Silke Bellanger, Marianne Ingold (Text), Marianne Ingold (Bilder)
Warme Sommertage, ein riesiges Kongresshotel, Scharen von Menschen (und trotzdem immer wieder Begegnungen mit alten Bekannten), entweder heisse oder eiskalte Tagungsräume, unzählige Fachvorträge, Veranstaltungen, Ausstellungsstände und Bibliotheksführungen, eine launige Rede des Bundestagspräsidenten, eine Jubiläumsbroschüre und eine Festschrift, dazu die Lange Nacht der Bibliotheken und vieles mehr – das war der diesjährige Bibliothekartag, der vom 7.-10. Juni in Berlin stattfand. Inhaltlich zeichneten sich nur wenige neue und eindeutige Schwerpunkte ab. Der Umgang mit Forschungsdaten treibt wie bereits letztes Jahr in Leipzig besonders Forschungsbibliotheken um; Management- und Marketingfragen bleiben Dauerbrenner für alle Bibliothekstypen, und Informationskompetenz ist zu einem festen Bestandteil im Berufsalltag an Hochschul- und Universitätsbibliotheken geworden. Trotzdem lieferte der Kongress auch einige Überlegungen für die mentale Tagungstasche der wissenschaftlichen BibliothekarInnen:
Wege zur Tätigkeit als wissenschaftliche/r Bibliothekar/in
Einen Überblick über die verschiedenen Wege zum wissenschaftlichen Bibliotheksdienst in Deutschland bot die gemeinsame Podiumsdiskussion der VDB-Kommission für berufliche Qualifikation und der BIB-Kommission für Ausbildung und Berufsbilder. AbsolventInnen von Universitäts- und Fachhochschulstudiengängen und des Referendariats berichteten, dass für sie bei der Wahl des Ausbildungsweges neben Zufällen nicht zuletzt Finanzierungsmöglichkeiten eine wichtige Rolle gespielt haben. Bezahlte Bibliotheksanstellungen begleitend zur Ausbildung boten zudem bereits den ersten Einstieg in das Berufsfeld. Tendenziell hielten sich die Argumente für und wider reine informations- und bibliothekswissenschaftliche Studiengänge auf der einen Seite und einer Kombination aus Fachstudium und aufbauenden Bibliotheksausbildungen die Waage. Einig waren sich alle, dass im Zuge der konkreten Berufspraxis erneut ein learning on the job stattfand und im Alltag mehrheitlich Aufgaben übernommen wurden, die keine Schwerpunkte der Ausbildung waren. Als praxisrelevante Themen wurden besonders IT- und Managementaufgaben (gegenüber z.B. Formalkatalogisierung) genannt.
Bibliothekarische Ethik
In der Session zu „Berufsethik: Randerscheinung oder Grundlage bibliothekarischer Praxis?“ warf Wilfried Sühl-Strohmenger einen berufsethischen Blick auf das Tätigkeitsfeld der Vermittlung von Informationskompetenz (vgl. http://www.opus-bayern.de/bib-info/volltexte/2011/993/). Mit deutlichem Hinweis darauf, dass er ein Neuling im Feld der Ethik sei, versuchte er den Erwerb von Informationskompetenz als moralischen Lernprozess zu skizzieren. Mit Bezug auf ethische Prinzipien des wissenschaftlichen Verhaltens einerseits und dem Verweis auf das Modell der moralischen Entwicklung nach Lawrence Kohlberg andererseits umriss Sühl-Strohmenger das Lernen und Lehren von Informationskompetenz als eine Möglichkeit, mittels emotionaler Labilisierung Bachelor-Studierende zur Reflexion von Spiel- und Verhaltensregeln im Kontext Wissenschaft anzuregen.
Marketing und Dienstleistungsorientierung – auch im Fachreferat
Offenbar sind wissenschaftliche BibliothekarInnen die bibliothekarische Berufsgruppe, die sich am intensivsten mit ihrem Berufsbild beschäftigt. Gelegenheit dazu bot die Session „Mensch gegen Maschine: Zur Zukunft des wissenschaftlichen Bibliotheksdienstes“. Marcus Schröter ging der Frage „Der wissenschaftliche Bibliothekar: eine aussterbende Spezies?“ nach; Rafael Ball prognostizierte „Das Ende aller Nischen“ und forderte mehr Leistungs- und Kundenorientierung (http://www.opus-bayern.de/bib-info/volltexte/2011/1009/). Insbesondere das klassische Fachreferat steht zunehmend auf dem Prüfstand, wird durch IT- und Management-Funktionen abgelöst oder durch DoktorandInnen als FachreferentInnen auf Zeit ersetzt (vgl. http://www.slideshare.net/Achim_Bonte/theoretisches-berufsbild-und-berufliche-praxis-der-hhere-dienst-in-der-digitalen-bibliothek). Um zu verhindern, dass sich der Beruf zu dem eines „Schrankenwärters auf stillgelegter Strecke“ (Berufe ohne Stress, 1976) entwickelt, ist der Ausbau von spezifischen Dienstleistungen angezeigt, wie das Spezialbibliotheken und Dokumentationsstellen schon seit langem erfolgreich tun. Konkrete Beispiele aus der Genderbibliothek der HU und der Bibliothek des Bundestags: Formale und sachliche (Tiefen-)Erschliessung von Aufsätzen und Artikeln, themenrelevante Literaturempfehlungen und Bibliographien, qualitativ hochwertige und geprüfte Linksammlungen, Zeitschrifteninformationsdienst, anspruchsvolle Recherchen – in extremis das „Rundum-Kuschelpaket“ (U. Zeh/Bundestagsbibliothek) oder die „Wellness-Oase“ (S. Nix/WZB), in der Qualität und Zeitersparnis für die Kundschaft im Zentrum stehen.
In Bezug auf Marketing in eigener Sache bot u.a. die Session „Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung des bibliothekarischen Auskunftsdienstes“ nützliche Hinweise: alle Benutzenden sollen wissen, wie, wo und wann sie etwas bekommen und was BibliothekarInnen können. Auf der Bibliothekswebsite sollten zuerst die Dienstleistungen sichtbar sein, nicht der Bestand. FachreferentInnen sind als Ansprechpersonen direkt im OPAC eingebaut. Als „AussendienstlerInnen“ bewerben sie aktiv das Angebot der Bibliothek.
Personalmanagement: Entwicklung und/oder Überlebenstraining?
Anhand eines Kataloges von A wie Anreizsysteme bis Z wie Zielvereinbarungen schilderten Petra Hätscher (UB Konstanz) und Beate Tröger (ULB Münster), wie sie ihre Beschäftigten im Veränderungsprozess der Bibliothekswelt mitnehmen. Auf der Leitungsebene stehen Führungskräfteentwicklung und Coaching im Zentrum; für Mitarbeitende gibt es Hospitation, Rotation und Training on the job. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ebenfalls wichtig: innerhalb der als „familiengerechte Hochschule“ zertifizierten Uni bietet die UB Konstanz Telearbeit und Jahresarbeitszeit. Unter dem Motto „Es wird zu viel gemanagt und zu wenig geführt“ spielt Führungskräfteentwicklung auch an der TIB Hannover eine zentrale Rolle. An der UB Wien werden alle Mitarbeitenden bei Strategieentwicklung und Innovationsmanagement einbezogen. Dazu werden Grossgruppentage, Prototypen, eine „Spielwiese“ oder eine Ideendatenbank eingesetzt. Einen als „Überlebenstraining“ bezeichneten Top-Down-Ansatz unter Beizug eines externen Beratungsunternehmens dagegen wählte die ETH-Bibliothek für ihre Reorganisaton. Mitarbeitende unterer Stufen wurden dabei erst für die Beschreibung der operativen Einzelprozesse beigezogen. (Folien dieser Session unter: http://www.bibliotheksverband.de/fachgruppen/kommissionen/management/fortbildung/pers-uorgentw-im-kontext.html)
Weitere Präsentationen: http://www.bib-info.de/verband/publikationen/opus/berlin-2011.html
