Menschen mit Gesichtern statt Masken, Smalltalk und zufällige Begegnungen – der erste Bibliothekskongress nach Corona fühlte sich für IG-WBS-Mitglied Catrina Dummermuth an wie ein grosses Familientreffen. Für die IG WBS hat sie Eindrücke gesammelt, lose und unvollständig zwar, dafür bunt wie Herbstblätter.
Ich habe Mühe mit grossen Menschenansammlungen. Deshalb war es erstaunlich, wie schön es sich nach Lockdown und Homeoffice anfühlte, im Oktober 2021 im Kursaal in Bern wieder mit vielen Menschen in einem Raum zu sein (rund 440 laut offiziellen Angaben). Einen Vorteil aber haben Zoom, Teams und all die anderen Tools für Videokonferenzen: Die Menschen sind angeschrieben, ganz nah beim Gesicht. Die Namensschilder am Bibliothekskongress baumelten auf Bauchnabelhöhe. Es war etwa gleich peinlich, direkt darauf zu starren wie zum x-ten Mal nach dem Namen fragen zu müssen.
Spürbare Begeisterung
Schön war es auch, das Engagement der Vortragenden ohne Filterung durch einen Bildschirm zu spüren. Zum Beispiel bei Felix Hüppi und Gerda Zürcher von den Kornhausbibliotheken, die über die Vorteile eines Bibliotheksverbunds auch für allgemein öffentliche Bibliotheken sprachen.
Oder bei Beat Mattmann und Benjamin Flämig von der ZHB Luzern sowie Mark Ittensohn von der ZB Zürich in ihrer Session „Agilität in Bibliotheken“. Das innere Feuer der drei Referenten loderte spürbar, vor allem, wenn sie von ihren Misserfolgen sprachen. Die positive Fehlerkultur ist ein entscheidender Bestandteil von Agilität: Scheitern ist gut, früher scheitern ist besser. Die Mitglieder IG WBS wissen dank Beat Mattmann ja schon genau, um was es bei Agilität geht.
Bloss kein Brainstorming mehr
Damit lässt sich nahtlos zum Methodencafé der ZB Zürich überleiten. Verena Klein, Alexandra Müller, Susanna Truniger und Anja Weng liessen die Teilnehmer*innen unzählige farbige Post-its beschreiben und drei Kreativitätsmethoden gleich selbst ausprobieren. Das Credo des ZB-Teams lautet ebenfalls: Einfach machen! Fehler und Misserfolge sind Chancen, um zu lernen. Und vor allem: Kreativitätsmethoden nie als solche ankündigen, das löst nur unnötigen Widerstand aus.
Dank dem Methodencafé habe ich endlich verstanden, warum Brainstroming nun wirklich langsam in Rente gehen sollte. In einer Brainstorming-Runde steuert oft die erste, laut geäusserte Idee den ganzen nachfolgenden Prozess. Dabei wäre vielleicht die dritte oder fünfte Idee der bessere Startpunkt gewesen. Auch kommen beim Brainstorming die leisen Stimmen immer zu kurz. Deshalb ist in den Kreativitätsmethoden, die das Team aus der ZB vorstellte, oft eine erste Phase vorgesehen, in denen jede*r einzelne für sich denkt und notiert. Dann können nämlich auch die Stillen und Zögerlichen den Mut fassen, etwas zu sagen, weil sie genug Zeit hatten, ihre Ideen zu formulieren.
Meinung äussern ≠ entscheiden
Ums Gehörtwerden oder besser um das Stichwort Partizipation ging es in der Keynote von Renato Isella, CEO von Max Havelaar Switzerland. Er sagte: „Kundendialog ist ein essentieller Bestandteil von Marketing.“ Als Beispiel erwähnte er Migipedia. Hier können die Kund*innen der Migros Einfluss nehmen auf das Sortiment. Für Bibliotheken ist das nicht neu, schliesslich haben wir meistens den Anspruch, Anschaffungswünsche unserer Besuchenden zu erfüllen. Aber ausbaufähig ist unser Kundendialog allemal.
Doch bei aller Partizipation lässt sich eine Entscheidung nicht delegieren, das muss allen Führungspersonen bewusst sein. Partizipation bedeutet nicht Basisdemokratie. Es bedeutet beispielsweise, bei den Mitarbeiter*innen Meinungen einzuholen, damit verschiedene Entscheidungsoptionen vorliegen. Die Entscheidung muss dann aber von der Führung getroffen werden, denn sie trägt die Verantwortung. Bei Partizipationsprozessen muss diese Unterscheidung zwischen Anhören und Entscheiden deutlich gemacht werden, sonst werden falsche Erwartungen geweckt und die Mitarbeiter*innen sind hinterher enttäuscht.
Ausserdem nehme ich aus Isellas Keynote einen Trick mit: In die Powerpoint-Präsentation hin und wieder eine leere, d.h. schwarze oder blaue Folie einbauen, damit Bilder oder Text nicht vom Gesprochenen ablenken.
Stochern im Nebel ohne Kaffee
Kulinarisch war der Bibliothekskongress übrigens… interessant. Zum Mittagessen gab es jeweils einen Papiersack, der beim Auspacken an ein Samichlaussäckli erinnerte: Noch eine Überraschung und noch eine, zum Beispiel ein gekochtes Ei oder ein Birchermüesli. Die Kaffee trinkende Mehrheit der Bibliothekar*innen wirkte etwas panisch, als die eigentlich zahlreich verfügbaren Kaffeemaschinen alle nicht liefen und die Schlange an der kostenpflichten Kaffee-Ausgabestelle immer länger wurde.
Um die grandiose Aussicht vom Kursaal auf die Berner Altstadt und die Alpen geniessen zu können, mussten die Kongressbesucher*innen an beiden Tagen Geduld aufbringen, denn der Nebel lichtete sich langsam und machte erst am Nachmittag der Herbstsonne Platz. So ist es manchmal bei den Präsentationen und Diskussionen an solchen Anlässen auch: Das Gewirr aus Eindrücken, Fragezeichen und neuen Ideen löst sich nur langsam. Die Gesichter strahlen dann umso heller, wenn ein Licht aufgeht.
Catrina Dummermuth
Berner Fachhochschule, Soziale Arbeit
Twitter: @cdumme
