RB 56, November, 2011
Samuel Weibel
Durch die Schaffung verschiedener Masterstudiengänge im ABD-Bereich (Archiv, Bibliothek, Dokumentation) hat sich die Aus- und Weiterbildungssituation für das wissenschaftliche Bibliothekspersonal in der Schweiz während der letzten Jahre markant professionalisiert und verbessert. Die von Universitäten und Fachhochschulen geschaffenen Angebote stehen in belebendem, qualitätssteigerndem Wettbewerb zueinander aber auch in Konkurrenz zu analogen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im deutschsprachigen Ausland wie etwa deutschen Fernstudiengängen.
Wissenschaftliche Bibliothekare/-innen sind Akademiker/-innen mit einem fachspezifischen Hochschulstudium und einer nachgelagerten bibliothekarischen Zusatzausbildung. Als geeignete Form für diese Zusatzqualifikation im tertiären Bildungsbereich bietet sich im Bologna-System das postgraduale Weiterbildungsstudium zum Master of Advanced Studies (MAS) an. Zu diesem Typus gehören die meisten Deutschschweizer Weiterbildungsangebote im Gebiet der Bibliotheks- und Informationswissenschaften. Dabei können von diesen berufsbegleitenden Studien in der Regel auch nur Einzelmodule besucht und auf Zertifikats- (Certificate of Advanced Studies, CAS) oder auf Diplomstufe (Diploma of Advanced Studies, DAS) abgeschlossen werden.
Studiengänge in der Schweiz
Der früher von der Zentralbibliothek Zürich angebotene «Zürcher Kurs» zur Ausbildung zum/zur «Wissenschaftlichen Bibliothekar/-in BBS» wurde 2007 durch den Studiengang «Bibliotheks- und Informationswissenschaften» (http://www.mas-biw.uzh.ch) abgelöst. Dieser wird nun von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich in Kooperation mit der Zentralbibliothek Zürich angeboten (Kosten: 16’800 CHF). Voraussetzung für den zweijährigen Studiengang (mit 1 Kurstag pro Woche) ist ein Hochschulabschluss auf Stufe Lizentiat/Master und Berufserfahrung in einer I+D-Institution im Umfang einer 50%-Tätigkeit. Wie beim früheren «Zürcher Kurs» bieten die UB Basel, die UB Bern und die ZB Zürich je zwei Ausbildungsplätze und die SNB eine Volontariatsstelle an, die parallel zum MAS-Studiengang eine praktisch-betriebliche Ausbildung bieten. Der MAS steht aber auch Studieren-den ohne Ausbildungsplatz offen, indes wird eine kursbegleitende Tätigkeit in einer I+D-Institution erwartet und zu Studienende eine zweijährige entsprechende Berufspraxis (80%) verlangt.
Während sich der Zürcher MAS dezidiert auf das Berufsfeld «Wissenschaftliche/-r Bibliothekar/-in» ausrichtet, ist der MAS-Studiengang «Studies in Information Science» der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur (http://www.fh-htwchur.ch/de/htw/informationswissenschaft/weiterbildung) thematisch breiter aufgestellt (Kosten: 19’600 CHF). Das 1992 bis 2006 als Nachdiplomstudium (NDS) «Information und Dokumentation« geführte Weiterbildungsprogramm bietet ein informationswissenschaftliches Studium, das in den ersten beiden Kursen generalistisch den Umgang mit Informationen sowie Managementfähigkeiten schult. Erst im dritten, letzten Kurs setzen die Studierenden mit einem Wahlpflichtmodul in den Berei-chen Archiv oder Bibliothek und Dokumentation einen persönlichen Ausbildungsschwerpunkt und nehmen eine spezifische Vertiefung vor. Zum dreisemestrigen Studiengang (mit 1½ Kurstagen pro Woche) zugelassen sind alle Absolvierenden von Universitäten und Fachhochschulen auf Stufe Bachelor aber auch Studierende ohne Hochschulabschluss mit gleichwertigem Bildungsstand oder ausreichender Berufserfahrung. Eine kursbegleitende Berufstätigkeit im ABD-Bereich wird sehr empfohlen, ist aber nicht formale Pflicht.
Seit 2006 bietet die Universität Bern am Historischen Institut ein zweijähriges MAS-Studium in «Ar-chival, Library and Information Science» (http://www.archivwissenschaft.ch) an (Kosten: 25’000 CHF, mit zweiwöchentlich 1½ Kurstagen). Seit seinem zweiten Durchgang 2008/10 wird das Programm gemeinsam mit der Universität Lausanne durchgeführt und integriert deren früheres Zertifikat in Archiv- und Informationswissenschaften. Anfänglich akzentuierte der Studiengang unter der Bezeich-nung «Archival and Information Science» klar den Archivbereich. Unterdessen schliesst er deklariertermassen die Bereiche Archiv-, Bibliotheks- und Informationswissenschaft in gleichen Teilen ein. Wie der Zürcher MAS verlangt der Berner MAS einen Hochschulabschluss auf Stufe Lizentiat/Master sowie ein vorkursliches Praktikum in einer ABD-Institution, hier jedoch im Umfang einer dreimonatigen Vollzeitanstellung. Gegen Studienende ist ein weiteres, einmonatiges Praktikum zu absolvieren, das im Sinne eines Perspektivenwechsels in einem anderen Institutionstypus erfolgen muss. Die Veranstaltungen finden mehrheitlich in Bern statt, drei Module aber auch in Lausanne an der Universität sowie dem IDHEAP. Unterrichtssprachen sind Deutsch, Französisch und Englisch.
Studiengänge in Deutschland
Während die Ausbildung zum/zur Wissenschaftlichen Bibliothekar/-in in der Deutschschweiz nicht mehr fest an vordefinierte Ausbildungsplätze gebunden ist, erfolgt in Deutschland die entsprechende Zusatzausbildung in den meisten Bundesländern noch häufig in Form eines Bibliotheksreferendariats bzw. -volontariats. Dieses setzt ein universitäres Hochschulstudium und möglichst auch eine Promoti-on voraus. Das Referendariat bzw. Volontariat gliedert sich in eine praktische Ausbildung an einer Bibliothek und eine theoretische Ausbildung. Diese erfolgt entweder an der Bayerischen Bibliotheks-schule in München oder als Fernstudium am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI) der Humboldt-Universität zu Berlin (bzw. in Nordrhein-Westfalen an der Fachhochschule Köln).
In ersterem Fall arbeiten die Studierenden zunächst ein Jahr vollumfänglich in ihrer Bibliothek und erhalten dort ihre praktische Ausbildung, woran sich eine einjährige ausschliesslich theoretische Voll-zeitausbildung an der Bayerischen Bibliotheksschule (http://www.bsb-muenchen.de/Vierte-Qualifikationsebene-vormals-hoeherer-Bibliotheksdien.1951.0.html) anschliesst. Die Studierenden erlernen also ihr Handwerk im ersten Jahr durch «learning by doing», während im zweiten Jahr die Praxiskenntnisse in einem Vollzeitstudium theoretisch fundiert werden. Bei Ausbildungsende bzw. Eintritt in den Berufsmarkt liegt die letzte praktische Berufstätigkeit somit ein Jahr zurück.
Dieser gewichtige Nachteil fällt beim anderen Ausbildungskonzept weg, wo die theoretische Ausbildung am IBI Berlin erfolgt. Die Referendare/-innen absolvieren hier ihr theoretisches Studium parallel zur praktischen Ausbildung in der Bibliothek, also während ihrer gesamten zweijährigen Ausbildungs-zeit. Der Studiengang (http://www.ibi.hu-berlin.de/studium/fernstudium) ist als Fernstudium mit Selbststudienangeboten per Internet (über die Learningplattform Moodle) sowie festgelegten Präsenz-zeiten am IBI (im Umfang von fünf bis sechs Doppeltagen pro Semester) angelegt.
Das auf Blended-Learning basierende Fernstudium des IBI Berlin kann auch ohne verwaltungsinternen Ausbildungsplatz als weiterbildender Masterstudiengang «Master of Arts – Library and Informations Science» (M.A. LIS) absolviert werden. Zulassungsanforderung ist ein Universitäts- oder Fachhoch-schulabschluss auf Bachelor-Stufe. Berufspraxis wird nicht verlangt, weder vor noch während der Ausbildung – im Laufe des Studiums sind lediglich zwei sechswöchige Praktika zu absolvieren. Abge-hende dieses Fernstudiums können deshalb unter Umständen wenig Praxiserfahrung vorweisen.
Neben dem IBI führen auch andere deutsche Hochschulen akkreditierte Masterstudiengänge (http://www.vdb-online.org/kommissionen/qualifikation/ausbildungsinfo/master.php) als Alternativen zur verwaltungsinternen Ausbildung im Referendariat bzw. Volontariat durch. Absolvierende solcher Studiengänge können sich i.d.R. nach zweijähriger Hauptberufstätigkeit als Laufbahnbewerbende verbeamten lassen und stehen dann Bibliotheksreferendaren/-innen gleich. Zu diesen Masterstudiengän-gen zählt das Weiterbildungsstudium «Bibliotheks- und Informationswissenschaft» (MALIS) der Fachhochschule Köln (http://www.fbi.fh-koeln.de/studium/wbma/wbma.htm). Dieser Blended-Learning-Studiengang, der einen Bachelor-Studienabschluss verlangt, kombiniert wie das Fernstudium des IBI Berlin Selbststudien- und Präsenzelemente. Doch erfordert er spürbar mehr Präsenzzeiten (zwei Wochenblöcke und zwei Doppeltage in den ersten zwei Semestern) sowie eine einjährige vor-kursliche Praxistätigkeit in einer I+D-Institution. Die Studienkosten betragen beim Kölner wie beim Berliner Fernstudium 5’000 Euro.
Studiengänge in Österreich
In Österreich erfolgt die Ausbildung im wissenschaftlichen Bibliotheksdienst seit 2005 über den Interuniversitären Universitätslehrgang «Master of Science (MSc) Library and Information Studies» an den Universitäten Wien (http://bibliothek.univie.ac.at/ulg), Graz, Salzburg und Innsbruck (in Koopera-tion mit Bibliothekseinrichtungen wie der Österreichischen Nationalbibliothek). Dieser Weiterbil-dungsstudiengang gliedert sich in einen zweisemestrigen Grundlehrgang und einem zweisemestrigen Aufbaulehrgang (vgl. http://www.ib.hu-berlin.de/~libreas/libreas_neu/ausgabe3/012pum.htm). Der zweisemestrige Grundlehrgang richtet sich dabei sowohl an Maturanden/-innen als auch an Akademi-ker/-innen und stellt dadurch eine einheitliche Ausbildung des universitären Bibliothekspersonals für den qualifizierten Tätigkeitsbereich (für Maturanden/-innen) wie auch für den wissenschaftlich qualifi-zierten Tätigkeitsbereich (für Akademiker/-innen) sicher. Der Grundlehrgang umfasst 32 Semesterwo-chenstunden Theorie in mehreren Monatsblöcken und 100 Tage Berufspraxis am Arbeitsplatz, in ei-nem fünfwöchigen Praktikum und durch Projektarbeit. Abgeschlossen wird der Grundlehrgang mit der Bezeichnung «Akademische/-r Bibliotheks- und Informationsexperte/-in». Ihm schliesst sich für ange-hende Wissenschaftliche Bibliothekare/-innen ein zweisemestriger, berufsbegleitender Aufbaulehr-gang mit 15 Semesterwochenstunden Theorie im ersten und einer Masterthesis im zweiten Semester an. Voraussetzung für diesen Aufbaulehrgang ist ein abgeschlossenes Hochschulstudium sowie der absolvierte Grundlehrgang. Die Gesamtstudienkosten belaufen sich auf 9’200 Euro.
Daneben existieren noch weitere Aus- und Weiterbildungsangebote im breiteren informationswissen-schaftlichen Bereich, durchgeführt von Fachhochschulen sowie der Donau-Universität Krems und der Universität Graz (http://www.univie.ac.at/voeb/bibliothekswesen/ausbildung-fortbildung).
Konsekutive Studiengänge
Deutlich von weiterbildenden Masterstudiengängen (MAS) zu unterscheiden sind die grundständigen konsekutiven Masterprogramme (MA/MSc), wie sie von der HTW Chur, dem IBI Berlin, der HTWK Leipzig und weiteren Institutionen angeboten werden. Diese Programme setzen einen ersten berufs-qualifizierenden Hochschulabschluss auf dem Gebiet der Bibliotheks- und Informationswissenschaften oder eines verwandten Studiengangs voraus. Anstelle der für Wissenschaftliche Bibliothekare/-innen typischen Kombination von nicht-bibliothekarischem Hochschulstudium und bibliothekarischer Zu-satzqualifikation tritt eine gänzliche Fachspezialisierung in Bibliotheks- und/oder Informationswissen-schaften mit Vollzeit-Studium auf Bachelorstufe und konsekutivem Masterstudium. In der Deutsch-schweiz bietet nur die HTW Chur seit 2010 ein solches Studium zum «Master in Science (MSc) in Information Science» (http://www.fh-htwchur.ch/sii-home/aus-und-weiterbildung/master) an (Kosten: rund 4’000 CHF für Einwohner der Schweiz). Das berufsbegleitende zweijährige Masterstudium setzt umfassend auf eLearning bzw. Blended-Learning und ermöglicht dank Kooperationen mit verschiede-nen deutschen Hochschulinstituten auch den Erwerb von Studienleistungen ausserhalb der HTW Chur. Im dritten Semester ist ein wissenschaftliches Praxisprojekt zu realisieren, und auch die Masterthesis im vierten Semester erfordert vertiefte forschungsnahe Arbeit. Das umfassendste Ausbildungsangebot führt indes nach wie vor das IBI Berlin als einzige universitäre Einrichtung im deutschsprachigen Raum mit einem Studien-, Promotions- und Habilitationsangebot auf dem Gebiet der Bibliothekswis-senschaft.
Anders als noch zur Jahrtausendwende bieten sich heute interessierten Studierenden sowohl in der Deutschschweiz als auch im weiteren deutschsprachigen Raum zahlreiche attraktive Aus-und Weiterbildungsmöglichkeiten im Bereich des wissenschaftlichen Bibliothekswesen. Der Wettbewerb unter den verschiedenen Anbietern sowie ihre individuelle Spezialisierung und unterschiedliche Schwer-punktbildung garantieren dabei eine stete qualitative Verbesserung des entsprechenden Angebots.
