Marianne Ingold



Erstaunlich, was sich da so alles in der Bibliothekswelt tummelt! Aber alle diese Kreaturen haben etwas mit unserem Metier zu tun, wie an den drei spannenden Tagungen zu erfahren war, die ich in den ersten Monaten dieses Jahres besuchen konnte. Unter dem Titel „Chancen 2010 – Die Bibliothek als Ort“ fand am 4. Februar in Essen eine eintägige Konferenz des Berufsverbands BIB und der Bibliotheksdienstleister ekz und DiViBib statt. Vom 15.-18. März traf sich die deutschsprachige Bibliothekswelt zum 4. Leipziger Kongress für Information und Bibliothek. Und vom 14.-16. April war die ETH-Bibliothek in Zürich Veranstaltungsort der 11. InetBib-Tagung, die zum ersten Mal ausserhalb Deutschlands stattfand. Obwohl die Veranstaltungen ganz unterschiedlich konzipiert und an ein jeweils anderes Fachpublikum gerichtet waren, ergänzten sie sich erstaunlich gut und ermöglichten dadurch interessante inhaltliche Querverbindungen.
Radikale Innovationen sind Neuerungen, die sich sehr schnell durchsetzen und damit ganze Branchen, Berufe und Arbeitsplätze umwälzen, wenn nicht gar zerstören können. Zu diesen radikalen Innovationen gehören zweifellos die Digitalisierung und das Internet, die in den letzten zwei Jahrzehnten die (Bibliotheks-)Welt nachhaltig verändert haben und sie noch weiter verändern werden. Die Auswirkungen dieser Entwicklung betreffen nicht nur den Raum, also die Bibliothek als physischen und/oder virtuellen Ort, sondern auch Geschäftsmodelle und Serviceangebote und nicht zuletzt das Personal.
Die meisten Produkt- und Prozessinnovationen spielen sich allerdings weit weniger radikal ab, wie Roman Boutellier, Professor für Innovations- und Technologiemanagement an der ETH Zürich, in seinem anschaulichen und unterhaltsamen Eröffnungsreferat an der InetBib-Tagung ausführte. In einzelnen Branchen wie der Zementindustrie mit wenigen Akteuren, die sich untereinander absprechen, ist Innovation sogar praktisch inexistent bzw. beschränkt sich vorwiegend auf Prozessinnovation, die zudem häufig an die Lieferanten ausgelagert wird. Solche Oligopole sind übrigens auch Bibliotheken, wie Ulrich Naumann in Leipzig aufzeigte. In solchen Strukturen spielt die Position in der Wertschöpfungskette eine zentrale Rolle. Auch Bibliotheken müssen sich in Boutelliers Worten zunehmend fragen: „Bin ich ein Bottleneck [d.h. ein Engpass, an dem alle vorbei müssen] oder eine Überkapazität [wie die Musikindustrie?]“? Vielleicht sogar noch besser wäre die Frage: „In welchen Bereichen bin ich bereits ein Bottleneck oder kann einer werden?“ Für erfolgreiche Innovation entscheidend sind gemäss Boutellier drei Faktoren: erstens das Trial-and-Error-Prinzip (nur ein kleiner Teil aller Innovationen kann sich längerfristig durchsetzen, d.h.: ausprobieren und evtl. scheitern!), zweitens Expertenwissen als notwendige Ergänzung zur Kreativität, damit überhaupt umsetzbare Ideen entstehen, und drittens Freiräume sowohl gegen aussen (Regulierungen, Vorschriften) wie innerhalb der Organisation.
In Bibliotheken kommen Beiträge zur Innovation vorwiegend aus der Führungs-/Leitungsebene sowie von Mitarbeitenden, sind teilweise auch inspiriert von (ebenfalls brancheninternen) Messen/Tagungen und Geschäftspartnern/externen Kollegen, kaum jedoch von persönlichen Kontakten, branchenfremden Entwicklungen oder gar von den Kunden – Stichwort „Open Innovation“ oder „Benutzer als Co-Entwickler“ (Heller/ Leipzig). Und während Innovationsmanagement in der Industrie häufig professionell betrieben wird, ist ein systematisches Innovationsmanagement in Bibliotheken noch relativ wenig verbreitet, wie eine von Ursula Georgy in Leipzig und in Zürich präsentierte Umfrage zeigt. Eine Ausnahme in dieser Beziehung stellt die ETH-Bibliothek dar, die sich mit Rudolf Mumenthaler sogar einen eigenen Innovationsmanager leistet. Einen Einblick in seine Arbeit gab Mumenthaler am Bibliothekskongress in Leipzig, wo er die Verbindung von Innovations- und Produktmanagement am Beispiel des Produktportfolios der ETH-Bibliothek präsentierte. In einem mehrstufigen Prozess wurden verschiedene Produktkategorien definiert und in einer Matrix bewertet. Dabei wurden obsolete Produkte identifiziert, die in Zukunft nicht mehr angeboten werden sollen, darunter u.a. Ausstellungen und die gedruckte Schriftenreihe. Womit wir endlich bei den armen Hunden sind: als „Poor Dogs“ werden nämlich in der Portfolio-Matrix der Boston Consulting Group diejenigen Produkte bezeichnet, die das Ende ihres Lebenszyklus’ erreicht haben (siehe dazu auch Ulrich Naumanns Leipziger Beitrag).
Ob auch die (intellektuelle) Sacherschliessung mit vergleichsweise hohen Kosten und geringer Nutzung demnächst ins symbolische Tierheim abgeschoben wird, ist noch offen. Dass sie ganz interessante und zukunftsträchtige Perspektiven auch in der virtuellen Welt zu bieten hat, bewiesen jedoch verschiedene Präsentationen am Leipziger Kongress. Während die von Armin Kühn vorgestellten Optimierungsmassnahmen im SWB-OPAC terminologisch noch nicht ganz zu überzeugen vermochten (ist „Schlagwortfolgenindex“ wirklich so viel besser als „Einstieg Kettenindex“?), plädierte Heidrun Wiesenmüller überzeugend für eine gezielte Einbindung des Schlagwortindexes in die Stichwortsuche, wie dies beispielsweise die LoC tut, um das Browsing zu unterstützen.
In Bezug auf den Katalog gab es ebenfalls unterschiedliche Perspektiven. Während der klassische OPAC für einige als Poor Dog dem Ende zugeht und durch neuere kommerzielle Produkte oder Eigenentwicklungen abgelöst wurde/wird, preisen andere den Katalog als genuin bibliothekarisches Produkt (Schneider/Leipzig) und loben die hohe Qualität der darin enthaltenen Daten. Via Linked Open Data können „Schätze“ wie die Personennormdatei in ganz anderen Kontexten, z.B. in der Wikipedia, nutzbar gemacht werden. Dafür plädierte u.a. Christian Hauschke an der InetBib-Tagung. Ob dies aus betriebswirtschaftlicher Sicht (Bottleneck!?!) wirklich sinnvoll ist, sei dahingestellt.
Noch nicht ganz angekommen zu sein scheint trotz der vielen spannenden Projekte zur Verbesserung der Recherchetools die Erkenntnis, dass sich die Benutzenden weniger für die Katalogqualität als für die unmittelbare Verfügbarkeit der Medien interessieren. „Wo ist das Dokument und wie komme ich dazu?“, wollen sie wissen (vgl. https://www.oclc.org/content/dam/oclc/reports/onlinecatalogs/fullreport.pdf). Zwar hat das Buch als Leitmedium ausgedient, es wird aber weiterhin nachgefragt und gebraucht, wie Alfred Bilo in Essen betonte. Nicht nur die Suchwerkzeuge sollten also verbessert werden, sondern parallel dazu auch die logistische Infrastruktur – es muss ja nicht gleich Singapur sein! Ein ausgezeichnetes und innovatives Beispiel ist der Grazer Postservice mit Postfilialen als Abhol- und Rückgabeort, den Roswitha Schipfer in Essen präsentierte.
Doch nicht nur in dieser Beziehung müssen Bibliotheken näher zu ihren Kunden, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen (und die Konkurrenz kommt eben nicht aus der eigenen Branche): Schulungsveranstaltungen sollten nicht immer beim OPAC beginnen, forderte Annemarie Nilges in Leipzig. Stattdessen soll die Informationskompetenz-Vermittlung die Benutzenden vermehrt dort abholen, wo sie stehen. Im Falle von Bachelor-Studierenden sind das eben relevanzbasierte Suchmaschinen oder – von Nilges leider nicht erwähnt – soziale Netzwerke. Zudem soll bibliothekarisches Wissen stärker in die Gestaltung von Suchräumen eingebracht werden statt in aufwendige Schulungen. Obwohl ich nicht mit der Beurteilung von Thomas Hapke einverstanden bin, es handle sich dabei um ein „Totschlag-Argument gegen jegliche IK-Aktivitäten“, kann ich seinen Tagungsbericht zu weiteren IK-Veranstaltungen in Leipzig uneingeschränkt weiterempfehlen (http://blog.hapke.de/?p=343). Noch ein weiterer Denkanstoss in diesem Kontext: Was bedeutet es, wurde an der InetBib-Tagung gefragt, wenn zwar neue Trends und Ideen oft zuerst in Blogs aufgegriffen werden oder eine Schnittstelle zwischen der PND und Wikipedia eingerichtet wird, aber weder Wikipedia noch Blogs in studentischen Arbeiten zitiert werden dürfen?
Kundennähe im virtuellen Umfeld bedeutet z.B. bibliothekarische Inhalte auf Schul- und anderen Websites zu platzieren, Smartphone-Dienste, Downloads von Hörbüchern und Musik oder das Sichtbarmachen von Ausleihmustern im OPAC (Hapel/Essen). Physische Kundennähe äussert sich in der Auflösung der tradierten architektonischen Form (Flächenverhältnis Medien/andere Nutzungsformen bis zu 50:50, vgl. Berten/Essen), in einem in jeder Hinsicht möglichst schwellenlosen Zugang und besseren Leitsystemen, in unterschiedlichen Räumen und Szenarien für unterschiedliche Bedürfnisse (auch nach Ruhe und Rückzug!), in modularen statt stationären Räumen und Einrichtungskonzepten und nicht zuletzt im Verzicht auf Schulungsräume, die aussehen wie Schulzimmer (Eigenbrodt/Essen). „Learning“ oder „Teaching Grids“ wie in Warwick sind eine Möglichkeit, Bibliotheksräume ausgehend von einer Segmentierung der Kundengruppen neu zu gestalten (Hohmann/Essen). Die Benutzer und Benutzerinnen können aber auch ganz praktisch in die räumliche Gestaltung der Bibliothek mit einbezogen werden (Hapel/Essen, Schoof/Leipzig).
All dies bedeutet allerdings, dass die Frösche nicht immer nur mit ihresgleichen über ihren Teich diskutieren, womit wir beim zweiten im Titel erwähnten Tier wären. BibliothekarInnen müssen, so verschiedene Voten an der InetBib, mit dem Publikum in Interaktion treten, sollen „runter vom hohen Ross“ und „auf Augenhöhe kommunizieren“, denn „BenutzerInnen wollen nicht abgeholt werden“. Schliesslich „wartet niemand auf die Bibliotheken“, und die KundInnen „sind nicht auf uns angewiesen – wenn man denen auf die Füsse tritt, dann kommen sie nicht mehr“. Weniger „Verkündung“, mehr Dialog und Kritikbereitschaft seien gefragt. Dass das alles einen grösseren Kulturwandel innerhalb der Bibliotheken bedeutet, ist klar. Grundtenor in Bezug auf das Bibliothekspersonal unter dem Einfluss von Digitalisierung und Web 2.0: Rausgehen, dorthin, wo die Kunden sind. Herauszufinden, wo genau das ist, ist dann wieder ein anderes Problem.
Dazu müssen sich die BibliothekarInnen (oder die Frösche, um im Bild zu bleiben) erst mal in den neuen Technologien und Web 2.0-Anwendungen fit machen. Denn, so ein Referent an der InetBib-Tagung, „es ist viel besser, wenn wir schon da sind, wenn die Benutzer hinkommen, als ihnen hinterherzuschleichen“. Für dieses Fitnessprogramm eignet sich aus Sicht mehrerer ReferentInnen am besten ein spielerischer Zugang, denn, so Eppo van Nispen tot Sevenaer in Leipzig: „Life is all about having fun!“ (vgl. auch www.funtheory.com). Hilfreich dabei können Labore wie die Zukunftswerkstatt (http://zukunftswerkstatt.wordpress.com) oder die MLibrary Labs der University of Michigan Library (http://www.lib.umich.edu/mlibrary-labs) sein. Einfach mal ausprobieren, lautet also die Devise, sei es bei LibraryThing, Delicious, Facebook oder Twitter. Wie letzteres in der Praxis aussieht, illustrierte die „Twitterwall“, auf der während der InetBib-Tagung in Echtzeit die Beiträge der anwesenden Zwitscherer mit dem Hashtag #inetbib2010 projiziert wurden. Wer selber nachlesen will: http://twapperkeeper.com/hashtag/inetbib2010?sm=1&sd=1&sy=2009&em=8&ed=7&ey=2010&o=a&l=10000.
„Wo hört die Anbiederung an den Zeitgeist auf?“, mögen sich manche an dieser Stelle mit Alfred Bilo (Essen) fragen. Kritische Bemerkungen wie diese waren an den drei Tagungen – zumindest in den von mir besuchten Sessions – eher selten zu hören. Auch das drohende oder bereits erfolgte Verschwinden der Bibliothek als physischer Ort, als Bezeichnung und/oder als intermediäre Dienstleisterin wurde erstaunlicherweise nur am Rande thematisiert. Einzig für Klaus Döhmer, der sich an der InetBib-Tagung selbstironisch als Vertreter der „Betonkopf-Fraktion“ bezeichnete, ist fünf vor zwölf schon längst vorbei. Glaubt man ihm, nützt wohl auch alles Zwitschern nichts mehr…
Auffallend war auch die praktisch vollständige Abwesenheit von Gender-relevanten Aspekten. Eine kleine Ausnahme war Eppo van Nispen tot Sevenaer, der darauf hinwies, dass Frauen als Vielleserinnen bessere Kundinnen für E-Reader seien als Männer. Dass dies auch bei sozialen Netzwerken zunehmend der Fall ist, postuliert eine in der NZZ vom 15.4. zitierte amerikanische Studie (http://www.digitalcenter.org/pdf/gender-april_2010.pdf). Bei der Segmentierung ihrer Kundengruppen sollten Bibliotheken also auch geschlechtsspezifische Kriterien nicht vergessen!
Schliesslich gab es auch bezüglich Präsentationstechnik und –gestaltung viel zu lernen. Der fast ausschliesslich visuell unterstützte, frei gesprochene und im Wortsinne raumgreifende Show-Vortrag, wie ihn neben Eppo van Nispen auch Christoph Deeg von der Zukunftswerkstatt an der InetBib-Tagung praktizierte, ist in der Bibliotheksszene noch eher ungewohnt und provozierte im zweiten Fall sogar Kritik. (Eppo van Nispen tot Sevenaer wird übrigens auch am Schweizer Bibliothekskongress in Lausanne einen Auftritt haben, und „Auftritt“ ist hier das richtige Wort – nicht verpassen!). Andere Vorträge waren weniger gelungen, darunter einzelne Leipziger Beiträge zur Sacherschliessung. Das mag ein unglücklicher Zufall gewesen sein, trägt aber leider nicht dazu bei, dieses wichtige Thema einem breiteren Kreis als „zeitgemäss und zukunftsfähig“, wie die Sessionsüberschrift lautete, zu vermitteln. Ein sehr zeitgemässes und zukunftsfähiges Format dagegen sind die 5-Minuten-Vorträge, die an der InetBib-Tagung auf dem Programm standen. Eingängig unterstützt durch eine grosse Online-Stoppuhr mit Warnsound, zwang die Kurzform die Vortragenden dazu, sich auf das Nötigste zu beschränken, und hielt das Publikum auch am späten Nachmittag noch bei Stange!
Am wichtigsten scheint mir aber, dass sich – gerade auch kleinere – Schweizer Bibliotheken vermehrt an solchen Konferenzen präsentieren, denn es haben bestimmt nicht nur einzelne grosse Institutionen interessante Projekte und gute Beispiele zu bieten. Es kann auch mal ein Werbespot sein wie die in Leipzig gezeigten Kurzfilme (http://www.bibliotheksportal.de/index.php?id=1192#4356, besonders empfohlen: Nr. 3 und Nr. 7).
Weiterführende Links:
Vorträge und Webcasts „Chancen 2010“: http://www.ekz.de/index.php?id=3228
Vorträge Leipziger Kongress: http://www.opus-bayern.de/bib-info/
Abstracts/Folien InetBib-Tagung: http://www.ub.tu-dortmund.de/inetbib2010/
