Info WBS 1, März 2014
Tobias Schelling (Text)
Die Begriffe „Innovation“ und „Innovationsmanagement“ sind seit einiger Zeit en vogue – es gibt kaum ein Unternehmen, das ihre Produkte und Dienstleistungen nicht als „innovativ“ bezeichnet. Ganz offensichtlich ist momentan die Gefahr virulent, dass jede noch so kleine Verbesserung einer Dienstleistung oder eines Produkts als innovativ verkauft wird. Das scheint mir insofern gefährlich, als ein Innovationsmanagement in vielen Betrieben tatsächlich notwendig wäre, der Innovations-Begriff durch einen zu inflationären Gebrauch jedoch diskreditiert wird und an Bedeutung verliert.
Auch der I&D-Bereich ist auf den „Innovationszug“ aufgesprungen: Immer mehr Bibliotheken schaffen Stellen für „InnovationsmanagerInnen“, respektive versuchen, eine Innovationsstrategie einzuführen, um einerseits das Wissen und die Ideen der Mitarbeitenden besser nutzbar zu machen und sich anderseits ständig und systematisch weiter zu entwickeln.
Die methodischen Kenntnisse und Fähigkeiten werden mittlerweile von verschiedenen Hochschulen in unterschiedlichen Weiterbildungskursen vermittelt (bspw. Fachhochschule Nordwestschweiz: CAS Innovationsmanagement; Berner Fachochschule: CAS Innovation; FHS St. Gallen: MAS in Corporate Innovation Management.
Ich habe mich im Winter 2012/2013 für den Studiengang der Fachhochschule St. Gallen entschieden. Die Teilnehmenden können eine von zwei Vertiefungsrichtungen wählen: Eine hat einen marktorientierten Schwerpunkt, bei der die Entwicklung von neuen Dienstleistungen und Produkten im Mittelpunkt steht; die andere Vertiefungsrichtung beschäftigt sich verstärkt mit unternehmensorientierter Innovation, bei welcher der Fokus auf die Prozessoptimierung im Betrieb gelegt wird.
Ich habe nur das Einstiegs-Modul „Design Thinking“ (Nov. 2012 – Jan. 2013) besucht, welches auch für beide Vertiefungsrichtungen ein Pflichtmodul ist.
Design Thinking ist eine Innovationsmethode, die einem standardisierten Prozess folgt. (Ich erläutere in diesem Text nicht die Methode, einen ersten Einstieg erhält man aber hier: Jones, Design Thinking and the Future of Libraries; Brown, Change by Design)
Die 11 Teilnehmenden des Kurses stammten aus den unterschiedlichsten Branchen: Kunststoffverarbeitung, Medizinaltechnologie, Autoindustrie, Büromöbelvertrieb, IT, Drucksachenproduktion, Hochschule und Bibliothek. Diese sehr heterogene Zusammensetzung ist auch ein Kernelement von Design Thinking: Es wird sehr darauf Wert gelegt, dass in multidisziplinären Teams gearbeitet wird. Design Thinking folgt der Überzeugung, dass bessere und originellere Lösungen gefunden werden, wenn ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln, konkret eben von Personen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund bearbeitet wird. Zu sehen wie gut das funktioniert, war für mich eines der Schlüsselerlebnisse in diesem Kurs: Während anfangs allenthalben eine gewisse Skepsis vorhanden war, ob eine „fachfremde Person“ Substantielles zur Lösung eines Problems in einem ihr völlig fremden Gebiet beitragen kann, zeigte sich schnell, dass genau diese Distanz zum Thema hilfreich war. Nicht nur wurden die „dummen Fragen“ gestellt, d.h. scheinbar Offensichtliches hinterfragt; es wurde auch deutlich, dass Verfahren und Methoden aus anderen Bereichen übertragen werden und so zu neuen Lösungen führen können.
An Design Thinking fand ich zudem überzeugend, dass sehr viel visuell und mit Prototypen gearbeitet wird. Eine Idee wird nicht bis zur Perfektion auf dem Papier skizziert, sondern schon in einem frühen Stadium umgesetzt – sei es mit Bildern, durch einen Prototypen oder, v.a. bei Dienstleistungen, durch Rollenspiele. Diese Herangehensweise hilft einerseits, schnell zu einer ersten sichtbaren Lösung zu kommen; anderseits zeigt sich am Prototyp – und sei er noch so einfach – was funktioniert und was allenfalls mangelhaft ist.
Ich habe in dieser Weiterbildung zwar auch einiges über Theorien und Methoden des Innovationsmanagements erfahren; für mich wichtiger waren aber drei Entwicklungsschienen, oder wohl eher Wünsche, die sich bei mir im Laufe der Weiterbildung festsetzten: Erstens müssten die Mitarbeitenden abseits des Tagesgeschäfts Zeit haben, um an Entwicklungsideen für die Bibliothek studieren zu können; dies, zweitens, nicht alleine, sondern zusammen mit Mitarbeitenden aus anderen Abteilungen und vor allem auch mit externen Partnern. Und drittens würde ich mir vielfach eine Art Versuchslabor in der Bibliothek wünschen, in welchem Ideen „quick and dirty“ umgesetzt werden können, um zu testen, ob sie von den Nutzenden angenommen werden und um schnell zu einer Grundlage zu kommen, die dann weiter verbessert werden kann.
Das, so meine Hoffnung, würde dazu beitragen, dass wir lustvoller und kreativer arbeiten und Innovationen hervorbringen, die diesen Namen auch wirklich verdienen.
Autor:
Tobias Schelling (tobias.schelling@ajb.zh.ch)
Fachstelle Bibliotheken, Bildungsdirektion Kt. Zürich
