Christian Gutknecht
Future of Books, of Research Libraries and Publishing
Ich oute mich an dieser Stelle als grosser Fan der Library Science Talks. Die angekündigten RednerInnen und Themen sind nahezu ausnahmslos vielversprechend. So auch Michael A. Keller aus Stanford, der am 2. Mai zum Thema “Future of Books, of Research Libraries and Publishing” in der Nationalbibliothek referierte.
Gemäss seinem Lebenslauf hätte Keller ja wirklich so einiges Interessantes aus Wissenschaft, Bibliothek und Verlagswesen berichten können. Leider zog er es vor, ein unpersönliches Referat abzulesen. Es bestand überwiegend darin, den bekannten Wandel von analog zu digital und dessen Auswirkung auf das Buch, die Verlage und Bibliotheken zu beschreiben. Keller schien da gar keine so grossen Brüche zu sehen. Zwar gäbe es in einigen Wissenschaftsdisziplinen eine starke Tendenz zu e-only, aber noch längst nicht überall. Eine Bibliothek soll – trotz beschränkten Budgets – weiterhin auf beides (print und elektronisch) setzen.
Auch bezüglich Zugänglichkeit dürfte sich in der neuen digitalen Welt kaum etwas ändern. Für Keller, der selber bei Highwire-Press und Stanford University Press tätig ist, scheint sich die Forderung nach Open Access nur auf die grossen kommerziellen Verlage zu beziehen. Im Web findet man von ihm einen offenen Brief aus dem Jahre 2004 an die Förderorganisation NIH, worin Keller sich gegen eine Verpflichtung der Verlage zu Hinterlegung auf PubMed Central ausspricht, da er dadurch die wirtschaftliche Freiheit von Verlagen gefährdet sieht. Obwohl sich das NIH Mandat inzwischen als relativ effektiv erwiesen hat, liess Keller auch sieben Jahre später in Bern die Bemerkung fallen, Open Access (gemeint war wohl Green OA) gefährde die traditionellen Verlage, insbesondere die Verlage von Fachgesellschaften.
Da Keller während seines Referates immer wieder die Wichtigkeit der Verlage betonte, wollte ich von ihm wissen, welche Kosten er für Gold OA als angemessen betrachtet. Wie vor kurzem ein Beitrag in Nature News zeigte, gibt es eine riesige Diskrepanz zwischen verschiedenen Verlagen, wobei selbst OA-Verlage ihre Kosten nicht offen legen. Offenbar wollte auch Keller keine konkreten Zahlen über die Kosten bei Stanford University Press (kein OA-Verlag!) nennen. Stattdessen plädierte er für eine differenzierte Betrachtung in der OA-Debatte, denn nicht alle Verlage würden solche Gewinne wie Elsevier (780 Mio £ für das Jahr 2012) einfahren. Bei diesen Verlagen allerdings sollten Universitätsbibliotheken laut Keller konsequent sein. In Stanford selber habe man bewusst nur wenige hundert Journals von Elsevier abonniert, und trotzdem sei der Forschungsstandort Stanford noch attraktiv.
In der abschliessenden Fragerunde, bei der es auch noch um LOCKSS (auch von den Stanford Libraries entwickelt) und Kollaboration ging, machte Keller dann doch noch einiges für sein 08/15 Referat wett, indem er das Publikum doch noch etwas von seinem persönlichen Erfahrungsschatz teilhaben liess.
