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Interessengruppe Wissenschaftliche Bibliothekar:innen Schweiz

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Bibliotheken, Forschung und Ausbildung: Orte und Instrumente des Wissens (16.06.2011)

16. Juni 2011 ·

RB 55, September 2011
Luca Botturi

Gekürzter und leicht überarbeiteter Text des Eröffnungsreferats von Luca Botturi (Forschungsverantwortlicher SUPSI-DFA) an der Jahrestagung der Fachhochschulbibliotheken vom 16. Juni 2011 in Locarno. Die dazugehörigen Folien befinden sich auf der Seite http://www.kfh.ch/ unter „Tagungsunterlagen / Jahrestagung 2011 FHB“.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, herzlich wilkommen am DFA (Dipartimento Formazione e Apprendimento) in Locarno.

Als Sohn eines Philosophen bin ich immer an Bücher gewöhnt gewesen. Ich war und bin ein neugieriger Leser. Trotzdem schätzte und besuchte ich als Student Bibliotheken nicht viel. Kultur war für mich lebendig und nicht auf Bücher beschränkt. Später hatte ich aber manche Gelegenheit, mit Biblio-thekaren zu arbeiten – an der Uni Lugano und jetzt am DFA. Es freut mich deshalb, mit Ihnen über die Beziehung zwischen Forschung, Ausbildung und Bibliotheken an Fachhochschulen nachzudenken.

Man kann behaupten, dass Bibliotheken Wissensinstrumente sind, d.h. Instrumente, um Produktion, Transfer und Aufbewahrung von Wissen zu unterstützen. Diese Instrumente werden heute zunehmend digital – so sprechen wir auch von Digitalen Bibliotheken. Tatsächlich – und mehr noch als Instrumente – sind Bibliotheken aber Orte: eine ganz andere Kategorie.

Worum geht es? Daten, Information, Wissen

Fachhochschulen sind heute Hauptakteure in der Wissensgesellschaft, einer Gesellschaft, in der das Wissen wertschaffend ist. Viele wichtige Berufe brauchen heute Wissen – mehr als Techniken oder Instrumente – von höchstem Niveau. Deswegen betrachten wir das Wissen oft als Gut. Doch kann man Wissen kaufen oder sogar messen? Ich möchte stattdessen lieber eine alte Definition vorschlagen: Thomas von Aquin sagte im Mittelalter, dass Wissen eine Beziehung mit einem Teil der Realität sei. Wissen ist dann kein Objekt oder Gut, sondern eine Beziehung. Ich weiss etwas, wenn ich mit dem Objekt umgehen kann. Wissen ist gleichzeitig Kennen und Können.

Daten gehören (potenziell) allen. Informationen gehören normalerweise zu Gruppen, die ein Interesse teilen. Wissen ist anders: es ist ausschliesslich persönlich. „Ich weiss“ ist eine Aktivität von mir. Wenn du dasselbe „weisst“, ist es eine Aktivität von dir. Ich kann für einen Freund zahlen, sprechen, wählen, aber nicht lernen (genauso wenig wie essen, trinken oder schlafen). Wenn Wissen persönlich ist, braucht Lernen eine persönliche Arbeit, eine Bewegung des Geistes. Wenn ich mich informiere, bleibe ich derselbe; wenn ich aber lerne, verändere ich mich. Wenn ich jemanden kenne, dann können wir zusammen sprechen, uns unterhalten: wir sind Freunde. Etwas zu wissen oder zu kennen, ist die Gele-genheit, „Freund“ mit einem Teil meiner Erfahrung zu werden. Was heisst das für Fachhochschulen und Fachhochschulbibliotheken?

Berufe, Ausbildung, Forschung

Wenn wir an Wissen als persönliche Beziehung denken, dann scheinen Berufe mehr als Jobs zu sein. Einen Beruf zu haben heisst, eine gewisse Selektion von Wissensbeziehungen zu haben und immer mehr wachsen zu lassen. Das französische Wort Profession stammt aus dem Lateinischen Professio (pro + fari): Sprechen vor der Gemeinde. Eine Profession ist ein Beruf (das deutsche Wort ist nicht zufällig von Martin Luther geprägt worden) und eine Be-rufung. Die Antwort ist ein Beitrag zum Wohl der Gemeinde.

Wenn wir an Wissen als persönliche Beziehung denken, so ist die Ausbildung, die Hochschulen anbieten, eine „Einführung in den Beruf“ und eine „Einführung in die Gesellschaft“. Lehrende teilen ihre Beziehungen zur Realität mit. Gesunde Beziehungen – wie das Wissen – sind nicht exklusiv: wenn ich Wissen weitergebe, verliere ich nichts (das passiert mit Geld leider nicht!). Der Lehrer sagt: „Komm, ich zeige dir meine Welt und wie ich mit ihr umgehe“. Das ist anders als „Lesen Sie bitte von Seite 50 bis Seite 80“. Es ist eine Begleitung, bei der der Leiter mitmacht. Lesen, Vorlesungen, Übun-gen, Berichte: alles sind Schritte, um diese Wissensbeziehung herzustellen. Ausbildungsstätten können nur Gelegenheiten anbieten, bei denen Studierende ihr persönliches Wissensabenteuer leben können. Vorlesungen und Kurse bieten eine starke Begleitung, die Diplomarbeit ist eine freiere Form der Begleitung mit einer anderen Beziehung zwischen Dozierenden und Studierenden.

Wenn wir das Wissen als persönliche Beziehung verstehen, dann ist Forschung die systematische Erstellung von neuen Wissensbeziehungen, entweder mit bisher unerforschten Teilen der Realität oder durch einen ungewöhnlichen oder originellen Ansatz (eine neue Theorie). Forschung bedeutet, unsere globale Freundschaft mit der Realität zu erweitern. Forschung fängt mit der Person des/der Forschenden an und wird erst später veröffentlicht. Dass wir von unseren Studierenden kleine Forschungspro-jekte als Diplomarbeiten verlangen, ist hier relevant. Wissensbeziehungen können auf zwei Wegen erweitert werden: mit neuem Wissen (Forschung) oder neuen Leuten (Ausbildung). Deshalb verbindet unsere Tradition Forschung und Ausbildung. An diesem Punkt denken Sie vielleicht: gut, und Biblio-theken? So, Enter Libraries!

Bibliotheken und die Entwicklung von Wissensinstrumenten

Bibliotheken sind der Zugang zu Daten, Informationen und – am wichtigsten – zu den Spuren, die andere auf ihrer Reise ins Wissen hinterlassen haben. Bücher sind Spuren, die unsere Wissensaben-teuer vereinfachen oder interessanter machen können. Heutzutage sind aber Bibliotheken im Rahmen einer grösseren Informationsumwelt zu verstehen. Wir machen deshalb eine kurze Zeitreise, die uns zurück ins 3. Jahrhundert vor Christus bringt.

Die Bibliothek von Alexandria ist vielleicht das erste Symbol des Wissens. Ihre Mission war die Sammlung des Wissens der Welt. Es ging dabei nicht nur um Bücher, sondern auch um Leute: der Forscher lebte in der Bibliothek, die ein lebendiges Kulturzentrum war. Die Bibliothek von Alexandria war ein Traum, der im Feuer kurz vor Christus endete. Ungefähr 2000 Jahre später, nach der Erfindung des Buchdrucks, tauchte der gleiche Traum wieder auf, nun mit einem demokratischen Akzent. Diderot entwickelte die Enzyklopädie: ein Buch (günstiger als ein Gebäude!), welches das wissenschaft-liche Wissen enthält. Illustrationen machten daraus ein – zur damaligen Zeit – multimediales Produkt. Wissen besteht hier vor allem aus klassifizierten und geordneten Tatsachen (Daten). Die Wissenschaft kann die innere Struktur der Welt entdecken, und die Enzyklopädie macht diese Struktur zugänglich.

300 Jahre später sieht die Lage ganz anders aus. Nach dem Untergang der Titanic und zwei Weltkriegen sind Wissenschaft und Technologie viel komplexer. Die ordentliche Weltstruktur, die vor der Belle Époque ganz nah schien, ist verschwunden. Wenn die Welt eine Struktur hatte, haben wir Menschen sie zerstört. Menschen wissen jetzt viel, vielleicht zu viel. Daten und Informationen zu vernetzen – das ist heute das Wertvolle. Dazu bieten elektronische Geräte wie Memex, eine Entwicklung des amerikanischen Wissenschaftlers Vannevar Bush, neue Möglichkeiten.

Es ist ziemlich einfach zu sehen, wie das Memex das Internet inspiriert hat: vernetzte Informationen, durch die jeder seinen eigenen Wissenspfad konstruieren kann. Es gibt aber nicht nur ein Internet: was wir in den 90er Jahren hatten – was Tim Berners Lee am CERN ursprünglich entwickelt hatte – war Web 1.0, das heisst, vernetzte Informationen, ein elektronisches und potenziell weltübergreifendes Memex. Viele feierten: endlich sind wir frei, „unsere Informationen“ zu suchen. Aber das Web ist zu riesig, um selbst darin etwas zu suchen. Suchmaschinen suchen für uns – und wir vertrauen Maschinen. Nur wenige Jahre später haben wir ein neues Schlagwort: Web 2.0: das Web nicht nur als globale Digitale „Bibliothek“, sondern als bidirektionales Medium. Jeder kann heute einen Facebook-Account haben, bloggen, twittern, usw. Alle können Informationen publizieren, jeder darf und kann seine Stimme hören lassen. (Ob tatsächlich alle etwas zu sagen haben, ist ein anderes Thema).
Heute spricht man bereits vom Web 3.0: mobil, immer zugänglich, personalisiert und „smart“.

Wenn wir heute eine Information brauchen, können wir schnell „Google fragen“. Es gibt virtuell (fast) nichts, das nicht auf Google erscheint. Das Web sucht am schnellsten und am breitesten. Ausserdem können wir über Facebook, Instant Messaging oder E-Mail unseren „Freunden“ Fragen stellen. Das Wissen, das wir brauchen, ist überall, gratis und schnell zugänglich. Wozu brauchen wir dann noch Bibliotheken? Bibliotheken haben weniger Informationen als das Web, sind langsamer und kosten mehr an Zeit und Geld. Deswegen fragen Studenten erst Google, dann die Bibliothekare. Können Bibliotheken den digitalen Wettbewerb gewinnen? Sollen sie sich überhaupt daran beteiligen? Was können Bibliotheken denn heute sein?

Bibliotheken als Orte für Erfahrungen

Bibliotheken sind heute im Vergleich mit digitalen Angeboten schlechte Wissensinstrumente. Digitale Bibliotheken können zwar eine Verbesserung sein – ist das aber genug? Als (digitale oder analoge) „Dokumentenrepositorien“ sind Bibliotheken nicht (oder nicht mehr, oder immer weniger) geeignet. Bibliotheken sind aber nicht hauptsächlich Wissensinstrumente. Bibliotheken mit Google oder dem Web zu vergleichen, ist wie die Wiener Staatsoper mit einer CD zu vergleichen. Die CD ist ein Instrument: sie gibt Musik in hoher Qualität wieder. Ins Opernhaus zu gehen, heisst, eine Erfahrung zu geniessen. Das ist ganz anders! Zum Beispiel höre ich nicht gerne zu Hause Opern; ich liebe es aber, ins Theater zu gehen. Es geht um Kleidung und Schmuck, um Geräusche und Gerüche, es geht um die Reise ins Theater. Wenn man in Wien ist, geht es auch um ein Stück Sachertorte nach der Show. Vorbereitungen, Erwartungen, ungeplante Treffen, Überraschungen, sogar Probleme: eine Erfahrung: so ist das Leben! CD und DVD, wie das Internet, sind Instrumente. Bibliotheken, wie Theater, sind Orte – und Orte sind Möglichkeitsräume.

Mit Instrumenten kann man etwas machen; an Orten kann etwas passieren. In Bibliotheken kann man nach Büchern suchen, Texte lesen, aber auch sich treffen. Ein Ort ist, wo wir sind, und zwar ganz, nicht nur mit unseren Gehirnen und mittels Mausklicks. Orte sind Räume, Dinge, Leute, Dienste und Instrumente. Orte haben eine Geschichte und Tradition, die auf die Menschen zurückgeht, die sich dort aufgehalten haben. Schwerpunkt von Orten sind Menschen. Schwerpunkt in Bibliotheken sind Sie! Bibliotheken an sich sind als Wissensinstrumente nicht mehr optimal. Bibliotheken können aber immer neue Orte des Wissens sein, wenn man dort die richtigen Leute trifft. Bücher sind Spuren, die andere von ihrem Wissen hinterlassen haben. Bibliotheken sammeln diese Spuren, und Bibliothekare sind Experten darin, diese Spuren zu finden. Die Dienstleistungen von Bibliothekaren, ihre Empfeh-lungen, sind das, was eine Bibliothek zu einem interessanten Ort machen. Wenn wir Bibliotheken so betrachten, sehen sie ganz anders aus als das Web oder Google. Eine Bibliothek ist ein Ort, wo man Wissensspuren finden kann und Leute treffen, die einem helfen können.

Bibliotheken sollen also ein proaktives Observatorium für neue Publikationen sein, ein Ort, wo man mit Experten sprechen kann, eine Einheit, die Unterstützung für Forschung und Ausbildung bietet. Hier drei Beispiele von spezifischen Diensten, die diese Vision illustrieren:

  • Bibliotheken als Kollaborationsorte: An der Universität Lugano wollte der Verantwortliche der Universitätsbibliothek die E-Learning-Plattform der Hochschule mit dem Bibliothekskatalog verknüpfen, so dass jede Kursseite zusätzliche Referenzen anzeigen würde. Eine technische Heraus-forderung, trotzdem machbar. Was heisst das? Erstens: Studierende werden in Kursen in neues Wissen eingeführt. Das erwähnte Projekt zeigt ihnen, dass es weitere Pfade gibt, um ihr Wissen zu erweitern und zu vertiefen, und dass es einen dafür vorgesehenen Ort gibt. Zweitens: so etwas zu machen benötigt die Hilfe und Unterstützung von Professoren und Assistenten. Um eine solche Verknüpfung zu schaffen, muss man die Kurse verstehen und mit Dozierenden einig sein, welche zusätzlichen Texte gut sind. Diese Arbeit heisst auch, ein potenzielles Netzwerk zu schaffen.
  • Bibliotheken als Vernetzungsorte: Wie an den meisten FHs wird hier am DFA von den Studierenden verlangt, eine Diplomarbeit zu schreiben. Diese ist in erster Linie auf die Evaluation aus-gerichtet; sie ist aber die erste Gelegenheit für zukünftige Berufsleute, ihre persönliche Wissensbeziehung zu entwickeln und eine Spur davon für andere zu hinterlassen. Wenn man es so sieht, ist der ganze Prozess ohne Publikation nicht komplett. Am DFA entwickelte sich diese Idee zu einer Zusammenarbeit zwischen Forschung und Bibliothek. Zweck: ein frei zugängliches Online-Repo-sitorium für Diplomarbeiten. Das heisst, Wissensspuren nicht nur direkt in der eigenen Schule, sondern für die Community erreichbar machen.
  • Bibliotheken als Orientierungsorte: Wenn wir an Forschung denken, sollten wir auch an offizielle Publikationskanäle denken: Zeitschriften, Verlage etc., um neue Wissensspuren, die aus unseren FHs kommen, öffentlich zu machen. Das ist eine Welt, deren Komplexität sehr hoch sein kann mit Verträgen etc. Viele Dozierende und Forschende kümmern sich selber darum – viele aber nicht, da es viel Zeit und Kompetenzen braucht. Eine Art Orientierungsdienst in dieser Welt der wissen-schaftlichen Publikationen wäre eine grosse Hilfe, um Forschung an (Fach-)Hochschulen zu ent-wickeln. Hier können Bibliotheken ein Katalysator sein: dieselbe Studie kann eine ganz andere Wirkung erzielen, wenn sie in der richtigen Zeitschrift publiziert wird, das richtige Format, den richtigen Stil und die richtige Fragestellung hat. Da geht es um Scouting, Training und Counseling. Letztendlich geht es um eine Kultur von institutionsübergreifender Zusammenarbeit. Sie zu errei-chen, kann Jahre benötigen. Wo kann man starten? Mit einzelnen Publikationen, die Kontakte mit Verlagen erfordern, oder mit einer Analyse von Journals, um sich einen Überblick über das Feld zu verschaffen – etwas, das oft auch die Dozierenden nicht haben.

Zusammenfassung

Bibliotheken sind heute dazu aufgefordert, sich selbst neu zu verstehen und ihrer Berufung als aktiver Teil von Hochschulen zu folgen. Meiner Meinung nach hat die schnelle technologische Entwicklung eine Ambiguität geklärt: Bibliotheken können nicht einfach Repositorien sein. Digitale Medien können einen Mehrwert bringen – aber sie werden nicht entscheidend sein, wenn es kein Konzept gibt, das die Bibliothek als einen Ort des Wissens versteht. Instrumente sind sinnvoll, wenn sie irgendwohin gehö-ren. Ich schlage deshalb vor, dass Bibliotheken nicht als Instrumente, sondern als Orte des Wissens betrachtet werden sollten. Ein Ort ist ein Möglichkeitsraum: Dienstleistungen, Veranstaltungen und Instrumente sollten dazu dienen, neue Möglichkeiten zu schaffen. Dabei kommt es auf die Menschen – auf Sie! – an. Das ist eine Entwicklung, an der jede Bibliothek und jede Hochschule mitwirken und dadurch zur Entwicklung des Schweizerischen Hochschulwesens beitragen kann.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Wissenschaft und Forschung Fachhochschule, Informationskompetenz, Lernort

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