Debora Martarelli, Bibliothekarin an der PH FHNW Solothurn und Mitglied der IG WBS, hat 2016 drei Monate in Kamerun verbracht. Sie berichtet von der Bibliotheksarbeit in der Hauptstadt Jaunde.

Wir befinden uns in Jaunde, der Hauptstadt Kameruns. Zur Bibliothekslandschaft gehören die Nationalbibliothek mit ihrem auf die französische Kolonial-Administration zurückgehenden Bestand, eine grosse Universitätsbibliothek sowie die Bibliotheken des Institut Français und des Goethe Instituts. Schulbibliotheken sind selten und klein.
Weitere Bibliotheken sind auf persönliche Initiativen zurückzuführen, und werden privat oder durch Spenden finanziert, wie beispielsweise die Maison des Savoir und das CLAC, Centre de Lecture et d’Animation Culturelle.
Studierende und Expats treffen sich vor allem in den aus dem Ausland finanzierten Bibliotheken, die auch als Kulturzentren dienen. Kinder und Jugendliche aus dem Quartier machen ihre Hausaufgaben im CLAC oder besuchen das Samstagsprogramm.
Das CLAC in Jaunde
Charles Kamdem Poeghela hat Informationswissenschaft studiert und ist Gründer und Geschäftsführer des CLAC, das 2017 sein 10-jähriges Jubiläum feiert.

Die ersten Bücher des CLAC stammten aus dem Privatbestand von Charles Kamdem. Er konnte vor allem durch seine vielen nationalen und internationalen Kontakte, durch die Verbindung mit der IFLA sowie der Zusammenarbeit mit Bibliothèques sans Frontières und Bibliotheken in Frankreich immer wieder finanzielle Mittel aufbringen. Damit kann er den Bestand der Bibliothek aktuell halten, Computer mit Internetanschluss zur Verfügung stellen, Volontäre und – noch wichtiger – Mitarbeitende anstellen.
Trotz den knappen Ressourcen sorgen diese für ein wöchentlich abwechslungsreiches Unterhaltungs-, Kultur- und Leseförderungsprogramm: gemeinsame Lektüre, Debatten, Kinoabende, Theater, Video- und Tanz-Spiele, Computerkurse und Sprachkurse, Malen und Spiele für Kinder und vieles mehr.

Mit dem Bibliobus konnte endlich, im Jahr 2016, ein lange gehegter Wunsch des CLAC in Erfüllung gehen: mit einem Bus die Services auch ausserhalb des Quartiers Mimboman anzubieten.
Leider lässt die Genehmigung der Präfekturen für das Anhalten des Busses in den verschiedenen Quartieren auf sich warten. Bisher werden also vor allem private Schulen mit dem Bus bedient – so wie die Schule in Champs de Lys in Mendong und Cebec in Mballa 5.
Eine Genehmigung erhielten wir für die Unterpräfektur in Nkondengui (Jaunde 4), wo der Bus der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Inzwischen wurden weitere Haltestellen des Busses hinzugefügt, etwa im Quartier Manguier und im CASS (Gesundheitszentrum) von Nkolndongo.
Die Zusammenarbeit mit dem Amt für Arbeit
Während meines Aufenthaltes in Kamerun 2016 wurden Verhandlungen mit dem Amt für Arbeit in Jaunde geführt, in denen ein Vertrag zustande kam: Das Amt für Arbeit unterstützt die Aktivitäten des Bibliobus offiziell. Das Programm des Bibliobus thematisiert nämlich die Berufswahl und Berufsorientierung.

Zum Beispiel werden kleinere Kinder spielerisch in das Thema eingeführt, indem sie aufgefordert werden, den eigenen Traumberuf zu zeichnen oder zu beschrieben, ohne die konkrete Bezeichnung zu nennen, damit die anderen Kinder ihn dann erraten können. Jugendliche werden durch das Bereitstellen von Büchern über verschiedene Berufe informiert oder sie lernen, einen Bewerbungsbrief zu schreiben.
Für Stellensuchende und Berufstätige werden Schulungen zum Bewerbungsprozess und zur selbständigen Erwerbstätigkeit angeboten. Für diese Schulungen hat das Amt für Arbeit eigenes qualifiziertes Personal zur Verfügung gestellt. Dieses Programm wird nun weiter entwickelt, vorgesehen sind individuelle Beratungen mit Begleitung durch die Gründungsphase, um den Einstieg in die Selbständigkeit zu erleichtern.
Die Arbeit der Praktikantinnen und Praktikanten

Das CLAC hat zwar Sponsoren gefunden, die Finanzierung bezieht sich aber immer auf ein bestimmtes Projekt und ist befristet. Innovative Projektideen sind daher gefragt.
Eine der Aufgaben der Praktikantinnen und Praktiktanten besteht darin, neue Projektideen zu entwickeln und die Projektanträge vorzubereiten. Erfahrungen in der Erarbeitung von Projektanträgen sowie in der Herstellung von Informationsmaterial, Videos und anderem – je nach Bedarf und Kenntnisse der Praktikantinnen und Praktikanten – können in einem Stage beim CLAC gesammelt und erweitert werden.
Ausserdem ist die Mitarbeit im spannenden kulturellen Programm des CLAC durch (Mit-)Führung von Kursen und Aktivitäten für Kinder und Jugendliche gefragt, die vor allem pädagogische und interkulturelle Kompetenzen fordert und fördert.

Dank der vielen Kontakte von Charles Kamdem wäre es auch möglich, dem Praktikum einen wissenschaftlichen Fokus zu geben.
An der Universität Jaunde gibt es ein Institut für Informationswissenschaft (die ESSTIC Ecole Supérieure des Sciences et Techniques de l’information et de la Communication). Das Goethe Institut will den Dialog zwischen den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren fördern. Die enge Kooperation mit Bibliothèques Sans Frontières liefert ebenfalls immer wieder neue Inputs für die Bibliotheksarbeit, zum Beispiel durch Online-Schulungen.
Grundsätzlich steht es den Praktikantinnen und Praktikanten ziemlich frei, eigene Lernziele für den Aufenthalt in Kamerun zu bestimmen.
Für mich waren es ganz sicher sehr lehrreiche Monate und ich kann einen Austausch dieser Art nur empfehlen. Das Praktikum musste ich jedoch selber finanzieren und ich erhielt während den drei Monaten keinen Lohn.
Mein persönliches Fazit

In der Schweiz sind Bibliotheken Teil der Kultur und finden breite gesellschaftliche Akzeptanz. Wir befinden uns jedoch in einem Wandel. Projektarbeit und die Suche nach Drittmitteln sind Aktivitäten, die auch für uns Bibliothekarinnen und Bibliothekare in der Schweiz immer mehr Relevanz erhalten. Neue Aufgabenbereiche, wie die Entwicklung dynamischer Angebote und die Förderung innovativer Ideen, verlangen von uns ganz neue Fähigkeiten, die beim CLAC in Jaunde bereits Alltag sind.
Für mich ist das CLAC in jeder Hinsicht ein Beispiel für Engagement und Ausdauer. Ich bedanke mich bei Charles Kamdem und meinen Kolleginnen und Kollegen in Jaunde! Herzlichen Dank auch an meinen Arbeitgeber in der Schweiz, der den Austausch ermöglicht hat, und an meine Schweizer Kolleginnen und Kollegen für die Unterstützung.
Wer sich für ein Praktikum beim CLAC interessiert, kann gerne Charles Kamdem kontaktieren.
Debora Martarelli
Bibliothekarin an der PH FHNW Solothurn
Kontakt: debora.martarelli@fhnw.ch
Juli 2017
