Info WBS 4, August 2015
Dani Tschirren; Interview Tobias Schelling

Tobias Schelling: Dani, wie bist Du in die Bibliothekswelt gekommen, wie sah Dein Ausbildungsweg aus?
Dani Tschirren: Ich habe an der Universität Zürich Geschichte und Geographie studiert. Schon während des Studiums arbeitete ich an der ETH-Bibliothek in der Sachregister-Redaktion. Gerade als ich der Abschlussphase des Lizentiats war, wurde in der Katalogisierungsabteilung eine Stelle frei, die ich übernehmen konnte. In diese Zeit fielen auch die Evaluation und die Einführung des Bibliothekssytems Aleph. Nach einigen Jahren in der Katalogisierung wechselte ich in die Wissenschaftshistorischen Sammlungen der ETH, das heutige Hochschularchiv der ETH Zürich, und absolvierte dort dann auch berufsbegleitend die Ausbildung zum Wissenschaftlichen Bibliothekaren.
Also war es eher der Zufall, der Dich ins Bibliothekswesen führte und weniger eine bewusste Berufswahl?
Ja, ich bin eher reingerutscht, obwohl ich bereits während der Schulzeit sehr bibliotheksaffin war. Aber aktiv gesucht habe ich die Tätigkeit in der Bibliothek anfangs nicht.
Wie ging es mit Deiner Karriere weiter nach der Zeit an der ETH-Bibliothek?
Nach der Tätigkeit in den Wissenschaftshistorischen Sammlungen wechselte ich an die Universitätsbibliothek Basel, wo ich die Benutzungsleitung übernahm. Hier blieb ich 13 Jahre, bevor ich Anfang 2015 die Stelle des Vizedirektors an der Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) Luzern antreten durfte.
Was waren die grössten Herausforderungen, die wichtigsten Entwicklungen in Deiner Basler Zeit?
Am Anfang war es ganz klar das Teambuilding. Ich fand ein sehr heterogenes Benutzungsteam vor, das zusammengeführt werden musste.
Später ging es dann vor allem um die Einführung von neuen Dienstleistungen –beispielsweise das Document Delivery, das Scannen von Inhaltsverzeichnissen zur Kataloganreicherung oder die massive Ausweitung des Kurierdienstes. Auf diese Erweiterung der Dienstleistungen, die vielfach ohne Mehrressourcen erreicht werden mussten, bin ich auch stolz.
Jetzt bist Du seit acht Monaten an der ZHB Luzern. Wo wird die ZHB in den nächsten Jahren Schwerpunkte setzen, setzen müssen?
Einerseits sind wir in einer entscheidenden Phase, um die räumliche Situation konsolidieren zu können. Die Speicherbibliothek soll die Magazinsituation langfristig sichern. Das ist ist ein spannendes Projekt, das durch die sehr enge Kooperation mit Partnern aus verschiedenen Kantonen auch Vorbildcharakter für andere Bibliotheken hat.
Dann ist die Sanierung und Modernisierung der Bibliothek an der Sempacherstrasse aus dem Jahre 1951 in Planung. Nach Abschluss dieser Bau- und Umbauvorhaben werden wir drei moderne Standorte und ein zukunftsgerichtetes Aussenmagazin haben.
Anderseits werden wir versuchen, die drei Standorte Sempacherstrasse, Uni/PH-Gebäude und Hochschule Luzern – Wirtschaft (HSLU W) wieder näher zusammen zu bringen. Das geht einher mit einer Profilschärfung an allen drei Standorten. Jeder Standort darf und soll seine Eigenheiten haben, aber als Ganzes wollen wir als eine Bibliothek auftreten.
Auch die Kooperationen auf lokaler und nationaler Ebene werden in nächster Zeit sicher wichtig sein. Lokal mit den drei Hochschulen Universität, Pädagogische Hochschule und Hochschule Luzern, da wären sicher noch Synergien vorhanden. Auch die Beziehung zur Stadtbibliothek kann und soll intensiviert werden.
Auf nationaler Ebene sind es Projekte wie SLSP (Swiss Library Service Platform), das hoffentlich zu einer gesamtschweizerischen Kooperation wird, also mit Romandie, Deutschschweiz und Tessin.
Zum Abschluss: Welche wichtigen Entwicklungen siehst Du auf die Bibliothekslandschaft Schweiz in den nächsten zehn Jahren zukommen?
Ich denke, es gibt ein paar Bereiche, in denen wir intensiv arbeiten müssen.
Zentral ist sicher der Grundsatz: Information für alle. Da gibt es ja unterschiedliche Entwicklungen. Im Internet werden immer mehr Inhalte gratis, aber nicht dauerhaft zur Verfügung gestellt. Anderseits gibt es die lizenzierten Informationen, die wir Bibliotheken teuer einkaufen, die aber nur einem beschränkten Publikum zugänglich sind. Hier müssen wir dafür kämpfen, dass wir den Zugang zu diesen Informationen allen Bürgerinnen und Bürgern ebnen können. Das ist unsere demokratische Aufgabe, den Zugang zu Wissen und Bildung zu sichern.
Ein zweites Handlungsfeld, das ganz wichtig sein wird, sind die modernen Lernformen und die Forschung. Hier dürfen wir den Anschluss nicht verlieren, so dass wir auch weiterhin im Bereich Informationsvermittlung und Lernen führend bleiben.
