Unter dem Label UX Libs II trafen sich im Juni 2016 etwas über 150 an User Experience in Bibliotheken Interessierte zu einer Konferenz der ziemlich anderen Art – in meinen Augen derzeit eine der besten überhaupt.
Marianne Ingold (Text und Fotos, 2016)

Angefangen vom Konferenzort „The Studio“ in Manchester (wo 2014 bereits die i2c2 stattfand, vgl. Bericht im Info WBS 2) über die bewusst limitierte Anzahl Plätze, ein personalisiertes Tagungsprogramm, originelle Themen und Methoden bis hin zur aktiven, kreativen Beteiligung aller Teilnehmenden in diversen Workshops sowie einem abschliessenden Gruppenwettbewerb hebt sich das UX Libs-Konzept erfrischend ab von bibliothekarischen Massenkongressen, die rein passiv konsumiert werden können.
Wer’s nicht glaubt, soll sich einige der Tagungsberichte und Fotos ansehen.
Von toten Pflanzen und Vögeln
Im Fokus standen dieses Jahr praktische Ergebnisberichte aus UX-Projekten. Das Motto „Nailed, Failed, Derailed“ stellte klar, dass nicht nur Erfolgsstories gefragt waren, sondern auch freiwillige oder unfreiwillige Abzweigungen auf Nebengeleise oder gar komplette Misserfolge – weil daraus am meisten gelernt werden kann. Donna Lanclos fasste diese Erkenntnis in ihrem Keynote-Referat in einer Garten-Analogie zusammen: Man soll das pflanzen, wovon man denkt, dass es an einem bestimmten Ort wächst. Wenn die Pflanze stirbt, soll man stattdessen eine andere pflanzen. Wenn man selber schuld an ihrem Eingehen ist, soll man den Grund dafür herausfinden und dann trotzdem etwas anderes pflanzen.
Am wichtigsten ist es, überhaupt etwas zu tun, und sich nicht aus lauter Angst vor dem Scheitern gar nicht erst zu trauen. In den Worten von Andy Priestner, einem der Konferenz-Organisatoren: „We shouldn’t be exercising damage limitation before we start.“ Andererseits braucht es den Mut, erfolglose Projekte abzubrechen. Lawrie Phipps verglich die Resultate vieler Projekte mit den toten Vögeln, die Katzen ihren BesitzerInnen stolz präsentieren, die von jenen aber umgehend entsorgt werden. Phipps einfacher Rat: „Don’t create a dead bird!“
„Warum?“ statt „Wie viele?“
Eine zweite heilige Kuh, die aus UX-Sicht geschlachtet werden sollte, ist die Fixierung auf quantitative Daten in der Nutzerforschung. Stattdessen sollten Bibliotheken vermehrt qualitiative Daten erheben, diese vertieft interpretieren und anschliessend handeln. Damit ist nicht gemeint, lange Konzeptpapiere zu verfassen, sondern konkrete Dienstleistungen und Produkte zu entwickeln. Dazu braucht es ein iteratives Vorgehen mit Prototypen und dem Einbezug der potenziellen NutzerInnen von Anfang an.
Die Sprache der Kundinnen und Kunden sprechen

Im Zentrum stehen muss die „Service Journey“ der Kundin bzw. des Kunden. Deren Erfahrungen sollen aus ihrer eigenen Perspektive betrachtet und in ihren eigenen Worten beschrieben werden, um sinnvolle Verbesserungen realisieren zu können. So sollte beispielsweise in der Signaletik die Sprache der Benutzenden verwendet werden (vgl. Beiträge von Eva-Christina Edinger und Ingela Wahlgren).
Wie hervorragend unterstützte Nutzererfahrung aussieht, zeigte Andy Priestner am Beispiel des öffentlichen Transportsystems in Hongkong. Ein Ergebnis von UX-Studien, die im Rahmen des Open Innovation-Programms FutureLib an der Cambridge University Library durchgeführt wurden, ist der Spacefinder. „The website that’ll change your studying life forever“, wie The Cambridge Student schrieb, zeigt auf einer interaktiven Karte nach verschiedensten Kriterien sortierbare Arbeitsplätze nicht nur in den Bibliotheken der Uni, sondern auch in Cafés, Bars, Pubs oder an anderen öffentlichen Orten. Als eine Art studentischer TripAdvisor kommt es einem realen Bedürfnis des Zielpublikums entgegen.
Schliesslich bewies das improvisierte Interview mit einer gespielten Erstsemester-Studentin, dass Videos mit authentischen Aussagen von Studierenden eine hervorragende Möglichkeit sind, um Stakeholder für Bibliotheksanliegen zu gewinnen. Das Siegerteam der Team Challenge löste damit allgemeine Begeisterung aus!
Ethnologie und Design

Reale Kundenerfahrungen werden nicht mit Hilfe von klassischen Fragebogen ermittelt, sondern mit ethnographischen Methoden erforscht, idealerweise unter Beizug von einschlägig ausgebildeten EthnologInnen und/oder DesignerInnen. In Grossbritannien arbeiten spezialisierte Firmen wie Modern Human oder Alterline bereits zunehmend für Bibliotheken.
Im deutschsprachigen Raum dagegen haben sich solche Kollaborationen noch nicht etabliert – weil es an einschlägigen Angeboten fehlt, weil das Preisniveau kommerzieller Firmen zu hoch ist oder weil Bibliotheken gar keine entsprechenden Aufträge erteilen?
Selbstverständlich können und sollen Bibliotheken sich auch selber an UX-Projekte wagen. Sehr hilfreich dafür ist die als Geschenk an die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer verteilte Box mit 35 Methodenkarten von Modern Human. Gewinnbringend ist auch eine Kooperation mit anderen Bibliotheken, zum Beispiel mit gegenseitigen Beobachtungen.
UX Libs ist, wenn man trotz Brexit lacht
Überschattet wurde die Tagung vom völlig unerwarteten Ausgang der Brexit-Abstimmung. War die Stimmung am Morgen des 24. Juni 2016 noch sehr gedrückt (es flossen sogar Tränen), hob sie sich u.a. dank der offenen Worte von Konferenz-Initiant Andy Priestley und der Professionalität des Keynote-Referenten Lawrie Phipps bald wieder. Phipps Vortrag unter dem Titel „Leading Change in Libraries“ inkl. die darin zitierte Studie von Horth und Vehar verdienen übrigens eine aufmerksame Lektüre!
Ready for UX Libs III
Die meisten TagungsteilnehmerInnen kamen naturgemäss aus Grossbritannien. Daneben waren auch die USA, Kanada, Irland, Skandinavien, Frankreich, die Niederlande und Singapur vertreten. Der deutschsprachige Raum dagegen blieb mit einer Mini-Delegation von zwei Personen aus der Schweiz auffallend unterrepräsentiert.
Allen, die über gute aktive und passive Englischkenntnisse verfügen, sei deshalb die UX Libs III wärmstens empfohlen. Sie findet vom 6. bis 7. Juni 2017 in Glasgow statt. Einen letzten Ratschlag von Lawrie Phipps gilt es dabei zu beherzigen: „If you are looking to get away for a couple of days and catch up on your email at the back of a conference, pick something other than UXLibs.“ Auf die Frage „Will I enjoy the conference?“ gibt es dann nur eine Antwort: „Hell yes!“
P.S. Zur Vorbereitung empfiehlt sich das frei verfügbare E-Book von Lawrie Phipps mit dem Titel „Surviving Conferences: Tips and Tricks for Conference Goers„.
Website: http://uxlib.org/
Buch: http://uxlib.org/uxlibs-the-book/
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