Die 39. Jahrestagung der IATUL fand vom 18. bis 21. Juni 2018 in Oslo statt. Was blieb von den vielen Vorträgen hängen? Die drei Fehler, die laut Andy Priesner eigentlich alle Bibliotheken machen, dass Ideen vielleicht doch im stillen Kämmerchen alleine entwickelt werden, und der Aufruf von Aslak Sira Myhre, dem Direktor der norwegischen Nationalbibliothek, dass Bibliotheken – und damit Information Professionals – sich ihrer Aufgabe der Erleuchtung widmen sollten.
Die International Association of University Libraries (IATUL) (das „T“ für Technical wurde 2014 aufgegeben – im Akronym blieb es) führte die 39. Jahrestagung in Europa durch, Gastgeberin war die noch junge Oslo Metropolitan University (OsloMet). Thema der Tagung war „Libraries for the Future – from Inspiring Spaces to Open Science“.

Eröffnet wurde die Konferenz von Curt Rice, dem Rektor der OsloMet, dessen Eröffnung nicht unter dem Stichwort „Verlage – ziemlich beste Feinde“ (Passwort #385) zusammengefasst werden sollte, sondern besser mit „Die grössten Feinde: Verlage“: Akademiker könnten das alles besser und auf jeden Fall günstiger.
A game of coins
Ein Beispiel, wie man das mit weniger Emotionen – und überzeugender – vermitteln kann, gab am letzten Konferenztag David Carlson von der Texas A&M University mit seinem faszinierenden Vortrag „A game of coins: A creative solution to revealing the flow of money in scholarly communications“.
Er stellte die heutige Art der Wissenschaftskommunikation mit den Spielern Wissenschaftler, Verlag bzw. Zeitschrift vor und zeigte so die Abhängigkeiten und Geldflüsse auf.

Er kommentierte, dass er diese Präsentation für die Zielgruppe Fakultät ganz sicher schneller und mit weniger Aufwand als PowerPoint-Vortrag hätte gestalten können. Der Erfolg einer PowerPoint-Darstellung wäre allerdings mit Sicherheit wesentlich geringer gewesen. So vermittelte er die Information als Spiel mit zweidimensionalen Spielfiguren.
Für den Vortrag in Oslo geschah das mit etwas kleineren Spielfiguren, die den Verlag „OrElse – Severe“ symbolisierten, den Financier – die Bank of Academia, und vor allem den Promising Young Scholar, den Established Young Scholar, den Librarian und nicht zuletzt das Baby Arty, welches für das Produkt, die Zeitschriftenpublikation stand.
Mit Spielgeld-Dollars wurden die Geldflüsse an den magnetischen Spielfiguren befestigt und so wurde jedem klar, wie das System funktioniert. Mit PowerPoint hätte das nie derart klar und eindrücklich vermittelt werden können.
Leuchttürme der Erleuchtung
Ganz ohne PowerPoint kam auch der mitreissende Vortrag von Aslak Sira Myhre aus, dem Direktor der Norwegischen Nationalbibliothek – als Journalist und Politiker ein Quereinsteiger im Bibliothekswesen. Er wandte sich gegen die Diskussion und die Überzeugung, dass Bibliotheken bedroht seien. Diese seien genauso wenig bedroht wie der norwegische Wald, ja, Bibliotheken hätten heute mehr Besucher als früher.
Bibliotheken sollten aber aufhören, sich als Katalog zu sehen und zu definieren, sondern ihrer Aufgabe nachkommen, Leuchttürme zu sein, Leuchttürme der Erleuchtung, denn ihre Aufgabe sei es, „to enlighten society“, also die Gesellschaft aufzuklären und für Wissen zu sorgen. Dies würde im Norwegischen durch das Wort „Formidling“ ausgedrückt, im Deutschen durch „Vermittlung“. Im Englischen gäbe es keine direkte Übersetzung, der Begriff „Outreach“ würde dem wohl noch am ehesten entsprechen.
Eine Bibliothek sei der Ort für „enlightenment“, ohne kommerzielle, manipulierende Algorithmen. Und die Nutzer von Bibliotheken würden immer noch wenig von den Informationsressourcen nutzen, die für sie verfügbar seien. Ja, sie wüssten meist gar nicht, was es alles gäbe. Bibliotheken sollten seiner Meinung nach übrigens auch Orte sein, an denen es laut sei, es Kaffee und auch Bier gäbe. Zumindest Coffee Lectures und damit Kaffee gibt es immerhin schon an vielen deutschsprachigen Bibliotheken.
Er beendete seinen Vortrag mit der Warnung, dass die grösste Gefahr für Bibliotheken der eingangs erwähnte Katalog sei. Bibliotheken würden denken, sie seien der Katalog, aber das wären sie nicht. Der Katalog sei nicht mehr als ein Tool, welches durch Google oder andere Tools ersetzt werden könne. Bibliotheken müssten sich mehr auf die eigentlichen Inhalte und deren Vermittlung fokussieren.

Essen, Toiletten und Hefter
Inspirierend war auch der Vortrag „Experience Research. Why and how?“ von Andy Priestner, einem Berater für User Experience (UX) und früheren Bibliothekar. Die drei grundlegenden Dinge, die Bibliotheken überall falsch machen würden, seien das Verbot von Essen und Trinken, mangelnde Toiletten und das Fehlen von Heftern.
Ein anderer wunder Punkt sei die Website von Bibliotheken, die meist unter bibliothekarischem Blickwinkel gestaltet worden wäre. Und ebenfalls bemerkenswert: eine Absage an das gemeinsame Brainstorming am Flipchart (siehe Foto).

Bibliotheksroboter und Serious Game
Was blieb noch in Erinnerung: Das Video der tanzenden Bibliotheksroboter der Bibliothek der TH Wildau, vorgestellt von Benjamin Stahl. Der Vortrag und das Video des E-Learning-Moduls bzw. Serious Game „Lost in Antarctica“, welches von Dr. Simone Kibler von der TU Braunschweig vorgestellt wurde.
Die Abstracts der Vorträge finden sich auf der Website der Konferenz. Der überwiegend verwendete Hashtag bei Twitter war #iatul18Norway. Die Publikationen der Vorträge sollen in den Proceedings of the IATUL Conferences auf dem Purdue e-Pubs Server der Purdue University publiziert werden.
Oliver Renn, Leiter des Informationszentrums Chemie Biologie Pharmazie der ETH Zürich
August 2018
