RB 57, März 2012
Petra Gehrmann
„Ms. Fletcher (…) might have been a pretty woman, had she not been wearing a pair of hideous horn-rimmed glasses. She perpetually kept her hair up in a bun that was only slightly less tight than the dissatisfied line of her lips.“ ((Sanderson, Brandon (2007): Alcatraz versus the evil librarians, New York: Scholastic.))
Diese Beschreibung einer Bibliothekarin stammt aus dem aktuellen Jugend-Fantasieroman von Brandon Sanderson, in dem der Kampf gegen die „evil librarians“ beschrieben wird, deren Aufgaben neben der Weltbeherrschung darin bestehen, „to learn the incredibly and needlessly complicated filing system used to catalog books.“ Diese ist nur die letzte von vielen solchen Darstellungen, die sich in Literatur und Film finden.
Die Stereotypen und Vorurteile, mit denen der Beruf der Bibliothekarin besetzt ist, sind auch im Alltag vertreten. Sie bildeten den Ausgangspunkt, mich in meiner Masterarbeit ((Unpublizierte Abschlussarbeit im MAS Bibliotheks- und Informationswissenschaften der Universität Zürich.)) dem Genderaspekt unserer Tätigkeit zu widmen und den Gründen und den Folgen des zumeist negativen Images nachzugehen. Dabei habe ich, wenn immer möglich, den Fokus auf die wissenschaftliche Bibliothekarin gelegt.
Geschlechterstereotypen und Berufsfelder
Ein erster Schritt bestand darin, mich genauer mit den Stereotypen und ihrer Repräsentation in den Massenmedien auseinanderzusetzen. Anhand der Untersuchung liessen sich zwei Kategorien formulieren: Einerseits jene Klischees, die sich auf das Aufgabengebiet der Bibliothekarin beziehen (wie das Einordnen oder das Ausleihen von Büchern), andererseits die Attribute, welche sich den Geschlechterstereotypen zuordnen lassen.
Zumeist werden die Mitarbeitenden einer Bibliothek, wie oben beschrieben, mit einem bestimmten Aussehen und Verhalten in Verbindung gebracht. Viele der untersuchten Stereotype aus Filmen und Literatur verweisen auf Attribute der Bibliothekarinnen, die generell als typisch weiblich angesehen werden. Dementsprechend beschäftigte sich die Arbeit mit den Ursprüngen der Geschlechterstereotypen und den daraus folgenden Konsequenzen für die Arbeitssituation der Bibliothekarin in der Schweiz. Auch heute wird der Arbeitsmarkt noch durch den Geschlechterdualismus geprägt, es lässt sich z.B. eine horizontale Segregation feststellen, so sind Männer in einem wesentlich breiteren Spektrum an Berufen vertreten als Frauen, die vorwiegend im Dienstleistungssektor tätig sind.
Die Bibliothekarin – ein Frauenberuf?!
Heute wird Bibliothekarin als ein klassischer Frauenberuf wahrgenommen. Die Tätigkeit war in ihren Anfängen aber massgeblich männlich geprägt: Bis zum Jahr 1918 lag z.B. der Frauenanteil in der Zentralbibliothek Zürich noch unter 20%, erst 1975 stieg er auf rund die Hälfte an. ((Stieger, Emma (1961): Frauenarbeit in Bibliotheken, Archiven und Dokumentationsstellen, in: Zürcher Statistische Nachrichten, Jg. 38, Zürich: Statistisches Amt der Stadt Zürich, 13-32.)) Damit lässt sich für die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern eine späte Feminisierung konstatieren. In den USA waren 1910 bereits fast 80% des in Bibliotheken tätigen Personals weiblich. ((Buchmann, Marlis/Kriesi, Irene (2008): Feminisierung der Arbeitswelt, in: Tagesstrukturen als sozial- und bildungspolitische Herausforderung. Erfahrungen und Kontexte, hrsg. von Sabina Larcher Klee und Bettina Grubenmann, Bern, Stuttgart, Wien: Haupt, 51-64.))
Handelt es sich bei der Arbeit in einer Bibliothek also tatsächlich um einen klassischen Frauenberuf? Gewisse Aspekte weisen stark darauf hin; diesen Sachverhalt gesamtschweizerisch mit Zahlen zu untermauern, gestaltet sich aber schwierig. Die Schweizerische Bibliotheksstatistik erhebt keine Variablen zum Geschlecht. Es können zwar gewisse Zahlen zu verschiedenen Bibliotheken gefunden werden, deren Parameter sind teilweise aber sehr unterschiedlich. Ebenso werden in solchen Erhebungen keine Aussagen über die Zusammensetzung der Mitarbeitenden gemacht. Damit lassen sich kaum Rückschlüsse zu den Positionen der Mitarbeiterinnen und bezüglich der vertikalen Segregation ziehen.
Überhaupt bestehen Schwierigkeiten mit der Definition des Begriffs „Bibliothekarin“, unter dem die verschiedensten Ausbildungsarten und Aufgabengebiete zusammengefasst werden.
Historische Entwicklung des Berufsbildes
Das Vordringen der Frauen in den von Männern dominierten Bibliotheksbereich um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde einerseits durch das Wachstum der Bibliotheken und eine steigende Buchpublikation begünstigt, andererseits durch die damals positive Konjunktur, die den Männern einträglichere Einkommensbereiche erschloss. Der dadurch entstandene Mangel an billigen Arbeitskräften mit einem hohen Bildungsstand entsprach exakt dem Profil der bürgerlichen ledigen Frau, die sich mit ihrem „weiblichen Ordnungssinn“ und ihrer „Dienstfertigkeit“ ((Godet, Marcel (1929): Die Bibliothekarin in der Schweiz, ihre Arbeit und ihre Berufsaussichten, Bern: Pochon-Jent.)) nützlich machen konnte.
Leider existieren kaum umfassende Darstellungen zur Geschichte der Bibliotheken oder eine vollständige Untersuchung zur Lage der Bibliothekarinnen in der Schweiz. Ebenso sind Informationen und Quellen zu einzelnen Bibliothekarinnen im Zusammenhang mit dem Eintritt von Frauen Ende des 19. Jahrhunderts in das Bibliothekswesen rar. So lassen sich Fragen wie die, auf welche Widerstände Frauen beim Eintritt in die Bibliotheken trafen, kaum beantworten. Am Beispiel von Ricarda Huch und Helen Wild, die zu den ersten Frauen in wissenschaftlichen Bibliotheken in der Schweiz gehörten, habe ich in meiner Arbeit versucht, exemplarisch einen Einblick in die Tätigkeiten der frühen Bibliothekarinnen zu erlangen.
Auswirkungen der Feminisierung
Der kursorische historische Einblick bestätigt die generelle Beobachtung, dass die Feminisierung eines Berufes einerseits durch einen Mangel an männlichen Arbeitskräften aufgrund der Expansion eines Tätigkeitsfeldes erfolgt, anderseits, weil die Männer eine Branche verlassen, die an Bedeutung verliert und in der das Einkommensniveau sinkt. Damit lässt sich die These formulieren, dass der Feminisierung häufig ein Statusverlust vorausgeht bzw. mit ihr einhergeht.
Aus diesem Grund habe ich mich auch mit dem komplexen Spannungsfeld zwischen Feminisierung, Status und Professionalisierung beschäftigt. Anhand einer Untersuchung verschiedener Aspekte des Bibliothekarinnenberufes liess sich tatsächlich eine geringe Professionalisierung des Berufsstandes,
und damit auch ein niedriger Status, feststellen. So zeigt z.B. eine internationale Studie, dass Akademikerinnen in anderen Bereichen ein höheres Ansehen geniessen als solche, die in Bibliotheken angestellt sind. ((Bruijns, R.A.C. (1991): Status and image of the librarian. Report of a sample survey carried out in twelve countries, The Hague: NBLC.))
Zwar lässt sich die Auswirkung der Feminisierung auf das Berufsfeld nicht abschliessend beantworten, aber es können sicherlich gewisse Zusammenhänge zwischen dem niedrigen Berufsstatus der weiblichen Bevölkerung insgesamt und der Frauenarbeit in Bibliotheken festgestellt werden. Ansätze, diesen Zusammenhängen entgegenzuwirken, sind jedoch umstritten: So die Idee, den Männeranteil zu erhöhen und damit den Beruf mit „männlichen“ Stereotypen zu besetzen.
Information science is library science for boys“
In der Bevölkerung existiert keine klare Vorstellung darüber, welcher Tätigkeit eine Bibliothekarin genau nachgeht. Diese Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität hat sich durch die technischen Entwicklungen verschärft. Die verstärkte Ausrichtung auf Informatik und Informationswissenschaft führt zu vielen neuen Aufgabengebieten. Die neuen Felder werden meist der männlichen Domäne zugerechnet, sind mit „positiven“ Attributen besetzt und könnten so zu einem höheren Status des Berufes beitragen.
Die verstärkte Ausrichtung des Bibliotheksberufs auf technische Inhalte und Formen könnte auch dazu führen, dass wieder mehr Männer den Beruf ergreifen. Für die USA soll bereits ein Rückgang an Frauen in LIS-Programmen festzustellen sein. ((Hildenbrand, Suzanne (1999): The information age versus gender equity? Technology and values in education for library and information science – study of the alleged trend toward favoring men in the information technology field of libraries, in: Library Trends, 47 (4) Spring, 669-685, online: http://www.ideals.illinois.edu/handle/2142/8245 )) Interessant wäre es, in diesem Zusammenhang Daten dazu zu erheben, ob sich in der Schweiz oder in Deutschland ebenfalls ein solcher Trend erkennen lässt. Solche Thesen lösen eine Reihe von Befürchtungen aus, unter anderem, dass die vertikale Segregation
weiter zunimmt oder dass die als weiblich konnotierte Servicetradition sowie bibliothekarische Kerndisziplinen wie Katalogisieren gerade für wissenschaftliche Einrichtungen in Frage gestellt werden.
Library 2.0
Die Aufwertung der weiblichen Zuschreibung eines Berufes geht einher mit einem komplexen gesamtgesellschaftlichen Wandel, den eine Bibliothek allein gar nicht leisten kann. Was aber kann eine Bibliothek tun, um der fehlenden Positionierung entgegenzuwirken? Dass sich die erwähnten Stereotype
so hartnäckig behaupten können, liegt sicher auch daran, dass den Bibliotheken und ihren Mitarbeitenden in der Öffentlichkeit ein „Gesicht“ fehlt. Web 2.0 Anwendungen können genutzt werden, um die Transparenz bezüglich bibliothekarischer Tätigkeitsfelder zu erhöhen. Dies habe ich in meiner Arbeit anhand verschiedener Blogarten zu zeigen versucht. Als ein Beispiel sei hier der Blog „That is what a librarian looks like“ (http://lookslikelibraryscience.com/) angeführt, bei dem mit Hilfe von Porträts von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren aller Welt versucht wird, das Bild des Berufes in der Öffentlichkeit zu diversifizieren.
