Am 27. September fanden sich in Bern am Bärenplatz rund zwei Dutzend Mitglieder der IG WBS zusammen und nahmen an der Veranstaltung zum Thema „Fachreferat: Probleme, Fragen und Zukunftsausblicke“ teil. Mit drei Referaten und einer anschliessenden Podiumsdiskussion konnte das Fachreferat von verschiedenen Perspektiven betrachtet werden und regte zu diversen Gesprächen an, die auch während des anschliessenden Apéros fortgesetzt wurden. Ursula Loosli, Fachreferentin für Digital Humanities an der Universitätsbibliothek Bern, Ursula Reis, Liaison Librarian der Universitätsbibliothek Zürich und Wolfram Lutterer, langjähriger Leiter der Abteilung Fachreferate an der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern berichteten aus ihrem Arbeitsalltag.
Den Auftakt machte Ursula Reis, die uns ihre Arbeit vor dem Hintergrund der Organisation der Zusammenarbeit zwischen UBZ und ZB Zürich und der (inzwischen schon nicht mehr so) neuen Berufsbezeichnung «Liaison Librarian» vorstellte. In dieser neuen Struktur verstehen die Liaison Librarian sich als Dienstleister:innen mit zwei besonderen Stärken: einerseits verfügen sie über fundierte Fachkenntnisse und andererseits aber auch über eine Gesamtsicht, die sich duch disziplinübergreifenden Arbeiten und der vermittelnden Position zwischen Bibliothek und Akademie ergibt.
Den zweiten Einblick verschaffte uns Ursula Loosli, die ihre Aufgaben und Arbeit innerhalb dem noch sehr jungen Fachreferat Digital Humanities vorstellte. Spannend von ihr zu hören war insbesondere, dass sie sich in ihrem Arbeitsalltag kaum mehr mit «klassischen» Fachreferatsaufgaben wie Erwerbung und Erschliessung befasst. Dafür kommt bei ihr viel stärker die Vermittlungs- und Netzwerkarbeit zum Zug, die auch eine intensive Kollaboration mit dem Lehrstuhl für Digital Humanities, wie auch verwandten Stellen wie dem Open Science Team der Universitätsbibliothek Bern beinhaltet.
Die persönlichen Schilderungen von Ursula Reis und Ursula Loosli verdeutlichten einmal mehr die unterschiedliche Wahrnehmung und Prägung der Rolle bzw. des Rollenverständnisses Fachreferat/Liaison Librarianin den jeweiligen Institutionen und Disziplinen. Obwohl beide Kolleginnen die Rolle als Fachreferentin bzw. Liaison Librarian innehaben, unterscheidet sich das Aufgabengebiet und damit der Arbeitsalltag merklich.
Als Ergänzung zu ihren persönlichen Erfahrungen nahm Wolfram Lutterer in seiner Präsentation die Vogelperspektive ein und sprach über ein mögliches Zukunftsszenario des Fachreferats – Fachreferat 4.0 – und die daraus entstehenden Konsequenzen, wie die Refokussierung und die KI. Dabei fragte er sich, wie das aktuelle «4-Säulen-Modell» des Fachreferats – Erwerbung, Erschliessung, Vermittlung und Beratung – wohl in 2030 aussehen könnte, respektive wo es Veränderungen braucht und auch geben wird.
Trotz der Vielfältigkeit des Arbeitsalltag im Fachreferat wurde ein Aspekt bei allen drei Präsentationen als unabdingbar hervorgehoben, nämlich die Beziehung zu den Benutzenden, respektive den Fachgebieten: Mit ihrem Breitenwissen und ihren Kompetenzen können Fachreferent:innen die Brücken zur Akademie schlagen, vermitteln und sich vernetzen, sich für Kollaborationen und Kooperationen einsetzen und auf die Bedürfnisse der Benutzerschaft eingehen. So werden in Zukunft wohl Fachkenntnis und Netzwerk bei Stellenbesetzungen stärker gewichtet als bibliothekarisches Vorwissen, welches sich einfacher «on the job» aneignen lässt.
Die anschliessende Podiumsdiskussion streifte Themen wie Ressourcen, Begrifflichkeiten (Fachreferat vs. Liaison Librarian) und die Nähe zu den Zielgruppen, welche eigentlich unerlässlich ist. Sie hängt jedoch sehr stark von den Fächern und den Dozierenden ab. Der Kontakt zum eigenen Fachgebiet steht und fällt mit der Einstellung des Lehrstuhls und der Dozierenden zur Universitätsbibliothek. Sind sie nicht auf unserer Seite, ist eine Zusammenarbeit schwierig. Gleichzeitig verändert sich das Berufsbild und die Aufagben einer Fachreferentin/eines Fachreferenten bzw. Liaison Librarian nehmen tendenziell zu und nicht ab. Im Fokus stehen heute die Vermittlung von Inhalten und eine breite Fachkompetenz. Zudem gewinnt die Vernetzung mit anderen Abteilungen und die gegenseitige Unterstützung unter Fachreferent:innen/Liaison Librarians an Wichtigkeit. So muss auch nicht eine Person alles wissen/können – Fachreferent:innen sind Teil eines grossen Netzwerks in dem alle Kompetenzen abgedeckt sind.
Auffällig war, dass in der Podiumsdiskussion vor allem über die Inhaltserschliessung gesprochen wurde, eine der bis anhin klassischen Aufgaben des Fachreferats. Die Diskussion reichte von Fragen wie «Wer braucht denn das überhaupt noch?!» über Fragen zur Erschliessungsqualität – auch in Anbetracht dessen, dass nach wie vor nur physische Medien erschlossen werden können und somit ein grosser Teil des Bestands unerschlossen bleibt – bis hin zur bereits von Wolfram Lutterer angesprochenen Thematik dass Erschliessung immer auch Vermittlung ist/sein muss. Zweifelsohne beschäftigt die Inhaltserschliessung uns Fachreferent:innen sehr, egal wie wir zu ihr stehen mögen. Ganz im Gegenteil dazu gab es überraschend wenig Diskussion rund um das «Liaison» im neuen Begriff Liaison Librarian, also die Vernetzungsaufgaben oder die neue Rolle als Anwält:innen von Forschung und Lehre in der Bibliothek war kaum die Rede – vermutlich weil uns dieser Teil noch fremd ist und unkonkret vorkommt. Oder dauert es einfach länger, das «Mindset» zu verändern, wie es Ursula Reis von der UZH nennt, als sich in konkrete Aufgaben wie eben die Inhaltserschliessung einzuarbeiten? Oder liegt es vor allem an den Umständen? Nur wenige haben eine so privilegierte Situation wie Ursula Loosli, Fachreferentin für Digital Humanities an der UB Bern. Sie sitzt mit den Forschenden der Digital Humanities im gleichen Büro, was eine echte Zusammenarbeit ermöglicht. Doch auch sie betont die Herausforderungen: Die Anforderungen an sie verändern sich laufend, sie ist in einem andauernden «Learning by doing»-Modus.
Eine Aussage ist besonders aufgefallen: «Wir haben das Netzwerk, wir wissen, wen wir fragen müssen.» Wir Bibliothekar:innen sind mit so vielen verschiedenen Menschen in Kontakt. Diese Position können wir zu unseren Gunsten nutzen, indem wir uns als Schnittstelle und Vermittler:innen anbieten.
Bericht von Johanna Schüpbach, Catrina Dummermuth und Julia Bütikofer, Mitglieder der IG WBS, 29.09.2023
