RB 63, September, 2013
Julia Hauser, Reinhold Heuvelmann
2011 rief die Library of Congress die „Bibliographic Framework Transition Initiative“[1] (BIBFRAME) mit dem Ziel ins Leben, die vorhandenen bibliografischen Datenformate zu einem nachhaltigen Rahmenkonzept weiterzuentwickeln. Dabei sollen alte Formate auf ihre Zukunftsfähigkeit geprüft und die Möglichkeiten berücksichtigt werden, die Semantic-Web-Technologien mit sich bringen. Gutes soll bewahrt, neue Potentiale erkannt, Anforderungen gesammelt werden.
Woher kommen die Überlegungen, MARC 21 abzulösen? Welche Herausforderungen stellen sich uns? Welche Rolle spielt das neue Regelwerk „Resource Description and Access“ (RDA[2]) in diesem Zusammenhang?
2004 beschloss der Standardisierungsausschuss[3] den Umstieg auf internationale Formate und Regelwerke (MARC 21, AACR2)[4]. Dieser Entschluss basierte auf den Ergebnissen einer durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Studie[5] und leitete unter anderem den Umstieg von MAB auf MARC 21 als einheitliches Austauschformat im deutschsprachigen Raum ein und legte den Grundstein für die aktive Mitarbeit am neuen Erschließungsstandard RDA. Die Bibliotheken in Österreich und Deutschland mussten also zunächst von MAB auf MARC 21 umsteigen, um bezüglich der Datenformate den Anschluss an die internationale Community zu finden.
Das den RDA zugrunde liegende konzeptuelle Modell, die „Functional Requirements for Biblographic Records“ (FRBR[6]) ist weder Regelwerk noch Datenformat, und auch keine Norm. Die Deutsche Nationalbibliothek hat die Diskussion zu den FRBR mit verfolgt und aktiv begleitet, erkennbare Spuren sind z.B. in den FRAD („Functional Requirements for Authority Data“) zu finden. Mit der Entwicklung von AACR2 (Anglo-American Cataloguing Rules) zu RDA haben die FRBR die Funktion eines Modells und Gliederungsschemas übernommen:
Die gesamte Anlage der RDA ist danach ausgerichtet, die Beschreibung von Entitätentypen und ihre Relationierung untereinander abzubilden. Die FRBR-Gruppen 1, 2 und 3 sind jeweils erkennbar: In Gruppe 1 werden die abstrakten Entitätentypen Work und Expression von den konkreten Entitätentypen Manifestation und Item klar unterschieden, auch im Sinne von „Content vs. Carrier“ (Inhalt gegenüber Trägermedium).
Grundsätzlich ist zwischen Regelwerk und Datenformat zu unterscheiden. Hier gibt es das Phänomen, dass RAK (und RSWK) zu MAB passen, und AACR2 (und LCSH) zu MARC 21. Bei dem Umstieg von MAB auf MARC 21 machten wir die Erfahrung, dass trotz vieler Übereinstimmungen doch manches nicht ganz in MARC 21 abbildbar war und ist. Mit der Entwicklung der RDA hat sich gezeigt, dass das neue Regelwerk sein volles Potential nicht im existierenden MARC 21-Format ausspielen kann – so sehr sich die RDA/MARC Working Group darum bemüht hat, die Abbildung von nach RDA katalogisierten Daten in MARC 21 zu ermöglichen. MARC 21 war jedoch auch schon vorher und unabhängig von RDA länger in der Diskussion. Die Frage „Will RDA mean the death of MARC?“ wurde gekontert mit der Aussage „MARC itself means the death of MARC”. Der „Report and Recommendations of the U.S. RDA Test Coordinating Committee”[7] empfahl dann 2011 erstmals: „Demonstrate credible progress towards a replacement for MARC“. Hieraus ist die BIBFRAME-Initiative entstanden.
Anschließend hat die Deutsche Nationalbibliothek die Entwicklung des neuen Regelwerks aktiv begleitet, zuletzt mit Sitz und Stimme im JSC (Joint Steering Committee for Development of RDA). In den aktuellen Diskussionen zur Implementierung ist sehr deutlich zu spüren, dass sich in den RDA unterhalb der Modell-Ebene noch immer sehr viel AACR2-Instruktionen verbergen. Der Umstieg von RAK nach RDA ist ein weiterer Weg als für andere, die von AACR2 nach RDA umsteigen.
Beim Datenformat ist zusätzlich noch die neue Entwicklung von Resource Description Framework(RDF) und der ganzen Familie von Bestandteilen zu Linked Data / Linked Open Data als Quereinfluss hinzugekommen: In den letzten Jahren haben immer mehr Bibliotheken erkannt, welches Potential sich mit der Veröffentlichung ihrer Daten als Linked Data entfaltet. Die wertvollen, größtenteils intellektuell gepflegten bibliographischen Daten können nun für weitere Nutzergruppen zugänglich gemacht und Grundlage für die Etablierung neuer Services und Anwendungen werden. Die bisher bewährten bibliothekarischen Formate für den Datenaustausch können den Anforderungen nicht gerecht werden, die durch diese immer stärkere digitale Vernetzung der Informationswelt entstehen. MARC 21 ist ein in sich geschlossenes System. Für Institutionen und Nutzende außerhalb der MARC 21-Community bleiben die Daten unverständlich und nicht interpretierbar. Ein weiterer Aspekt ist die Datenbereitstellung als Linked (Open) Data. Ein Mehrwert entsteht durch die Veröffentlichung von Linked Data erst, wenn die hiermit geschaffenen Strukturen tatsächlich genutzt werden, um den Grad der Datenvernetzung zu erhöhen und zu nutzen. Um die Datensilos aufzubrechen und zu vernetzen, ist es neben technischen Voraussetzungen auch erforderlich, entsprechende Kooperationen einzugehen und neue Standards zu finden, die die Interoperabilität zwischen unterschiedlichen Datenquellen steigern bzw. erst herstellen. Auch dies ist ein ausdrückliches Ziel der BIBFRAME-Initiative: Es soll ein Rahmenkonzept geschaffen werden, das für eine Vielzahl heterogener Datenquellen genutzt werden kann und somit von Daten bereitstellenden Institutionen unterschiedlicher Sparten genutzt und interpretiert werden kann.
Das wurde vor einigen Jahren noch ganz getrennt gesehen: Wenige Bibliotheken haben sich zu Anfang damit befasst, ihre Daten offen zu legen und in RDF abzubilden. Mit der BIBFRAME-Initiative hat sich diese Bewegung jetzt getroffen mit der „Los-von-MARC-Bewegung“, und zugleich mit dem Anspruch, RDA implementierbar zu machen. BIBFRAME kann man also auf den Punkt bringen mit „auf dem Hintergrund von MARC (und anderen Metadatenformaten) das Regelwerk RDA (und andere Regelwerke) implementierbar machen – und zwar mit den Mitteln von RDF (und anderen Vereinbarungen)“.
In BIBFRAME kommen nun die FRBR auf den Prüfstand. Die Fachleute mit BIBFRAME-Expertise besitzen größtenteils entweder Format- oder RDF-Expertise, und weniger Regelwerks-Expertise. Es geht langfristig um die Ablösung von MARC 21 und die Definition eines neuen Träger-Standards. FRBR scheint nicht einfach genug zu sein, um im Semantic Web nutzbar und interpretierbar zu sein. Schon die RDA haben z.B. die Möglichkeit eingebaut, die Expressions-Ebene zu umgehen und die Manifestation eines Werkes zu modellieren. Es gibt keine Eins-zu-eins-Entsprechung zwischen FRBR und BIBFRAME, oder zwischen RDA und BIBFRAME. Bei dem, was anhand der drei „RDA Database Implementation Scenarios“ diskutiert wurde und wird, also den Optionen bei der Modellierung der Entitätentypen, von 3 (aktuell) über 2 (aktuell in Bibliotheken der deutschsprachigen Länder verbreitet) bis 1 (ideal), wird nicht immer klar unterschieden, ob sie wirklich für die Kommunikation (den „Austausch“ oder die „Repräsentation“ der Daten) gedacht sind, oder ob sie sich nicht eher auf die interne Implementierung beziehen. Noch eine vielleicht überspitzte Formulierung: FRBR sind ein Entity-Relationship-Modell, wohingegen BIBFRAME ein Relationship-Entity-Modell ist: Der Wert eines Knotens im Geflecht bestimmt sich danach, wie viele Fäden zu ihm hinführen.
Die Deutsche Nationalbibliothek ist von Beginn der Initiative Mitglied der Early Experimenters Group und arbeitet im Rahmen des DNB-BIBFRAME-Projektes aktiv an dieser Entwicklung mit. Neben der ständigen Beobachtung der Listendiskussionen und der Einbeziehung der im deutschsprachigen Raum etablierten Gremien stehen folgende Arbeitspakete im Fokus des Projektes: In Positionspapieren werden unterschiedliche Fragestellungen erörtert (sog. Point Papers). Bisher veröffentlichte Point Papers finden sich auf der BIBFRAME-Webseite[8]. Die Deutsche Nationalbibliothek unterstützt diesen Ansatz, indem eigene Point Papers verfasst sowie DNB-intern die Papiere besprochen und gebündelt Rückmeldungen an die Early Experimenters Group gegeben werden.
Außerdem wird eine prototypische Konversion von Pica+-Daten nach BIBFRAME implementiert. Das konzeptuelle und technische Mapping erfolgt iterativ – das bedeutet, Beobachtungen bezüglich des aktuellen Vokabulars sowie seine Anwendung und Anforderungsspezifikationen werden in mehreren Schleifen in die Early Experimenters Group zurückgespielt, so dass eine schrittweise Annäherung an den angestrebten Standard erfolgt.
Das BIBFRAME-Format befindet sich in der Findungsphase, in der Mängel erlaubt, Kritik erwünscht und spezifische Anforderungen an das Modell erforderlich sind. Weiterhin ist geplant und notwendig, in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle für Standardisierung zu untersuchen, auf welchem Weg die nach RDA erschlossenen Daten in BIBFRAME abgebildet werden können.
Konkret sollen bis Ende 2013 die von Pica+ prototypisch konvertierten DNB-Daten in BIBFRAME im Linked Data Service der Deutschen Nationalbibliothek[9] testweise zur Verfügung gestellt werden. Somit besteht die Möglichkeit, sich die konkreten Daten direkt anzusehen und mit bestehenden Repräsentationen zu vergleichen. Auf diese Weise bleibt der Evaluationsprozess transparent, und die (nicht nur) deutschsprachige Bibliothekscommunity ist eingeladen, Zwischenergebnisse zu kommentieren, Anregungen einzubringen und weitere Aspekte aufzuwerfen, die seitens der Deutschen Nationalbibliothek wiederum an die BIBFRAME-Early Experimenters Group gebündelt zurückgegeben werden können. Damit soll gewährleistet werden, dass die Entwicklung auf einer vielfältigen Expertise basiert und in kommenden Iterationsschritten konstruktive Kritik umgesetzt werden kann.
Mit der Bereitstellung der nach BIBFRAME konvertierten DNB-Daten wird die erste Phase des DNB-BIBFRAME-Projektes abgeschlossen sein. Die Deutsche Nationalbibliothek wird sich auch weiterhin an der Entwicklung beteiligen, aktiv in der Early Experimenters Group mitwirken und hierbei flexibel auf aktuelle Entwicklungen reagieren. Weitere Schritte auf dem Weg zu diesem neuen Standard folgen.
[2] http://www.dnb.de/DE/Standardisierung/International/rda.html
[3] http://www.dnb.de/DE/Standardisierung/AFS/afsOrganisation.html#doc25536bodyText2
[4] http://www.dnb.de/DE/Standardisierung/International/afsProjekt.html
[5] http://www.dnb.de/DE/Standardisierung/International/afsProjekt.html
[7] http://www.loc.gov/bibliographic-future/rda/source/rdatesting-finalreport-20june2011.pdf
