Simon Allemann

Als Leiter IT/Verbund der Hauptbibliothek Universität Zürich habe ich zweifellos eine Affinität zur Technologie. Susanne Schaubs Wunsch im letzten Rundbrief entsprechend, kommt mir deshalb in dieser Ausgabe die Aufgabe und Ehre zu, mich auf meinem Ausbildungs- und Berufsweg selber in den Fokus zu stellen.
Am Anfang meines beruflichen Werdegangs, direkt nach der Matura, studierte ich in Basel zwei Semester Geschichte und neuere deutsche Literaturwissenschaft. Trotz meines grossen Interesses für diese Fachrichtungen tat sich darin keine berufliche Perspektive für mich auf. So unterbrach ich das Studium, um Militärdienst zu leisten (UO) und andere Ausbildungsmöglichkeiten zu prüfen. Dabei reifte die Überzeugung, dass die als Alternative zum Studium konzipierte Ausbildung zum „Diplombibliothekar BBS“ auch meinen beruflichen Interessen entsprechen würde.
Die Ausbildung zum Bibliothekar absolvierte ich an der Zentralbibliothek Luzern. Legendär war die Mitarbeit am Zettelkatalog: jeweils am Morgen, vor der Öffnung fürs Publikum, sortierten vier bis fünf Leute während einer Stunde die neuen Kärtchen ein. Als Auszubildende waren wir nur befugt, die Zettel auf die Lochstange zu stellen. Erst nach kritischer Prüfung durch den Leiter des Sachkatalogs durften wir die Lochstange herausschrauben, herausziehen, neue Zettel nach unten drücken, die Lochstange wieder einsetzen und fixieren. Inzwischen sind die sinnlichen Zettelkataloge ersetzt durch weniger sinnliche PC-Abfragestationen.
Nach der Ausbildung arbeitete ich als Spitalbibliothekar im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil, wo es mir ausgezeichnet gefiel. Nach drei Jahren mehr oder weniger als One Person Librarian erlebte ich aber eine Art beruflicher Vereinsamung, die ich manchmal mit dem vollmundigen Bonmot „La bibliothèque, c’est moi“ umschrieb.
Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung führte mich mein Weg als Quereinsteiger in die Informatik der Winterthur Versicherungen, in deren IT-Abteilung damals 850 Personen arbeiteten. Damit begannen Aufbau und Entwicklung meiner technologischen Kenntnisse. Bevor ich die Arbeit in einem achtköpfigen Team aufnehmen konnte, wurde ich während sechs Monaten in einer firmeninternen Schule zum Software-Entwickler ausgebildet. Nach ersten Erfolgserlebnissen in Form von funktionierenden Programmen und einem wachsenden Durchblick und Verständnis für unseren Versicherungsbereich wurde mir bald klar, dass ich zusätzlich eine firmenexterne Ausbildung in Angriff nehmen wollte, um mein IT-Wissen zu festigen und zu erweitern. Da ich auf das 30. Lebensjahr bereits zurückblickte und ich mir finanzielle Unabhängigkeit bewahren wollte, entschied ich mich für ein berufsbegleitendes Studium an der Hochschule Luzern, an der ich nach vier Jahren als diplomierter Informatikingenieur FH abschloss.
Bereits ein Jahr vor Studienabschluss bot sich mir die Gelegenheit, meine heutige Stelle anzutreten. Damit tauschte ich die Aufgaben als Spezialist in der Privatwirtschaft mit einer Führungsposition im universitären Dienstleistungsbereich. Die Leitungsaufgaben entsprechen mir zwar in ihrer vielfältigen Breite, doch merkte ich mit der Zeit, dass mir die konkrete Projektarbeit fehlte. Als Leiter wusste ich von vielem etwas, aber ich war nirgends mehr der Experte. Deshalb kommt mir das im Juni gestartete Projekt INUIT (Integration Bibliothekssystem Universität Zürich) vor wie gerufen, denn es entspricht meinen Interessen und bevorzugten Arbeitsweisen.
Als Mitglied der Projektleitung darf ich mich vertiefen in die sowohl technisch wie organisatorisch anspruchsvolle Integration unseres Informationsverbunds der Universität Zürich in den NEBIS-Verbund. Zugleich gilt es, das angemessene Gleichgewicht zu halten zwischen den Aufgaben des Grossprojekts und den wiederkehrenden alltäglichen Problemstellungen des Betriebs.
Als IT-Verantwortlicher fällt mir zudem nicht selten die Rolle des Spielverderbers zu, der Neuerungen nicht um der Neuerungen willen einführen will, sondern nur, wenn daraus ein nennenswerter inhaltlicher Mehrwert für die Kundschaft und/oder die Mitarbeitenden entsteht. Eine Bibliothek kann und soll sich nicht wie eine Privatperson verhalten, die jedes neu auf den Markt geworfene IT-Gadget ausprobieren und auf jede IT-Modewelle aufspringen kann.
In welche Richtung sich das Bibliothekswesen in Bezug auf den Einsatz von IT in Zukunft bewegen wird, ist schwer abzuschätzen. Bemerkenswert finde ich allerdings, dass sich die wissenschaftlichen Bibliotheken einerseits (z.B. im Bereich der Artikellieferungen) an der Anwendung des Urheberrechts stossen. Andererseits verdanken sie ihre Existenz zu grossen Teilen genau diesem Urheberrecht. Ohne Urheberrecht bzw. mit grosszügigen Nationallizenzen und flächendeckender Digitalisierung der wissenschaftlichen Literatur verbleiben den wissenschaftlichen Bibliotheken neben dem Angebot von Lernarbeitsplätzen und der Schulung von Informationskompetenz in Zukunft kaum mehr Funktionen. Oder stehen weitere neue Aufgaben für uns am Horizont?
Weiterführende Links:
Hauptbibliothek Universität Zürich: http://www.hbz.uzh.ch
INUIT, Projektblog: http://blogs.ethz.ch/inuit/
