Im Rahmen der Open-Access-Tage 2021 stellte sich Peter Suber, einer der Mitgründer der Open-Access-Bewegung, den Fragen aus der Community. Eine gute Gelegenheit, Rückschau auf die OA-Bestrebungen zu halten und über mögliche Zukunftsszenarien nachzudenken.
Von Julia Wermelinger
Peter Suber ist ein Pionier der Open-Access-Bewegung: Mitbegründer der Budapest Open Access Initiative, Verfasser eines OA-Grundlagenwerks und nicht zuletzt aktives Mitglied der Debatten rund um Open Access in den sozialen Medien wie zum Beispiel auf Twitter und mit seinem Blog.
Als Lehrstuhlinhaber für Philosophie erkannte er früh, dass die frei verfügbaren Webversionen seiner traditionell publizierten Artikel eine viel grössere Reichweite hatten. So gab er seine Professur auf und widmete sich ganz den Ideen des öffentlich-zugänglichen Publizierens im Internet.
Grundlagen und Policies
Wie konnte sich die Idee der öffentlichen Zugänglichkeit von öffentlich finanzierten Forschungsergebnissen durchsetzen? Der erste wichtige Schritt war laut Suber die Deklaration der Budapest Open Access Initiative (BOAI), die nächstes Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum feiert. Sie war die erste grosse internationale Open-Access-Initiative und bündelte die Anliegen und Zwecke der noch jungen OA-Community. Im Rahmen dieser Initiative entstand auch der „catchy“ Name Open Access (OA). Für die meisten (Fach-)Hochschulen, Forschungsförderer und Forschungsgemeinschaften bildete die BOAI die Grundlage ihrer eigenen OA-Policies und sie verfestigten damit die Forderungen der Initiative. Mit der Verankerung der Forderungen nach OA bei den Hochschulen und Forschungsförderern gewann die Idee Gewicht. Ein wichtiger Aspekt der frühen Bestrebungen war die Rights-Retention-Auflage: Die Forschenden sollen die Verbreitungsrechte ihrer Texte nicht an die Verlage abgeben, weil dadurch die Artikel nicht auf den Repositorien und Webseiten der Hochschulen zur Verfügung gestellt werden können.
Die Wege des OA
An diesem Punkt lohnt es sich, kurz die Wege zu OA zu erläutern. Suber zeigte sich den Farbbegriffen gegenüber unzufrieden, da sie nur vom Fachpublikum verstanden würden und nicht selbsterklärend seien.
Der Grüne Weg: Dabei handelt es sich um die Selbstarchivierung der im traditionellen Verlagswesen erschienenen Artikel und Bücher auf einem institutionellen Repositorium. Meist behalten sich die Verlage eine gewisse Zeitspanne vor (Embargo), die zwischen dem Erscheinen in ihrem Programm und dem Veröffentlichen auf dem Repositorium liegt. Dieser OA-Weg verläuft parallel zum traditionellen Verlagswesen, dessen Einnahmen auf der Erhebung von Subskriptionskosten (Abonnements-Kosten) basieren.
Der Goldene Weg: Dabei werden Artikel und Bücher bei OA-Verlagen publiziert und sind entsprechend sofort frei verfügbar. Dafür werden entweder neue Journals und Publikationsservices gegründet oder schon bestehende „geflippt“. Dieses Flipping wird auch von den Universitätsbibliotheken unterstützt, indem sie Infrastrukturen und Services für die Herausgebenden anbieten. Die Kosten für dieses Publikationsmodell werden zum Teil durch die Erhebung von Gebühren für die Autorschaft (APCs / BPCs) gedeckt, die aber auch im Closed Access verbreitet sind, oder die Journals werden von wissenschaftlichen Communities und von Einrichtungen unterstützt, sodass weder für die Leser- noch Autorschaft Kosten anfallen.
Der hybride Weg: Dabei handelt es sich um eine Mischform. Gegen das Entrichten einer Gebühr kann der Artikel sofort frei verfügbar gemacht werden, erscheint aber trotzdem in einer Subskriptionszeitschrift. Da aber oft nicht alle Artikel freigekauft wurden, läuft man Gefahr, den Verlag doppelt zu bezahlen: Fürs Publizieren und fürs Lesen. Diese Form wird von den Forschungsförderern deshalb nicht unterstützt. Die Universitätsbibliotheken unterstützen es insofern, als sie sogenannte Read&Publish-Deals eingehen, die ihren Forschenden neben den Lese- auch die Publikationsrechte garantieren.
Suber betonte, dass er weder den grünen noch den goldenen Weg bevorzuge, sie seien für ihn gleichwertig. Er erkenne momentan eine Tendenz hin zu Gold, was er nicht unkritisch betrachtet, denn es werden z. T. hohe APCs von den Forschenden gefordert. Er wolle nicht, dass Grün bei den Bestrebungen hin zu Gold vergessen wird, denn es sei eine praktikable Lösung für viele Forschende.
Die fortschreitende Kommerzialisierung von OA gelte es ebenfalls kritisch zu betrachten. Viele der Verlagshäuser opponierten zunächst gegen die Idee als Ganzes, dann erkannten sie das Marktpotenzial und verdienen heute gutes Geld mit OA. Es wäre naiv zu glauben, man könne alle Hindernisse auf einmal aus dem Weg räumen. Wichtig sei, wie Suber es einschätzt, das OA kontinuierlich weiterwachse und sich etabliere.
Bibliotheken als Zentren von OA
Doch wie gestaltet sich die Zukunft der (Universitäts-)Bibliotheken, wenn sich die Idee von OA weiter etabliert? Suber wies daraufhin, dass sich die Rolle der Bibliotheken nicht einzig auf das Kaufen und Verwalten von Informationsträgern reduzieren lassen kann. Im Gegenteil seien sie die Zentren fürs Etablieren und Verbreiten der Ideen von OA: Bei ihnen lande in vielen Fällen die Umsetzung der OA-Policies. Die Bibliotheken seien zu wichtigen Informationsstellen geworden, indem sie die Beratung, Schulung und Vernetzung der Forschenden zu OA übernehmen. Dabei gelte es unentwegt den akademischen Nachwuchs zu informieren, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und aktive Hilfe anzubieten. Frei nach der titelgebenden Überzeugung, dass sich gute Ideen eben doch nicht von selber verkaufen würden, sondern viel Arbeit in der Etablierung stecke.
Des Weiteren stellen Bibliotheken Infrastrukturen wie Plattformen und Repositorien sowie deren Services für das OA-Publizieren zur Verfügung und hälfen so aktiv bei der Umsetzung der Idee mit. Einen weiteren Schatz der Bibliotheken verortete Suber in den grossen Printbeständen. Diese würden nicht ihren Wert verlieren, da es noch sehr lange dauern dürfte, bis auch diese Bestände in Online-Versionen zugänglich seien.
Bleiben wir also dran an dieser guten Idee und finden wir neue und innovative Lösungen für die gegenwärtigen und kommenden Hindernisse für die OA-Bewegung.
Julia Wermelinger
Open-Science-Team der Universitätsbibliothek Bern
