Info WBS 2, Oktober 2014
Susanne Schaub (Text)
Am Dienstag, 30. September, fand an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt a.M. die Fortbildung „Berufsbild Wissenschaftliche(r) Bibliothekar(in) heute – Anforderungen und Perspektiven“ statt, welche durch den vdB-Landesverband Bayern und dessen Vorsitzenden Rainer Plappert organisiert wurde. In die Veranstaltungsdauer von 10.30 bis 16.00 Uhr wurden nicht weniger als sechs Referate, Diskussionssequenzen und ein Stehlunch einbaut; für mich als aus der Schweiz Angereiste praktisch (der späte Beginn, das frühe Ende) und erstaunlich. Meine Achtung gilt der hohen Qualität der Referate sowie der Diskussionsbeiträge. Den Vortragenden, welche grösstenteils in Führung oder Ausbildung tätig sind, war das Thema wichtig genug, über Anforderungen und Perspektiven eines für wissenschaftliche Bibliotheken bedeutungsvollen – wie bis zum Schluss allerseits betont wurde – Berufsstandes zu referieren. Die über 40 Teilnehmenden brannten ihrerseits darauf, über das neu zu definierende Selbstverständnis unseres Berufsprofils zu diskutieren, welches durch das Positionspapier des vdB zur Qualifikation als Wissenschaftliche Bibliothekarin / Wissenschaftlicher Bibliothekar neue Impulse erhielt. In den ersten beiden Referaten wurden das Positionspapier und die Ausbildungssituation in Deutschland vorgestellt. Die drei darauffolgenden Vorträge beleuchteten die Probleme zunehmender Anforderungen an den höheren Dienst und mögliche Lösungsansätze aus unternehmerischer Perspektive.
Folgende Schwierigkeiten für das zukünftige Berufsbild wissenschaftlicher BibliothekarInnen kamen zur Sprache: Verliert der Beruf an Glaubwürdigkeit durch die fortschreitende Ausdifferenzierung vom ‚traditionellen‘ Fachreferat hin zum weiten Spektrum diverser Tätigkeiten, beispielsweise in Management, IT-Technologie, Rechte-Verwaltung usw.? Kommen die Anpassungsprobleme an ein neues Berufsbild von den ‚traditionellen Erwartungen‘, insbesondere auch derer der Arbeitgeber? Wie soll die neue Generation wissenschaftlicher BibliothekarInnen ausgebildet werden? Wie viele zusätzliche Aufgaben, wie viel Multitasking können dem herkömmlichen Fachreferat zugemutet werden? An der UB München wird die Meinung vertreten, mit Effizienzsteigerung beim Fachreferat sei noch viel rauszuholen – eine Unternehmensstrategie, die Kontroversen auslöste.
Eine innovative Managementlösung wurde von der UB Dresden vorgestellt, wo der Personalkörper der Fachreferenten umgebaut wurde. Neu werden vier Typen von akademisch Beschäftigten angestellt: Wissenschaftsmanager, Forschungsbibliothekare, IT-Spezialisten und sonstige Experten – ob allerdings letztere beiden Kategorien ebenfalls zu den wissenschaftlichen Bibliothekaren gezählt werden, hat sich mir nicht erschlossen. Jedenfalls gehören sie dem sogenannten „Höheren Bibliotheksdienst“ an. Und hier liegt wohl ein Hauptunterschied zur Situation in der Schweiz; erstens verfügen die grossen Deutschen UBs mit durchschnittlich 15 Vollzeit-Stellen Fachreferat über weniger Vollzeitäquivalente als vergleichbare Schweizer UBs und zweitens sind die Anstellungsbedingungen (Stichwort: Laufbahnrecht) des höheren Dienstes reglementierter und starrer als bei uns.
Das Schlussreferat von Lambert Heller sollte den Spagat in die Zukunft und Diskussionsanreiz schaffen. Zum Thema „Neue Aufgaben für wissenschaftliche Bibliothekare“ stellte er u.a. das Open Science Lab an der TIB Hannover vor. Hörte sich interessant an, doch mangelt es unsereins nicht am Wissen um viele neue und extrem spannende Aufgaben, sondern an unseren IT-Fähigkeiten diese verwirklichen zu können – ein Desiderat, das mehrmals vorgebracht wurde. Daran schliesst sich das zweite, ebenfalls mehrmals gehörte Bedürfnis an: Es gibt zu wenig Weiterbildungsangebote für wissenschaftliche BibliothekarInnen.
An der Schlussdiskussion machte sich unter den Teilnehmenden eine gewisse Ratlosigkeit bemerkbar – zu viele offene Baustellen harren ihrer Bewirtschaftung. Wie aber lassen sich die wachsenden Herausforderungen bei sinkenden Mitteln bewältigen? Das neue Berufsbild „Wissenschaftliche Bibliothekarin / Wissenschaftlicher Bibliothekar“ der IG WBS Schweiz, das ich an diesem Anlass vertrat, kann dem fragenden Blick unserer Deutschen KollegInnen „Wie ist es denn bei Euch?“ dabei lediglich als Reflexionsplattform dienen. Immerhin sind wir mit dem fertigen Berufsbild für einmal einen Schritt voraus.
