Info WBS 1, März 2014
Jiri Pika (Text)
Das Internationale UDC Seminar 2013 zum Thema „Classification & Visualization: Interfaces to Knowledge“ fand von Donnerstag 24. bis Freitag 25. Oktober in der Niederländischen Nationalbibliothek (Koninklijke Bibliotheek) in Den Haag statt. Die Konferenz hat aktuelle Entwicklungen und Techniken der Visualisierung von Wissensstrukturen in unterschiedlichen Anwendungsgebieten und ihren Einfluss auf die Entwicklungen in traditionellen bibliographischen und dokumentarischen Klassifikationen erörtert. Dies war das vierte in einer Reihe von Internationalen UDC Seminaren, die vom UDC Consortium organisiert wurden.
Die Konferenz-Beiträge (Folien und MP3-Aufzeichnungen) sind auf der Programm-Seite veröffentlicht worden. Die Proceedings zum UDC Seminar 2013 können hier erworben werden. Das Programm umfasst 19 Vorträge, eine Poster-Ausstellung mit vier Konferenz Postern und eine Auswahl von Plakaten aus „Places & Spaces: Mapping Science„“ sowie eine kurze UDC Online Demo. Zugegen waren über 115 Teilnehmende aus 24 Ländern. Einige Beiträge sind hier kurz skizziert:
Keynote speech: From the index card to the World City: knowledge organization and visualization in the work and ideas of Paul Otlet
W. Boyd Rayward
Die Konferenz wurde von Prof. W. Boyd Rayward eröffnet. Prof. Boyd Rayward erläuterte am Beispiel von Paul Otlet, wie eine visualisierbare Wissensordnung entsteht. Paul Otlet gründete zusammen mit Henri La Fontaine 1895 das Office International de Bibliographie mit dem Ziel, eine Universelle Bibliothek – das Mundaneum – zu schaffen. Im Mundaneum wurden damals 15 Millionen Werke handschriftlich verzeichnet und nach Themengebieten geordnet. Im Rückblick betrachtet, erscheint das Mundaneum als eine erste analoge Suchmaschine: Schon 1912 konnten 1500 schriftliche Anfragen (Recherchen) zu zahlreichen Wissensgebieten beantwortet werden (Wikipedia, 31.10.13). 1934 endete die Tätigkeit Paul Otlets im Mundaneum. In demselben Jahr äußerte er in einer Veröffentlichung die Idee, dass Fernsehapparate, Radios, und Telefone mit Büchern verbunden werden sollten, um ein weltweites Wissensnetz für alle zur Verfügung zu stellen.
Wie weit sich das Wissensnetz inzwischen entwickelt hat, zeigt folgende Darstellung des Wissens in Wikipedia und der heutigen UDC:

Richard Smiraglia, University of Wisconsin, Milwaukee (USA), Andrea Scharnhorst, DANS, Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences (Netherlands), Almila Akdag Salah, DANS, Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences (Netherlands), Cheng Gao, DANS, Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences (Netherlands)
Die visuellen Darstellungen der Vernetzung des Wissens passen auch zum Thema des letzten Tagungsvortrags, in welchem die Strukturen und Zusammenhänge zwischen den einzelnen Klassen der UDK untersucht sowie klassifikatorisch und verbal erschlossene Bibliotheksbestände analysiert wurden. Die Ausgangsüberlegung des Vortrags ist, dass die UDC nicht nur eine Klassifizierungssprache mit einer langen Geschichte, sondern auch ein kognitives System ist. Die Elemente der UDC bilden symbolische Zeichenketten und stellen letztendlich ein komplexes Netzwerk von Konzepten dar. Dieses Netzwerk bietet die Möglichkeit, Wissen abzubilden. Bibliotheksbenutzende erhalten mithilfe klassifikatorisch erschlossener Bestände einen Überblick.
From trees to webs: uprooting knowledge through visualization
Scott B. Weingart, Indiana University (USA)
Mithilfe einer historischen Übersicht der metaphorischen Visualisierung sozialer Beziehungen und Wissensordnungen, wird deutlich, wie sich Wissensbäume als normative Visualisierungen in den letzten 2000 Jahren etablierten und in Wechselwirkung mit der Entwicklung von Klassifikationen standen. Mit der wachsenden Bedeutung des World Wide Web verändern sich jedoch die Ordnungen des Wissens und deren Darstellungen: An die Stelle der hierarchischen Bäumen treten die multidimensionalen Netzwerke als Norm der Wissensdarstellung.
Looking at one million images: how visualization of big cultural data helps us to unlearn our cultural categories
Lev Manowitsch
Durch die Analyse grosser Bildmengen (Zeitschriften, Gemälde, Comics: 1 Mio. Seiten von Manga Büchern und 1 Mio. Kunstwerke der Online-Plattform deviantArt mittels Data Mining können kulturelle Annahmen und Vorurteile sinnvoll hinterfragt und neue theoretische Konzepte zur Analyse digitaler Kulturen erprobt werden.
Data artefacts: tracking knowledge-ordering conflicts through visualization
Matthew Battles, und Yanni Loukissas, metaLAB, Harvard University (USA)
Ständige Änderungen der technischen und gesellschaftlichen Aspekte von Wissensstrukturen bringen Ontologien, Klassifikationen und Wissensordnungen in Kontakt und Konflikt miteinander. Besonders dynamisch ist der Kampf um Kataloghomogenität in der bibliothekarischen Welt, wo lokale Unterschiede in den Klassifikationssystemn erhebliche Probleme mit sich bringen. Denn die aufstrebenden technischen Überlegungen – insbesondere der wachsende Wunsch nach offenen Datenformaten und der Entwicklung von APIs (Application Programming Interfaces), welche die Metadaten in den bibliothekarischen Informationssystemen programmatisch zugänglich machen – erfordern homogene Daten. Ein besonders fruchtbarer Ort für die Beobachtung dieser Dynamik ist die Digital Public Library of America (DPLA): Eine Reihe von diversen Artefakten aller Arten wurde vorgestellt.
Memory Islands: an approach to cartographic visualization
Bin Yang, University Pierre and Marie Curie – Sorbonne (France)
Die Menschen in der Antike und im Mittelalter haben Verräumlichungen als Memotechnik genutzt. Die Methode der “ loci“ ( Plural von lateinisch locus für Ort oder Standort) besteht in der Schaffung einer virtuellen Karte und der Zuordnung jedes Objektes zu bestimmten Bereichen auf der Karte. Die Autoren zeigen, wie solche Techniken der kartographischen Visualisierung genutzt werden können, um durch Informationsinhalte zu navigieren.
Den Höhepunkt der Tagung bildete die kurze UDC Online Demo durch Aida Slavic, Editor-in-Chief des UDC Consortiums. Diese Version in englischer Sprache beinhaltet 69 000 Klassen und entspricht der deutschen Mittleren Ausgabe der UDC. Informationen dazu finden sich hier. Neben dieser Online Version steht eine Übersichts-Version der UDC als UDC Summary zudem frei zur Verfügung, mit 2 500 Klassen in 51 Sprachen. Eine Taschenbuchedition mit 5 000 Klassen ist in Vorbereitung in deutscher und englischer Sprache, druckbereit in holländischer Sprache.
Autor:
Jiri Pika (jiri.pika@library.ethz.ch)
ETH-Bibliothek, ETH Zürich

