Unter dem Motto «Libraries: Dialogue for Change» trafen sich vom 23. bis 30. August 2019 über 3600 Teilnehmende aus 140 Ländern in Athen. Am diesjährigen IFLA World Library and Information Congress (WLIC) stand die neue IFLA-Strategie 2019–2024 im Zentrum. Zu den 40 Kongressteilnehmenden aus der Schweiz gehörten zwei Mitglieder der IG WBS, die im Rahmen des ersten Bibliosuisse-Newcomer-Programms nach Athen reisten.
David Tréfás und Marianne Ingold, September 2019
Hauptereignis des IFLA WLIC 2019 war die Präsentation der neuen IFLA-Strategie 2019–2024. Ihr Inhalt wurde unter anderem auf der Grundlage der UN Sustainable Development Goals aufgebaut und enthält folgende vier Stossrichtungen:
- Strengthen the Global Voice of Libraries: eine Aufforderung an Bibliotheken, mehr in der Öffentlichkeit zu erscheinen.
- Inspire and Enhance Professional Practice: eine Aufforderung, Bibliotheksberufe attraktiver zu machen.
- Connect and Empower the Field: eine Aufforderung zu Weiterbildung und Zusammenarbeit.
- Optimise our Organisation: eine Ankündigung, die IFLA präsenter erscheinen zu lassen.

Die Vision: «A strong and united library field powering literate, informed and participative societies.»
Die Mission: «To inspire, engage, enable and connect the global library field.»
Fast noch stärker hervorgehoben als der Inhalt wurde das Zustandekommen der Strategie. Ein millionenschwerer Zuschuss aus dem Global Libraries Programme der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung ermöglichte es, im bisher grössten Dialog des Berufsfeldes über 30’000 Bibliothekar*innen aus 190 Ländern einzubinden und so die IFLA Global Vision als Grundlage für die neue Strategie zu erarbeiten.
Nach dem Motto «Vision > Strategy > Action» sollen nun konkrete Umsetzungsmassnahmen folgen. Dazu gehören unter anderem die Erneuerung von Struktur und Governance der IFLA auf der Basis einer Development Roadmap bis August 2021. Bereits bis Ende 2019 soll die bestehende Website abgelöst werden. Eine Aktualisierung des Trend-Reports ist für 2020 geplant. Fortlaufend ergänzt werden der Ideas Store und die Library Map of the World.

Die Qual der Wahl
Das umfangreiche Kongressprogramm bestand aus ganzen 278 Sessions. Beinahe alle fanden im Megaron statt, einem 1991 erbauten Konzertpalast mit zahlreichen kleineren und grösseren Musiksälen und einem Auditorium mit 2’000 Plätzen. Sich einen Überblick über dieses riesige Angebot zu verschaffen war nicht leicht.
President’s Session
Die abtretende Präsidentin der IFLA, die Katalanin Glòria Pérez-Salmerón, hatte ihre Session unter das Motto «Dialogues for Change: Inspiring, Engaging, Enabling and Connecting the Motors for Change» gestellt. Die Panels und kurzen Vorträge betonten, dass nur Bibliotheken weltweit Zugang zur Bevölkerung hätten und sie dadurch prädestiniert seien, einen Dialog mit ihr zu führen.
Dennoch, wie Antoine Torrens in seinem Vortrag sagte: «Librarians are not fast enough. We haven’t been the world changers», um danach festzuhalten: «We have knowledge, unity, and love and support of our communities». Bibliotheken, so ein Fazit der President’s Session, sollten auch dazu beitragen, im Dialog mit der Bevölkerung die Sustainable Development Goals der UNO zu verwirklichen.
President-elect’s Session
Um einiges pragmatischer verlief die Session der bisherigen «President-elect», der Australierin Christine Mackenzie. Ihre Präsidentschaft 2019–2021 steht unter dem Motto «Let’s work together». In ihrer Session zeigte sie denn auch die breite Palette möglicher Zusammenarbeit auf:
- Bibliotheken untereinander: Estland zum Beispiel versucht, die Sammlungen in einem einzigen Katalog zu vereinen; Sonia Poulin beschrieb, wie in Kanada law, public und school libraries zusammenarbeiteten, um trotz Sparmassnahmen der Öffentlichkeit den Zugang zu juristischer Literatur zu ermöglichen.
- Bibliotheksverbände und Politik: Das Beispiel der Stadt Aarhus zeigt, wie ein Politiker von der Bibliothek lernt und daher immer wieder die IFLA besucht. Als Ergebnis dieses Lernprozesses muss nun in Aarhus jede neue gesetzliche Richtlinie auf die UNO-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) Bezug nehmen.
- Bibliotheken und Wirtschaft: Glòria Pérez-Salmerón sprach von einem «cluster of companies of private and university sector» in Spanien (FESABID business cluster), das Firmen verschiedene Mitgliedschaften anbietet und in welchem Bibliotheken und Industrie gemeinsame Strategien entwickeln.
Trend- und andere Themen
Ein IFLA-Weltkongress steht nicht in erster Linie für allerneuste Forschungsergebnisse und fachliche Tiefe, sondern für thematische Vielfalt, Internationalität und eine Vielzahl von Anregungen und Begegnungen. Sein Mehrwert besteht vor allem darin, dass sich Bibliothekar*innen aus öffentlichen Bibliotheken, Universitätsbibliotheken, Regierungsbibliotheken, Schulbibliotheken, Gefängnisbibliotheken und vielen anderen Bibliotheksformen und aus allen Ländern der Welt zum selben Thema Gedanken machen und dieses aus je ihrer eigenen Perspektive beleuchten. Es macht eben einen Unterschied, ob zum Thema Klimawandel und Bibliothek ein Kollege aus Chicago oder eine Kollegin aus Fidschi spricht.
Nachhaltigkeit in all ihren Facetten war das Trendthema, angefangen vom Green Library Award über Tipps zur Organisation von nachhaltigen wissenschaftlichen Konferenzen (Paper) und der umweltfreundlichen Reise dorthin (Paper) bis zu Erfahrungsberichten von Kolleginnen, die per Bus von Serbien oder mit dem Zug von Deutschland nach Athen gereist waren – letzteres unter Einsatz von zwei Wochen Urlaub für Hin- und Rückfahrt mit diversen Zwischenhalten unterwegs. Ebenfalls gut zu wissen: In Deutschland gründeten Berufskolleg*innen das Netzwerk Libraries4Future mit mittlerweile bereits über 400 Mitgliedern.
Einige weitere für IG WBS-Mitglieder potenziell interessante Themen und Inhalte:
- Das im Frühling 2019 neu auch für wissenschaftliche Bibliotheken lancierte «Project Outcome Toolkit» soll diese dabei unterstützen, die Wirkung ihrer Dienstleistungen und Angebote besser zu verstehen und zu kommunizieren. Das kostenlose Toolkit bietet Zugang zu Schulungen, Datenanalysen und standardisierten Umfragen.
- Eine von unserem Schweizer Kollegen Donatus Düsterhaus, Koordinator der «Religions: Libraries and Dialogue Special Interest Group (RELINDIAL), moderierte Session zum Thema «Document Religious Conflicts without Sustaining Resentment» zeigte den längerfristigen Wert von kuratierten Sammlungen auf, auch wenn sich deren Nutzung im Lauf der Zeit verändert. Zitat aus einem der Vorträge: «We have an obligation to keep that in place for future use. (…) We have to preserve material even if it has fallen into disfavour!»
- Im Zentrum der Sessions zu neuen Technologien standen unter anderem Virtual und Augmented Reality (Twitter Thread), Smart Cities (Paper) und Blockchain (Twitter Thread, American Libraries Magazine Blog).
- Für Führungskräfte gab es in den Business Meetings und Plenumsveranstaltungen eine Vielzahl von praktischen Anschauungsbeispielen. Mit ihrem auf Kommunikation, Transparenz und Partizipation basierenden Ansatz («My leadership style is…», «Who would like to work with me on this?») überzeugt zum Beispiel Catharina Isberg, frühere Co-Chair CPDWL und neue Vorsitzende der Division IV Support of the Profession.
- Diverse Programme eignen sich für einen Freiwilligeneinsatz mit Bibliotheksbezug im Ausland, zum Beispiel: EduCab, Librarians without Borders / Libraries without Borders, Riecken Community Libraries, Libraries for All oder ProBiGua Proyecto Bibliotecas Guatemala, ein Projekt einer Schweizer Stiftung.
Besondere Highlights
- Komplimente von ausserhalb des Berufsfeldes und Gründe für #proudtobealibrarian: «You have this international network that is so incredibly powerful!» (Rabih Azad-Ahmad, Kulturbürgermeister von Aarhus)
«Toll, ein nur mit Frauen besetztes Podium, das gibt es bei juristischen Konferenzen nicht! (…) Ich bin tief beeindruckt, wie professionell das hier alles aufgezogen ist und wie international. Als wir hier angekommen sind, haben wir in den ersten fünf Minuten Leute aus zehn verschiedenen Ländern und wahrscheinlich jedem Kontinent kennengelernt.» (Elisabeth Tretthahn-Wolski, Juristin aus Österreich)
- Musikalische Leckerbissen aus der ansonsten eher enttäuschenden Session «Library Love Stories», die in der Aufzeichnung des Live Streams aus urheberrechtlichen Gründen nur teilweise oder gar nicht zu hören/sehen sind: «Head over Heels» von Tears for Fears (in der Aufzeichnung ab Min. 12:28), «By Chance (You & I)» von JR Aquino (29:13 ff.) und – honi soit qui mal y pense – «Marian the Librarian» aus dem Film «Music Man» (48:35 ff. )
- Das Stavros Niarchos Foundation Cultural Centre (SNFCC), wo der Cultural Evening stattfand.

Lessons learned
- Bibliotheken in aller Welt versuchen sich mehr gegenüber der Öffentlichkeit zu öffnen. Neubauten werden entsprechend konzipiert, sowohl öffentliche Bibliotheken (der diesjährige Star war die neue Zentralbibliothek von Helsinki, Oodi, die als beste neue öffentliche Bibliothek der Welt ausgezeichnet wurde) wie auch Nationalbibliotheken. Nur akademische Bibliotheken bleiben hier vergleichsweise geschlossen.
- Besonders Regierungsbibliotheken verstehen sich zunehmend als Gegenentwurf zu «Fake News» und Desinformation und stellen sich die Frage, wie sie es schaffen, mit qualitativ hochstehenden Informationen die Entscheidungsträger zu erreichen. Das könnte und sollte auch ein Vorbild für Schweizer Bibliotheken auf allen politischen Ebenen sein.
- Bibliotheken geniessen nicht den (politischen) Einfluss, der ihnen von ihrem Potenzial her zustehen würde. In der Regel gilt: «Local politicians don’t know the importance of their libraries». Deshalb führen einige Bibliotheken und Verbände Buch darüber, welche Entscheidungsträger*innen der Sache der Bibliotheken zugetan sind. Wichtiger aber ist es, diese Zielgruppe wieder in die Bibliotheken zu bringen, zu denen sie häufig seit ihrer eigenen Schul- oder Studienzeit keinen Bezug mehr haben. In Aarhus zum Beispiel wurde ein junges Ratsmitglied in die Bibliothek eingeladen, um über Digitalisierung zu sprechen. Auch ihr Einbezug an Bibliothekskongressen ist wichtig. Die IFLA will nächstes Jahr 20 Politiker*innen am Kongress haben mit dem Ziel, dass sie Bibliotheken nicht nur mögen, sondern aktiv etwas für sie tun.
- Und aus helvetischer Sicht: Trotz ihres guten Ausbildungsstands erheben Schweizer Bibliothekar*innen ihre Stimmen international noch kaum. Es bleibt die Hoffnung, dass sich dies ändern wird: Am nächsten IFLA-Weltkongress in Dublin oder am übernächsten in Rotterdam. Es gilt: «We need YOUR energy, YOUR drive. We need YOU to inspire, engage, enable and connect those around you» (Zitat aus der Opening Session).
Empfehlungen
- Aufzeichnungen der Live Streams
- Berichte zum IFLA-Newcomer-Programm 2019 (erscheinen in Bibliosuisse Info 4/2019).
- Aubib-Blogbeitrag von Aline Lehnherr, einer Teilnehmerin des Bibliosusse IFLA-Newcomer-Programms
