160 Interessierte trafen sich anlässlich der D-A-CH-S-Tagung «Bibliothek – Qualifikation – Perspektiven» an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Organisiert wurde die zweitägige Veranstaltung im Februar 2019 von den Bibliotheksverbänden der vier «Länder» Deutschland, Österreich, Schweiz und Südtirol. Eines vorweg: Wir stehen in der Schweiz in Bezug auf die Ausbildung gar nicht schlecht da.
Zu Beginn etwas zur Vorgeschichte des Anlasses: «Die lernende Bibliothek» war eine internationale Fachtagung, die jeweils im zweijährlichen Turnus an verschiedenen Orten der vier genannten Länder stattfand. Es wurden dabei unterschiedliche Themen aufgegriffen, wie zum Beispiel «Bibliotheken unter Zugzwang. Zwischen wirtschaftlichen Wertmassstäben und gesellschaftlicher Verantwortung» oder «Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel?». Nach einer längeren Pause entstand im Rahmen eines Bibliothekartags der Wunsch, diese Tradition wieder aufzunehmen – und zwar mit dem Schwerpunkt Ausbildung. Dafür fand man an solchen Kongressen zu wenig Zeit.
Erstes Treffen in München

Nun fand zum ersten Mal ein solches Treffen an der Ludwig-Maximilians-Universität in München statt. Schon der erste Redner, Michael Jäckel von der Universität Trier, brachte die Herausforderung auf den Punkt: Die Bibliotheken müssten sich darauf einstellen, dass die ganze Welt mitspiele. Sie sollten die Verzahnungen Universität – Bibliothek hervorheben und «Synergien aufbauen sowie Redundanzen vermeiden».
Die BibliothekarInnen (aber nicht nur sie) müssten sich ständig aus-, fort- und weiterbilden. Die Frage stelle sich, was mit dem bestehenden Personal geschehe.
Auf Seiten der BewerberInnen sei eine höhere Vorbildung und gesteigerte Erwartungshaltung festzustellen. Zudem gebe es, bedingt durch den demografischen Wandel und die vielen bevorstehenden Pensionierungen, eine Konkurrenz um Nachwuchskräfte.
Kastensystem
In einer ersten Diskussionsrunde zur Bestandsaufnahme der aktuellen Bibliotheksausbildung war ich extrem überrascht, dass es in Deutschland in der Grundausbildung seit 21 Jahren keine Aktualisierung gegeben hat! Es wurde die Frage diskutiert, was denn in Zukunft Schlüsselqualifikationen und was die zukünftigen Tätigkeitsfelder von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren seien. Da gab es die unterschiedlichsten Antworten, wie etwa Digital Skills oder die verstärkte Zusammenarbeit mit den Informationswissenschaften, der IT oder der Pädagogik.
Gerhard Bissels (HTW Chur) verglich in seinem Votum die unterschiedlichen Abschlüsse (Lehre, FH oder Uni) mit einem Kastensystem. Vor allem in Deutschland könne man nur schlecht aufsteigen oder Aufgaben der anderen Gruppe wahrnehmen. Eine weitere interessante Aussage der Runde war: «Eine Systematic Review kann nur mit BibliothekarInnen zusammen verfasst werden.»
«Bibliothek ist peinlich»
Konstanze Söllner (Leiterin Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Vorsitzende des VDB, Verein Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare) wies darauf hin, dass in Bayern die AbgängerInnen des Bachelorlehrgangs «vom Markt aufgesogen» würden. Sie stellte die Frage, ob AbsolventInnen von Informatik-basierten Lehrgängen wirklich in die Bibliotheken gingen (obwohl es nötig wäre). Viele technikaffine Studierende meldeten sich eher im Bereich PR, Marketing oder Webentwicklung – nicht jedoch in Bibliotheken.
Das Image der Bibliotheken sei veraltet und teilweise schlecht: Einige NeueinsteigerInnen vermieden das ominöse B*-Wort und umschreiben ihre Tätigkeit. «Bibliothek ist peinlich» war eine Aussage. Erst während eines Praktikums würden viele erfahren, wie spannend es in einer Bibliothek sein kann.
Interview mit Konstanze Söllner
Mehr IT-Fähigkeiten
Konrad Förstner (ZB Med Köln) provozierte mit der Frage, ob es BibliothekarInnen in Zukunft überhaupt noch brauche. Er gab uns allen diesen Gedanken mit: Die IT-Fähigkeiten müssen radikal und ständig erweitert werden, um überleben zu können.
Eine der Weiterbildungsmöglichkeiten, die er vorstellte, heisst «Library Carpentry». Dort können Berufsleute in Bibliotheken in Lektionen und Workshops den Umgang mit neuer Software und Daten lernen. In der ZBIW (TH Köln) soll ab Herbst 2019 ein neuer Zertifikatskurs angeboten werden: Data Librarian.
Learning on the job
Rudolf Mumenthaler (ZHB Luzern) gab zu bedenken, dass viele Anforderungen an die Bibliotheksmitarbeitenden direkt aus der Strategie der Bibliotheken kämen: viel IT, Kommunikationsfähigkeit, Offenheit, Flexibilität, vernetztes Denken, Vermittlung, Weiterentwicklung, Einsatz von verschiedenen Tools und Methoden, Digital Skills, Bereitschaft zu Veränderung und Entwicklung. Die Forschungsunterstützung sieht er als Chance, sie benötige aber entsprechendes Wissen.
Neuer Bildungsplan für die Schweiz
Andrea Betschart (Ausbildungsdelegation I + D) zeigte auf, wie viele erfolgreiche Lehrabschüsse in der Schweiz in den vergangenen Jahren zu verzeichnen waren. Man wolle sich aber nicht ausruhen, sondern sei daran, einen Bildungsplan mit einem Tätigkeitsprofil zu erstellen. Dieser soll 2022 in Kraft gesetzt werden, so dass die ersten Lernenden mit diesem neuen Plan im Jahr 2025 abschliessen. Neu sind nur noch 6 Arbeitsprozesse vorgesehen (in einem ersten Entwurf): Qualitätskontrolle, Übernahme und Erwerbung; Datenmanagement; Erhalt und Aufbewahrung; Vermittlung und Veranstaltungen (z. B. Kommunikation und Marketing unterstützen); Recherche; Unterstützung von Betriebsprozessen (z. B. Projektarbeit).
Interview mit Andrea Betschart
Die Forderungen der Jungen
Junge Berufsleute erstellten in einem Nachwuchsforum einen 10-Punkte-Plan, in dem sie unter anderem folgende Wünsche an die arrivierten Bibliotheksmitarbeitenden festhielten: «Seht unsere individuellen Fähigkeiten; zeigt euer Potenzial als Arbeitgeber; fördert uns bei der persönlichen beruflichen Entwicklung; lasst uns unsere Ideen einbringen und ausprobieren; gebt uns Spielraum zur Verantwortung; lasst uns gemeinsam netzwerken.»
Petra Imwinkelried (Landesbibliothek Glarus) rückte für mich das Motto der Tagung ins Zentrum mit ihrer Aussage: «Es ist gut, wenn sich nicht nur Bibliotheken, sondern auch die Menschen dort bewegen.»
Queraussteiger und -einsteiger

In der Schlussdiskussion wurde in einem Fazit nochmals die Wichtigkeit der Tagung angesprochen. Der 10-Punkte-Plan der Nachwuchskräfte stand ebenfalls bei vielen Voten im Zentrum. Franziska Zenkel vom Nachwuchsforum freute sich nochmals, dass in einzelnen Stellenanzeigen explizit «auch AnfängerInnen erwünscht» seien.
Herbert Staub seinerseits plädierte sowohl für Queraussteiger als auch -einsteiger – dies sei gewinnbringend für beide Seiten. Das Ziel von allen Diskutierenden ist es sicherlich, das ominöse B*-Wort («Bibliothek») wieder vermehrt ins Gespräch zu bringen und ins richtige Licht zu rücken. Diesbezüglich waren sich alle Teilnehmenden einig.
März 2019
Heinz Mathys, UB Basel
