Caesar Schmid
Am Freitag, 16. September 2005, besuchten 21 Mitglieder der IG WBS anlässlich einer Weiterbildungsveranstaltung im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) in Bern die Sammlung Hermann Hesse, welche durch Dr. Thomas Feitknecht, Leiter des SLA präsentiert wurde.
Hermann Hesse: Biographischer Abriss
«Zwischen Bremen und Neapel, zwischen Wien und Singapore habe ich manche hübsche Stadt gesehen. Die schönste Stadt von allen aber ist Calw an der Nagold».
Mit viel Sympathie erinnerte sich der vierzigjährige Hermann Hesse an seine württembergische Heimatstadt Calw, in der er am 2. Juli 1877 geboren wurde. Er entstammte einer Familie, die in der Geisteswelt des schwäbischen Pietismus verwurzelt war. Vater und Grossvater hatten als protestantische Missionare in Indien gewirkt und leiteten vierzig Jahre lang den evangelischen Calwer Verlagsverein. Das tiefreligiöse Elternhaus hinterliess dauerhafte Spuren in Hesses Entwicklung, erregte aber auch früh den Oppositionsgeist des hochsensiblen Kindes. Der Konflikt mit den Anpassungszwängen einer autoritären Umwelt stürzte den Heranwachsenden in eine schwere Lebenskrise.
1892 entfloh der junge Theologie-Stipendiat der berühmten Klosterschule Maulbronn, beging einen Selbstmordversuch und wurde zweimal in eine Erziehungsanstalt eingewiesen. Den Weg aus dem Lebenslauf bahnte die Hinwendung zu praktischer Tätigkeit, zunächst als Mechaniker-Lehrling in Calw, schliesslich als Buchhändler in Tübingen und Basel. Ende des 19. Jahrhunderts schrieb Hesse seine ersten Lyrik- und Prosatexte, die 1899 unter den Titeln «Romantische Lieder» und «Eine Stunde hinter Mitternacht» in Buchform erschienen. Der literarische Durchbruch gelang mit dem Entwicklungsroman «Peter Camenzind» (1904), dessen Erfolg ihm die freie Schriftsteller-Existenz ermöglichte. Schon den Debüt-Roman kennzeichnet ein unverwechselbarer Grundton, der auch allen folgenden Werken eigentümlich ist. In einem späteren Vorwort schrieb er:
«Ich habe mich im Laufe meiner Entwicklung den Problemen der Zeit nicht entzogen und nie, wie meine politischen Kritiker meinen, im elfenbeinigen Turme gelebt – aber das erste und brennendste meiner Probleme war nie der Staat, die Gesellschaft oder die Kirche, sondern der einzelne Mensch, die Persönlichkeit, das einmalige nicht normierte Individuum».
Im Jahr 1904 heiratete Hermann Hesse die Basler Gelehrten-Tochter Bernoulli und übersiedelte nach Gaienhofen am Bodensee. Dort wurden in den folgenden Jahren die Söhne Bruno, Heiner und Martin geboren. Die Sorgepflicht für eine Familie nötigte Hesse zu gesteigerter schriftstellerischer Produktion. Er publizierte die Romane «Unterm Rad» (1906), «Gertrud» (1910) und «Rosshalde» (1914), veröffentlichte Erzählungsbände wie «Diesseits» (1907) und «Umwege» (1912), schrieb Artikel für zahlreiche überregionale Periodika und edierte 1907–1912 zusammen mit Ludwig Thoma die Münchner Kulturzeitschrift «März».
Der Ausbruch des 1. Weltkrieges im August 1914 erlebte Hermann Hesse in Bern, wo er seit 1912 mit der Familie wohnte. Anders als die meisten deutschen Schriftsteller-Kollegen war Hesse von Anfang an ein entschiedener Kriegsgegner, der sich mit pazifistischen Aufrufen und der Tätigkeit für die Kriegsgefangenen-Fürsorge in den Dienst der Völkerverständigung stellte. «O Freunde, nicht diese Töne» überschrieb er programmatisch einen Artikel in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 3. November 1914, in dem er die Gegenposition zu Nationalismus und Chauvinismus bezog:
«Dass Liebe höher sei als Hass, Verständnis höher als Zorn, Friede edler als Krieg, das muss ja eben dieser unselige Weltkrieg uns tiefer einbrennen, als wir es je gefühlt».
Unter dem Pseudonym Emil Sinclair veröffentlichte Hermann Hesse im Jahr 1919 den Roman «Demian – Geschichte einer Jugend». Ein dichterisches «Manifest« der Kriegsgeneration, das den alten Moralvorstellungen und Wertorientierungen abschwor und neue Wege der Selbstverwirklichung in einer entseelten, materialistischen Welt einforderte. Ein «Zeitgeist-Roman», in dem sich Einflüsse der Psychoanalyse Freuds und Jungs mit religionsphilosophischen Spekulationen christlicher und fernöstlicher Provenienz verbinden. Den literarischen Neubeginn begleitete eine Lebenswende.
1918 trennte sich Hesse von seiner Familie, ging 1919 nach Montagnola im Tessin und wurde 1923 von seiner Frau Maria geschieden. Im gleichen Jahr wurde er Schweizer Staatsbürger und ging 1924 eine zweite Ehe ein, die allerdings nur von kurzer Zeit war. 1931 fand er schliesslich in der Kunsthistorikerin Ninon Dolbin (geb. Ausländer) die «kongeniale» Ehepartnerin, mit der er bis zu seinem Tod verheiratet blieb. In Montagnola schrieb Hermann Hesse Werke, die seinen Namen weltberühmt machten. Auf die «Klingsors letzter Sommer» (1920) folgte 1922 jener Roman, der für Generationen vorwiegend junger Leser zum begeistert rezipierten Kultbuch wurde: «Siddharta, eine indische Dichtung». Die literarische Quintessenz seiner Auseinandersetzung mit der fernöstlichen Religiosität von Buddhismus und Taoismus, die 1911 mit einer Reise nach Indien und Ceylon begonnen hatte. In seinem 1913 veröffentlichten Reisetagsbuch «Aus Indien» notierte er, wie er seine Hinwendung zur fernöstlichen Geistigkeit verstanden wissen wollte:
«Mein Weg nach Indien und China ging nicht auf Schiffen und Eisenbahnen, ich musste die magischen Brücken alle selber finden. Ich musste aufhören, dort die Erlösung von Europa zu suchen, ich musste aufhören, Europa im Herzen zu befeinden, ich musste das wahre Europa und den wahren Osten mir im Herzen und Geist zu eigen machen».
Die radikale Auseinandersetzung mit der Sinnkrise der westlichen Welt vollzog Hesse in seinem literarisch anspruchsvollen Werk, dem 1927 publizierten Roman «Der Steppenwolf». Ein Welt-Bestseller, dessen Experimentalcharakter Thomas Mann mit dem Stil des «Ulysses» von James Joyce verglich. Mit äusserster Schärfe beschreibt Hesse die Kollision des Individuums mit den absurden Anpassungszwängen einer ausgelaugten Zivilisation, die ihre sinnstiftende kulturelle Legitimation eingebüsst hat. Einen Zustand existentieller Orientierungslosigkeit, der nur über den mühsamen Weg überwindbar scheint:
«Diese Aufzeichnungen sind ein Versuch, die grosse Zeitkrankheit nicht durch Umgehen und Beschönigen zu überwinden, sondern durch den Versuch, die Krankheit selber zum Gegenstand zu machen».
Solche Überlegungen führten zum Ideen- und Motivkreis des Spätwerks, das sich über Vorstufen wie dem Mittelalter-Roman «Narziss und Goldmund» von 1930 und «Die Morgenlandfahrt» (1932) zum Symbol-Roman «Das Glasperlenspiel» von 1943 entfaltete. «Das Glasperlenspiel» entwirft die utopische Welt der Geistes-Elite von «Kastalien», einer idealtypischen Gelehrten-Republik, die die höchste Stilisierungsform menschlicher Kultur repräsentiert. Von Hesse konzipiert als Gegen-Entwurf zur antihumanen Terror-Herrschaft von Stalingrad und Nationalsozialismus, als deren Antipoden er sich verstand. Schon 1933 schrieb er:
«Lieber von den Faschisten erschlagen werden, als selber Faschist sein. Lieber von den Kommunisten erschlagen werden, als selbst Kommunist sein».
Ein Bekenntnis, das die braunen Machthaber in Deutschland und ihre Kulturfunktionäre mit Hass-Tiraden beantworteten. Etwa im rüden Stil des Nazi-Dichters Will Vesper, der Hesse in die Nähe des «Kulturbolschewismus» rückte, und ihm vorwarf, «die deutsche Dichtung der Gegenwart an die Feinde Deutschlands und an das Judentum» verraten zu haben.
In mehr als 50 Sprachen übersetzt und mit einer Weltauflage von über 100 Millionen Exemplaren ist er nach wie vor der meistgelesene deutschsprachige Autor des 20. Jahrhunderts. Auch Jahrzehnte nach seinem Tod ist das Faszinosum Hermann Hesse ungebrochen, beeindruckt die moralische Integrität eines Mannes, der seinem Zeitalter eine klarsichtige Diagnose stellte: Dass «die politische Vernunft nicht mehr dort» anzutreffen sei, «wo die politische Macht liegt», und dass «ein Zustrom von Intelligenz und Intuition aus nichtoffiziellen Kreisen stattfinden» müsse, «wenn Katastrophen verhindert oder gemildert werden sollen». Maximen eines ethisch fundierten Nonkonformismus, die in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs stets aktuell wurden: nach den Katastrophen zweier Weltkriege, zur Zeit der Vietnamskriegs-Gegner und revoltierenden Jugend der sechziger Jahre und in der Friedens- und Ökologiebewegung von heute. Wie auch Hermann Hesses intellektuelles Selbstverständnis unvermindert gültig ist, das er 1949 formulierte:
«Wir haben die Aufgabe, den übernationalen Gedanken, den Gedanken der Einheit der Menschheit und ihrer Kultur, fördern zu helfen, und haben jedem Nationalismus Widerstand zu leisten. Wir Geistigen haben, allen Dampfwalzen und Normierungen zum Trotz, das Differenzieren zu üben und nicht das Verallgemeinern».
Nach dem Zusammenbruch Hitler-Deutschlands im Jahr 1945 sah Hermann Hesse seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Damals schrieb er:
«Ich glaube, dass die Mehrzahl derer, welche diesen zwölf Jahre dauernden Angsttraum überlebt haben, gebrochen und zur aktiven Teilnahme an einem Wiederaufbau nicht mehr fähig ist».
Dennoch wurde er nicht müde, die «geistige und moralische Erweckung» des geschlagenen deutschen Volkes zu reklamieren, die er von jenen «Wachgebliebenen» erwartete, die bereit seien zur «Bewältigung der Schuldfrage». Nach der Verleihung des Frankfurter Goethepreises und Literatur-Nobelpreises im Jahr 1946 rückte Hesse selber in den Rang einer «moralischen Instanz» auf und sah sich lange Jahre mit ungezählten Zuschriften ratsuchender Landsleute konfrontiert. Bis zu seinem Tod am 9. August 1962 in Montagnola behielt er diese Ausnahmestellung unter Deutschlands Literaten, obwohl er zuzeiten sehr an seiner Tauglichkeit zur Altersweisheit zweifelte. Etwa, wenn er schrieb:
«Mit der Reife wird man immer jünger. Es geht auch mir so, obwohl das wenig sagen will, da ich das Lebensgefühl meiner Knabenjahre im Grunde stets beibehalten habe und mein Erwachsensein und Altern immer als eine Art Komödie empfand».
Im Bewusstsein seiner grossen Lesergemeinde ist Hermann Hesse stets jung geblieben; sein Werk entfaltet noch heute eine universale Wirkung, die in der deutschen Literatur ohne Beispiel ist.
Friedrich Dürrenmatt: Biographischer Abriss
Friedrich Dürrenmatt wurde am 5. Januar 1921 in Konolfingen (Kanton Bern) geboren. Sein Vater war protestantischer Pfarrer des Dorfes. Drei Jahre später kam seine Schwester Vroni zur Welt. 1935 zog die Familie nach Bern um. Vermutlich waren finanzielle Gründe der Anlass dazu. Die Wirtschaftskrise machte sich zu diesem Zeitpunkt auch in der Schweiz bemerkbar und das mittelständige Bürgertum wurde ärmer. Friedrich Dürrenmatt besuchte zunächst das Berner Freie Gymnasium, dann das Humboldtianum, wo er 1941 die Maturitätsprüfung ablegte. Er war kein besonders guter Schüler und bezeichnete selbst seine Schulzeit als die «übelste» (knapp 4) seines Lebens. Die Schule wechselte er, weil ihm der Unterricht nicht gefiel, er schlechte Noten hatte und durch sein Verhalten bei den Lehrern aneckte.
Noch in Konolfingen begann er zu malen und zu zeichnen, eine Neigung, die er sein Leben lang verspüren sollte. Er illustrierte später manche seiner Stücke, verfasste Skizzen, zum Teil ganze Bühnenbilder. 1976 und 1985 wurden seine Bilder in Neuenburg, 1978 auch in Zürich ausgestellt. Trotzdem begann er im Jahr 1941 Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik zu studieren, zunächst in Zürich, aber schon nach einem Semester in Bern.
Er hatte es mit dem Studium nicht besonders eilig und entschied sich wohl 1943, nicht die akademische, sondern die schriftstellerische Laufbahn einzuschlagen. Sein erstes Stück entstand 1945/46: Es steht geschrieben. 1947 fand die Urraufführung statt. 1947 heiratete er die Schauspielerin Lotti Geissler und sie zogen nach Ligerz am Bieler See. Die ersten Jahre bis 1952 als freier Schriftsteller waren finanziell schwierig für Friedrich Dürrenmatt und seine bald fünfköpfige Familie. Dann besserte sich die finanzielle Situation, besonders wegen der Aufträge von deutschen Rundfunkanstalten, aufgrund derer einige Hörspiele entstanden. Ausserdem wird zu dieser Zeit der Verlag der Arche zu seinem Stammverlag. Des weiteren begann er Detektivromane zu schreiben, die zum Teil als Fortsetzungsgeschichten im Schweizer Beobachter veröffentlicht wurden. Die Familie Dürrenmatt bezog 1952 ihren dauerhaften Wohnsitz in Neuenburg.
1950 entstand sein Theaterstück Die Ehe des Herrn Mississippi, mit dem er seinen ersten grossen Erfolg auf den bundesdeutschen Bühnen verzeichnen konnte. Weltweiten Erfolg erzielte er mit seiner Komödie Der Besuch der alten Dame. Die Physiker, er bezeichnete dieses Werk ebenfalls als Komödie, wurde das erfolgreichste Theaterstück in der Theatersaison 1962/63 und 1982/83. Friedrich Dürrenmatt erhielt etliche Preise für sein Schaffen, das neben Theaterstücken, Detektivromanen, Erzählungen und Hörspielen auch Essays und Vorträge umfasst. Da wäre zum Beispiel 1959 der Mannheimer Schillerpreis, 1960 der Grosse Preis der Schweizerischen Schillerstiftung und 1977 die Buber-Rosenzweig-Medaille in Frankfurt. 1969 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Temple University in Philadelphia verliehen und er erhielt Ehrenpromotionen in Jerusalem und Nizza. In den sechziger Jahren stand Dürrenmatt mit seinen Theaterwerken auf dem Höhepunkt seines Öffentlichkeitserfolges.
Friedrich Dürrenmatt widmete sich auch, teilweise sogar hauptberuflich, der praktischen Theaterarbeit, erst an Basler Bühnen, nach einem Herzinfarkt im Oktober 1969 in der Neuen Schauspiel AG in Zürich, schliesslich in Düsseldorf. Dort fanden auch zwei seiner Uraufführungen statt, Porträt eines Planeten und Titus Andronicus. Er inszenierte mehrere spektakuläre Wiederaufführungen seiner eigenen Stücke, zum Beispiel Der Meteor (1964/65) 1978 in Wien.
Besonders in den achtziger Jahren folgte wieder eine Auszeichnung der anderen. u.a. der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur, der Georg-Büchner-Preis und der Prix Alexei Tolstoi der Association internationale des Ecrivains de Romans Policiers.
Friedrich Dürrenmatt nahm als gesellschaftskritischer Autor in Essays, Vorträgen und Festreden Stellung zur internationalen Politik. Er reiste viel, zum Beispiel 1969 nach USA, 1974 nach Israel und 1990 nach Polen und Auschwitz. Es entstanden die Sätze aus Amerika (1970) und der Pressetext Ich stelle mich hinter Israel (1973). 1990 hielt er zwei Reden auf Vaclav Havel und Michail Gorbatschow, die unter dem Titel Kants Hoffnung erschienen.
Im Jahr 1983 starb seine Frau Lotti. Friedrich Dürrenmatt heiratete 1984 die Schauspielerin, Filmemacherin und Journalistin Charlotte Kerr. Zusammen brachten sie den Film Porträt eines Planeten und das Theaterstück Rollenspiele heraus. Am 14. Dezember 1990 starb Friedrich Dürrenmatt in Neuenburg.
Friedrich Dürrenmatt vermachte 1989 testamentarisch seinen literarischen Nachlass der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Er verband seine Schenkung mit der Bedingung, dass ein Schweizerisches Literaturarchiv (SLA) gegründet werde. Das SLA wurde Anfang 1991 in der Schweizerischen Landesbibliothek in Bern eröffnet und übernahm deren Handschriftenbestände, die es seither kontinuierlich ausbaut.
Das SLA sammelt in den vier Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch Dokumente sowie Materialien zu Literatur, die einen Bezug zur Schweiz hat, und zwar mit einem Schwerpunkt im 20. Jahrhundert. Es handelt sich dabei um Notizen und Entwürfe zu Werken, Werkmanuskripte, Korrespondenzen, Tagebücher, Zeitungsausschnitte, wissenschaftliche Sekundärliteratur, Bücher, Ton- und Videokassetten, Fotos, Gemälde und graphische Blätter sowie persönliche Gegenstände. Das SLA umfasst heute rund 100 grössere Nachlässe und über 120 Teilnachlässe und Sammlungen, die für wissenschaftliche, literarische und publizistische Arbeiten und Studien kostenlos benutzt werden können.
