Jürgen Küssow gab 41 Vereinsmitgliedern in der ersten Jubiläumsveranstaltung der IG WBS am 15. März 2022 Einblick in seine Tätigkeit bei SLSP und berichtete von seinen langjährigen Erfahrungen bei Ex Libris. Entsprechend dem Themenbereich, in den diese Veranstaltung eingebettet war – Management und Leitung –, referierte der Vizedirektor schwerpunktmässig über seine Aufgaben und Herausforderungen bei SLSP, der nationalen Plattform, die bis heute rund 475 Bibliotheken umfasst.
Berufliche Stationen
Seinen beruflichen Werdegang begann Jürgen Küssow als Bibliotheksleiter am damaligen Institut für Iberoamerika-Kunde des Deutschen Übersee-Instituts in Hamburg (am heutigen GIGA Institut für Lateinamerika-Studien). 1997 wechselte er – trotz der eigentlich unsicheren wirtschaftlichen Lage – von dem öffentlichen Arbeitgeber zum damals noch kleinen Unternehmen Ex Libris und damit in die Privatwirtschaft. Als Senior Consultant war er ganze 16 Jahre für die Firma tätig. In dieser Zeit kam er auch zum ersten Mal mit den Bibliotheken der Schweiz in Kontakt, etwa als Projektleiter bei der Einführung des Bibliotheksystems Aleph an der Kantonsbibliothek Vadiana. Damit begann auch eine enge Zusammenarbeit mit dem damaligen Bibliotheksverbund IDS. Sichtlich gefreut hat daher den Referenten, als er während seines Vortrages unter den IG-WBS-Mitgliedern das eine oder andere bekannte Gesicht entdeckte, und war es auch nur über ein Panel von Zoom-Fenstern.
Nach Ex Libris führte Jürgen Küssows Weg dann schliesslich vollends in die Schweiz an die ETH Zürich, wo er die Verbundkoordination von NEBIS übernahm. Hier zeigte sich ihm die Komplexität der Schweizer Verbundlandschaft in ihrer ganzen Breite, insbesondere die aus der Mehrsprachigkeit der Schweiz erwachsenen, unterschiedlichen Bibliothekskulturen.
Die Idee «SLSP»: Von den Verbünden zur nationalen Bibliotheksservice-Plattform
Vor diesem Hintergrund entstand schliesslich die Idee einer nationalen Service-Plattform für die Schweizer Bibliotheken: Über ein Einkaufskonsortium hinaus sollten schweizweit Dienstleistungen gemeinsam auch langfristig in bisheriger Qualität erbracht, ein zentraler Nachweis von Beständen geführt, die Zusammenarbeit in der Katalogisierung gefördert und Kosten reduziert werden. Diese Idee einer gemeinsamen Plattform betrachteten nicht wenige als zwar wünschenswertes Ideal, jedoch als nicht umsetzbar. So musste während einer Machbarkeitsstudie von 2015 bis 2017 unter anderem geklärt werden, ob und wie trotz der unterschiedlichen Bibliothekskulturen und dem aus der Mehrsprachigkeit erwachsenen «Röstigraben» eine erfolgreiche Zusammenarbeit gestaltet werden kann. Zudem wollte man sich von dem Begriff der Verbundarbeit lösen und das Konzept einer Service-Plattform etablieren. Im Februar 2017 fiel aber der Entscheid: Unter dem Namen Swiss Library Service Plattform (SLSP) sollte eine nationale Bibliotheksservice-Plattform für die wissenschaftlichen Bibliotheken der Schweiz implementiert werden.
Das Projekt «SLSP»: Schwierigkeiten meistern
Als erstes sollte über eine Ausschreibung eine Entscheidung über das künftige Bibliothekssystem getroffen werden – ein Prozess, an dem Jürgen Küssow wegen seiner früheren Tätigkeit bei Ex Libris im Übrigen nicht beteiligt war. Dennoch wurde dann Ende 2017 der Firma Ex Libris der Zuschlag für die Produkte Alma und Primo als künftige Systemlösung gegeben. Das Projektteam sah sich aber noch mit einer ganzen Reihe weiterer Schwierigkeiten konfrontiert. Die diverse Systemlandschaft der damaligen Verbundsysteme oder die Verwendung von verschiedenen Normdaten sind nur zwei Beispiele für die Komplexität des Projektes. Eine grosse Herausforderung war es, die unterschiedlichen kantonalen und nationalen Vorgaben des Datenschutzes zu beachten, als es darum ging, rund 649’000 NutzerInnen-Konten in ein einziges System zu überführen – eine Hürde, die kurz vor Go live das Projekt fast zum Stillstand brachte.
Neben der technischen Umsetzung von SLSP als cloudbasiertem System musste auch die Firma SLSP lanciert und in den zwei Projektjahren aufgebaut werden. Man entschied sich für der Rechtsform einer Aktiengesellschaft, an der 15 wissenschaftliche Institutionen – zumeist Hochschulen, nicht die zugehörigen Bibliotheken – als Aktionärinnen beteiligt sind.
Die Firma «SLSP AG»: Zukunftspläne und Herausforderungen
Seit dem 7. Dezember 2020 steht nun das Discoverysystem swisscovery dem öffentlichen Publikum zur Verfügung. Aber auch nach nun einem Jahr und drei Monaten ist der Projektbetrieb noch nicht abgeschlossen und die Transition zum Normalbetrieb noch im Gange. Ab 2023 soll eine neue Governance- und Servicestruktur für den Normalbetrieb eingeführt werden. Weitere Bibliotheksverbünde und Bibliotheken sowie andere Institutionen (bspw. Archive) sollen bis 2025 SLSP beitreten.
Künftige Projekte der SLSP betreffen die weitere Zusammenarbeit mit SWITCH in den Bereichen NutzerInnen-Authentifizierung und Linked Open Data. Ferner soll noch in diesem Jahr der SLSP-Kurier optimiert werden. Weiter sollen die Qualität der Metadaten und die Usability in swisscovery verbessert werden. Gerade die Usability wird gemäss einer Bemerkung aus dem Publikum bemängelt. Über Verbesserungsmöglichkeiten sollen gemäss Küssow eine Fachgruppe und eine Studie unter Einbezug der EndnutzerInnen Aufschluss geben.
Herausforderungen für die Zukunft sieht Jürgen Küssow viele. Da ist zum einen das knappe Budget, das sich komplett aus den Jahresgebühren der teilnehmenden Bibliotheken zusammensetzt. Die Mehrsprachigkeit in der Schweiz bleibt weiterhin zeit- und kostenintensiv. Das heterogene Kundenportfolio hat ein grosses Anforderungsspektrum der EndkundInnen zu Folge. Schliesslich sieht man sich – besonders in der Deutschschweiz – weiterhin mit der Skepsis von BibliothekarInnen gegenüber einer schweizweiten, zentralen Dienstleisterin konfrontiert. Hinzu kommen die sich scheinbar immer schneller ändernden Kundenerwartungen und die Veränderungen der Informationslandschaft, auf die SLSP für den langfristigen Betrieb eingehen muss.
Die Mitglieder der IG WBS sind – wie es der Name des Vereins bereits suggeriert – über ihre wissenschaftliche Bibliothek in vielen Fällen direkt oder indirekt von SLSP beeinflusst. So überrascht es nicht, dass am Ende der Veranstaltung das Publikum eine ganze Reihe von Fragen an den Referenten richtete. Einige Fragen sind aber auch nach dieser fast zweistündigen Veranstaltung zu SLSP mit Jürgen Küssow noch offengeblieben, etwa – mit Blick auf die letzte IG-WBS-Veranstaltung (LINK) die Integration der Kantonsbibliotheken in SLSP.
Jürgen Küssow sei nochmals für die Präsentation über die SLSP und für den spannenden Einblick in ihre Zukunft gedankt.
Bei der Wahl der Untertitel hat sich die Verfasserin dieses Berichts von den Präsentationsfolien des Referenten inspirieren lassen.
Maria Solovey, IG WBS Veranstaltungen
