ihr die Möglichkeit, die Realität von MigrantInnen und Flüchtlingen in Europa neu zu beleuchten.
Sie fordert die BibliothekarInnen auf, sich mit dem Konzept des öffentlichen Raumes im Zusammenhang mit den Öffentlichen Bibliotheken auseinanderzusetzen: welche Rollen können Räume in einer Bibliothek haben, was bedeutet «öffentlicher Raum», wenn er nicht vom «Staat» verwaltet ist? Inwiefern sind diese Räume in Bibliotheken «Wohnzimmer der Stadtgesellschaft» und für viele Menschen weder öffentlich noch privat – oder beides? Inwiefern sind die Bibliotheken «Gastgeber» und die NutzerInnen die «Gäste» und inwiefern und wann sind die Bibliotheksmitarbeitenden selber die «Gäste», weil der Raum den Menschen übergeben wird, die ihn nutzen? Wie können die NutzerInnen eine «Gastgeberrolle» übernehmen, was sie in diesen Momenten zu aktiveren Menschen machen könnte, die sich mehr «zu Hause» fühlen und somit auch mehr Verantwortung übernehmen? Der Erfolg von Wissensproduktion hängt stark damit zusammen, inwieweit sich die Menschen wertgeschätzt und Teil einer Gemeinschaft fühlen.
Workshop: #outofthebox – Neue Fördermöglichkeiten
Wir hatten die Gelegenheit, von einer NGO aus Brüssel zu erfahren, dass sehr viel EU-Geld zur Verfügung steht für innovative Projekte. Wir tauschten aus über erfolgreiche und abgelehnte EU-Fördergelder-Anfragen und gaben uns gegenseitig Ideen, wie Projektfinanzen erhalten und gut eingesetzt werden können. Dabei wurde auch klar, dass ein sehr grosser Aufwand betrieben werden muss, bis Gelder gesprochen werden. Die Schweizer Bibliotheken haben offenbar genauso gute Chancen, EU-Gelder zu erhalten wie Bibliotheken aus europäischen Ländern.
Workshop: Creative learning in the public library
Lesen Sie den Beitrag von Susanne Manz.
Workshop: Die Zukunft wartet nicht – Bibliotheken und Nachhaltigkeit
In dieser Runde wurde in den Diskussionen vor allem die Wichtigkeit, sich als Bibliothek als Teil eines Ganzen zu verstehen, hervorgehoben. Zukunftsorientiert zu denken, bewusst zu handeln und konsequent Nachhaltigkeitsgedanken sowohl im täglichen Arbeiten als auch in der Vernetzung mit Kooperationspartnern stark zu gewichten. Das braucht ein Umdenken, das braucht Mut, das braucht Engagement. Die motivierenden Inputs der Workshopleiterinnen aus New York wurden rege diskutiert.
Workshop: Die geheime Präsenz der Bibliotheken im städtischen Raum
Die Teilnehmenden wurden anhand von Bildern und Zitaten aufgefordert, kreative Ideen zu entwickeln, die Hinweise auf eine nahe Bibliothek im öffentlichen Raum ermöglichen. Die Arbeitsanlage mündete in eine Art Guerrilla-Marketing-Ansatz für die Kommunikation von Bibliothekspräsenz im öffentlichen Raum. Spannend, inspirierend, vielleicht schwierig umsetzbar.
The Art of Using Space – Theater in der Bibliothek
Lesen Sie den Beitrag von Chantal Wyssmüller.
Fishbowl-Diskussion: Bibliotheken/Schulen/Kulturelle Bildung
Diese Diskussionsrunde mit Personen aus Politik, öffentlichen Bibliotheken, aus der Schule und Kulturbetrieben war spannend und anregend. Viele Themen sind (alt)-bekannt und werden immer wieder diskutiert, sie verlieren aber deswegen nicht an Wichtigkeit. Alle scheinen dasselbe zu wollen: (kulturelle) Bildung und Freude am Lesen zu fördern. Alle scheinen auch vor allem ihre eigene Rolle als die zentrale zu sehen und unter Ressourcenknappheit zu leiden. Immer wieder entstand der Eindruck, dass das gegenseitige Verständnis zwar eingefordert, aber nicht sichergestellt ist. Offenbar wäre ein konkreterer und häufigerer Austausch zwischen den verschiedenen Interessengruppen wünschenswert und sinnvoll, aber die täglichen Herausforderungen sind deren zu viele.
Showrooms zu Raumgestaltung, Makerspaces, internationalem Austausch, digitalen Angeboten und Showrooms von Anbietern wie ekz und anderen begleiteten den Anlass.
Next Library®
Mut zum Experiment, Mut für Neues
anders denken, sich selber hinterfragen
die Zukunft der Bibliothek entwickeln wir selber
gemeinsam
Oktober 2018
Brigitte Zünd, Direktorin PBZ Pestalozzi-Bibliothek Zürich
