Daniel Suter
„Bibliotheken bewegen – Changeons les bibliothèques.“ Während der französische Kongresstitel wie eine politische Parole daherkommt, wirkt der deutsche Titel doppeldeutig: sollen da die Bibliotheken bewegt werden oder sollen die Bibliotheken die Bewegenden sein? Der Kongressort, die EPFL Lausanne mit ihrem neuen, futuristischen Rolex Learning Center, und etliche Kongressbeiträge machten dann deutlich, dass der deutsche Titel eine Differenzierung des Französischen darstellt, denn die Bibliotheken können gesellschaftlich nur etwas bewegen, wenn sie sich selbst bewegen, sprich: sich verändern und den neuen Gegebenheiten anpassen.
Workshop
Den Auftakt zum Kongress bildete der von der IG WBS und der AG IK organisierte Preconference-Workshop zum Thema Vermittlung von Informationskompetenz im Fachreferat. Er war mit gegen 70 Teilnehmenden so gut besucht, dass der vom BIS zur Verfügung gestellte Raum in der Bibliomedia zum Bersten voll war.
Im Eröffnungsreferat stellte Sabine Rauchmann die Ergebnisse ihrer Dissertation zu Thema „Die Vermittlung von Informationskompetenz aus der Sicht des Fachreferats – Ergebnisse einer Umfrage an deutschen Hochschulbibliotheken“ vor. Leider geriet ihr die Darlegung des an und für sich spannenden Themas etwas gar trocken, wobei die Menge der statistischen Grafiken nicht unbedingt zu einem besseren Verständnis beitrug.
Im Anschluss daran präsentierten fünf ReferentInnen aus Schweizer Hochschulbibliotheken in prägnanten Kurzvorträgen verschiedene Modelle der Vermittlung von Informationskompetenz. Hier bewährte es sich, dass die fünf Minuten Sprechzeit gnadenlos mit einer Stoppuhr abgemessen wurden.
In den Referaten zeigte sich einmal mehr, dass aufgrund der sehr unterschiedlichen Strukturen der verschiedenen Hochschulbibliotheken einerseits und der nach wie vor sehr disparaten Informationsbedürfnisse der verschiedenen Fächer und Fakultäten andererseits ein einheitliches IK-Modell in der Schweiz wenig Sinn macht.
Das mit spitzer Feder verfasste Schlussreferat der ehemaligen IG WBS-Präsidentin Elisabeth Oeggerli brachte mit schönen literarischen Assoziationen zum Musical „Das Phantom der Oper“ einige kritische Punkte bezüglich des grassierenden IK-Hypes aufs Tapet. Oeggerlis Referat finden Sie im vorliegenden Rundbrief. Alle Workshop-Präsentationen sind auch auf der IG-Website aufgeschaltet.
Eröffnungsabend
Im Anschluss an den Workshop folgte der offizielle Eröffnungsabend. Nach den Begrüssungsworten eines Vertreters der Stadtbehörden von Lausanne sprach die ehemalige Ständerätin und FDP-Präsidentin Christiane Langenberger über Möglichkeiten und Notwendigkeit einer nationalen Bibliothekskoordination. Es folgte eine Rede des ehemaligen Stadtpräsidenten von Zürich, Josef Estermann, der sich nach einer Weiterbildung nun als „Urbanist“ bezeichnet, über die Rolle der Bibliotheken für das Lifelong Learning, wobei er das Modell des Spiralcurriculums ins Zentrum stellte.
Als Abschlussredner hatten die Organisatoren den neoliberalen Wirtschaftspublizisten Beat Kappeler eingeladen, der in einer pointierten, provokativen Rede die Printverlage und das Urheberrecht im digitalen Zeitalter kritisch unter die Lupe nahm. Leider vergass er in seiner fast kindlichen Begeisterung für die Möglichkeiten digitaler Medien, allen voran von iPhone, iPad und MacBook von Apple, dass gerade dieser Konzern mit seiner proprietären Software und den eigenen Online-Shops die möglichen Freiheiten des digitalen Austausches untergräbt.
Umrahmt wurden die Reden und der anschliessende Apéro von der rockigen Altherrenband „Mattis Big Beat“, deren Spielfreude leider bei dem wunderschönen, warmen Spätsommerwetter und nach den vielen Reden nicht mehr so recht auf das Publikum überschwappen wollte.
Kongressort
Während Workshop und Eröffnungsabend im Gebäude der Bibliomedia in der Lausanner Innerstadt stattfanden, wurde der eigentliche Kongress in den Gebäuden der EPFL abgehalten, wo das neue Rolex Learning Center des japanischen Architekturbüros SANAA ein anschauliches Beispiel für die im Kongresstitel angesprochene Veränderung der Bibliotheken gesehen werden konnte: Eine Hybrid-Bibliothek mit dem Schwerpunkt auf den E-Medien, die per WLAN überall empfangen werden können, und ein Begegnungs- und Lernort mit vielen verschiedenen Arbeits- und Lernräumen. Es ist ein faszinierender, schön verspielter Bau – nur der bereits stellenweise mit Kaffeeflecken versehene, ausgesprochen hässliche Nadelfilzteppich wirkt wie ein Fremdkörper. Wie sich herausstellte, musste der Teppich zum Ärger der Architekten aus Gründen der Trittschallisolierung verlegt werden – ein weiteres Beispiel dafür, dass Stararchitekten allzu oft der Sinn für die reale Alltagsnutzung ihrer Objekte abgeht.
Kongressprogramm
Die wichtigsten Themen des Kongresses drehten sich um die Rolle der Bibliotheken im digitalen Zeitalter: E-Medien, die Vermittlung von Informationskompetenz und die Optimierungsmöglichkeiten des Bibliotheksservices (24 Stunden-Bibliothek, Rauminformationssysteme, RFID).
Wie immer an den BIS Kongressen wurden im Kongressprogramm die verschiedensten Bibliothekstypen berücksichtigt, was die Auswahl an spezifischen Vorträgen für wissenschaftliche BibliothekarInnen etwas einschränkte, dafür aber spannende Blicke über den Tellerrand ermöglichte. Als Beispiele seien hier nur das Referat von Herbert Staub über die Rolle der Dokumentationsstellen in der sich rapid wandelnden Medienlandschaft oder die Präsentation von Heike Merschitzka über den Wissensturm in Linz, wo Volkshochschule und allgemein-öffentliche Bibliothek als sich ergänzende Informations- und Bildungsinstitutionen kooperieren, erwähnt.
Den Kongressabschluss bildete ein Vortrag des Niederländers Eppo van Nispen tot Sevenaer (DOK, Delft), der in einem schwindelerregenden Tempo mit viel multimedialem Aufwand in der Art eines evangelikalen amerikanischen Show-Predigers eine Überwältigungspräsentation darbot, in der er die Schritte aufzeigte, die nötig wären, damit die Bibliotheken zu besseren Freundinnen der BenutzerInnen als Google würden; kurz: „Changeons les bibliothèques – ou plutôt les bibliothécaires!“
Da das Aufnahmevermögen nach drei intensiven Kongresstagen langsam an seine Grenze kam, erfreute man sich gern an den vielen bunten Seifenblasen und verzeiht dem Referenten seine mangelnde Differenzierung und Tiefgründigkeit gern, zumal er ja doch den einen oder anderen provokativen Denkanstoss vermittelte. Zu den amüsanten Highlights gehörte die Bemerkung, dass Frauen mittleren Alters als Hauptkundschaft von Bibliotheken lieber George Clooney hinter dem Schalter sähen als eine griesgrämige Dame ihres Alters. Was wiederum einige Teilnehmerinnen am IG WBS-Apéro zu nicht völlig unsexistischen Gedankengängen bezüglich optimalem Einsatz einiger Kollegen im Thekendienst anregte. Etwas nachdenklicher stimmte dagegen der Hinweis, dass das Hauptanliegen der Bibliotheken nicht die Bücher sein sollten, sondern die Menschen. Das mag tatsächlich etwas für sich haben, leider vergass Eppo van Nispen vor lauter rührseliger Menschenfreundlichkeit, dass sich gewisse Bibliotheken eines kulturellen Erbes jenseits der flatterhaften Modeströmungen annehmen und im staatlichen Auftrag eine Archivierungsfunktion ausführen.
Inhaltlich war zwar an diesem Kongress nicht viel Neues zu hören, denn die meisten der behandelten Themen werden ja schon seit einiger Zeit in Ausbildungsgängen, an Kongressen und in Zeitschriften breit behandelt; aber Kongresse sind ja bekanntlich vor allem dazu da, neue Bekanntschaften zu machen und alte zu pflegen. Die rekordverdächtige Zahl von 550 Teilnehmenden bot dazu auch genügend Gelegenheiten. Mit Ausnahme des Festabends im – est nomen omen? – Club Amnésia (Motto: möglichst schnell vergessen!), war der Kongress bestens organisiert und kann als durchwegs gelungen bezeichnet werden.
BIS-Generalversammlung
An der BIS-Generalversammlung sorgte die angepeilte Strukturreform für eine längere, zähe Debatte, da die vorgeschlagenen Grundsätze und Rahmenbedingungen der Strukturreform schon deutlich in eine bestimmte Richtung wiesen: Die Kollektivmitglieder sollten den BIS-Dachverband bilden, während die Einzelmitglieder nur als Mitglieder von Arbeits- und Interessengruppen Teil des BIS sein sollten. Die Höhe der Mitgliedergebühren sollte aufgrund der „wirtschaftlichen Stärke“ der Mitglieder bestimmt werden. Weil sich viele VotantInnen an der GV gegen diese Stossrichtung wehrten, wurde beschlossen, dass die zu gründende Arbeitsgruppe ihre Vorschläge für die Strukturreform offener, unvoreingenommener erarbeiten muss. Diese AG publiziert ihre Arbeitsschritte auf der BIS-Webseite und die Mitglieder können dazu laufend Stellung beziehen (www.bis.info). Bis im Frühling 2011 sollten die neuen Statuten fertig sein, damit im Mai an einer ausserordentlichen GV darüber abgestimmt werden kann.
Für einiges Kopfschütteln sorgte auch das Traktandum „Charta der Schweizer Bibliotheken“. Denn es stellte sich heraus, dass die Kommission der Nationalbibliothek in Zusammenarbeit mit Vertretern des BIS diese Charta ohne weitere Vernehmlassung publiziert hatte. Wer sich dafür interessiert, findet die Charta unter: http://www.nb.admin.ch/org/organisation/03172/03205/index.html?lang=de
Weitere Kongressberichte finden sich auf der Webseite des BIS (www.bis.info) oder im arbido-Newsletter (www.arbido.ch).
