RB 57, März 2012
Anette Seiler
„Anfang der 80er Jahre, als Alice Schwarzer das Archiv [den FrauenMediaTurm in Köln] initiierte, hatte die Generation der neuen Feministinnen verstanden: Wenn wir Frauen nicht unsere eigene Geschichte sichern, tut das niemand. Denn sie hatten gerade mit Mühe begonnen, die so lehrreiche Geschichte ihrer Vorgängerinnen der Vergessenheit zu entreißen, vieles war jedoch längst für immer vernichtet. Das sollte nicht wieder passieren. Frauen sollen nicht länger immer wieder bei Null anfangen müssen, sondern weiterdenken und weitersehen, sich auf die Schultern ihrer Vorgängerinnen stellen können.“ (EMMA, Nr. 6 2009, S. 34)
Dieses Zitat zur Geschichte des FrauenMediaTurms (FMT, http://www.frauenmediaturm.de/) in Köln können heute alle mit einem Internetanschluss zu jeder Zeit und von jedem Ort der Welt aus nachlesen, denn alle Ausgaben der Zeitschrift, von ihren Anfängen im Jahr 1977 bis heute, wurden digitalisiert und für Wissenschaft und Forschung frei zugänglich ins Netz gestellt. Und es sind genau diese Gedanken, die hinter der Gründung des Frauenarchivs in Köln standen, die auch zu dem Digitalisierungsprojekt führten: „Frauen sollten weiterdenken und weitersehen, sich auf die Schultern ihrer Vorgängerinnen stellen können.“ Das ist nur möglich, wenn sie auf die Geschichte zugreifen können. In unserem Zeitalter der weltweiten Vernetzung ist dieses Ziel am besten durch die Digitalisierung der bereits vorhandenen Information möglich.
Im Jahr 2010 fanden die ersten Gespräche zu einem Digitalisierungsprojekt zwischen FMT und dem Hochschulbibliothekszentrum (hbz) statt. Der FrauenMediaTurm wollte in einem ersten Schritt alle Ausgaben der feministischen Zeitschrift EMMA ins Internet stellen. Das hbz sollte technischer Projektpartner im Bereich Digitalisierung und Hosting werden.
Ein Digitalisierungsprojekt ist eine komplexe Sache: das eigentliche Scannen macht nur einen Bruchteil der Arbeit aus. Die Daten müssen im Netz den Leserinnen und Lesern auch über eine komfortable Oberfläche angeboten werden. Nicht zuletzt mussten auch urheberrechtliche Fragen geklärt werden, was dazu führte, dass auch die EMMA-Redaktion als Projektpartner dazu kam.
Als technische Plattform wurde der „Elektronische Lesesaal“, eine Software der Firma ImageWare (Bonn), die in Kooperation zwischen dem Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme St. Augustin und ImageWare entwickelt wurde, gewählt. Diese Software ermöglicht einen urheberrechtlich korrekten und für die Nutzenden komfortablen und schnellen Zugriff auf die Digitalisate.
Das Scannen wurde von der Firma Scanmanufaktur in Bonn durchgeführt – kein einfaches Unternehmen, hatte sich die EMMA über die Jahre mehrfach in Papier und Druck geändert, was immer wieder zu neuen Scanparametern führte. Für eine Suche werden auf die Metadaten aus dem Faustsystem des FMTs sowie auf eine Volltextindexierung der Texte zugegriffen. Schließlich musste auch noch die Oberfläche der Software dem Corporate Design der EMMA-Website angepasst werden.

Am 15. September 2011 war es schließlich so weit: über http://emmadigital.hbz-nrw.de/ und http://www.emma.de/service/emma-lesesaal kann jede und jeder auf die digitalisierte EMMA zugreifen. Das Angebot wird laufend ergänzt – sechs Monate nach Verkaufsschluss der aktuellen EMMA wird diese digitalisiert und ins Netz gestellt. Wenn man durch die alten Ausgaben blättert, merkt man, dass die Themen, die von EMMA vor Jahren oder Jahrzehnten schon angegangen wurden, immer noch aktuell sind und immer noch zum Nachdenken und Handeln ermutigen.
Wie wird es weitergehen? Einerseits soll die technische Plattform weiterentwickelt werden, andererseits werden schon jetzt weitere Materialien des FMTs – die frühe Literatur zur Neuen Frauenbewegung – digitalisiert und nach Klärung der Rechtefragen im Internet verfügbar gemacht werden. So sollen Frauen auch in Zukunft weiterdenken und weitersehen und sich auf die Schultern ihrer Vorgängerinnen stellen können.
