RB 50, Oktober 2009
Beitrag für die Tageszeitung: «Der Bund»; Tribüne, erschienen am 19. Juni 2009
Marianne Rubli Supersaxo, Direktorin Universitätsbibliothek Bern
«Herkömmliche Bibliotheken sind tot». Provokativ ist die Aussage der deutschen Journalistin Vera Münch in einer bibliothekarischen Fachzeitschrift im vergangenen Jahr. Sie spricht den markanten Veränderungsprozess an, in dem sich das Bibliothekswesen heute befindet. Braucht es wissenschaftliche Bibliotheken in Zeiten von Google überhaupt noch? Über das Internet finde man ja praktisch alles, ist als Argument gelegentlich zu hören. Es ist offensichtlich: Die Welt der wissenschaftlichen Bibliotheken des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr dieselbe wie diejenige der letzten Jahrhunderte. Die Bibliothek erbringt heute Dienstleistungen, die nur noch in Kooperation mit andern Institutionen zu leisten sind. Das Angebot an Informationen und Dokumenten, welche die Bibliotheken nicht mehr selber physisch vor Ort haben, aber in grossen Mengen bereitstellen, ist heute längst Realität.
Doch die traditionellen Dokumente in Papierform haben nicht ausgedient: Die Universitätsbibliothek Bern (UB) hat 4 Mio. Monografien und Zeitschriften im Angebot, die Nutzung ist mit über 750‘000 Ausleihen pro Jahr erheblich. Parallel dazu stellt die UB für den Unicampus Bern rund 35‘000 elektronische Zeitschriften und 22‘000 Fachdatenbanken zu allen Wissensgebieten bereit, die mit gegen 1 Mio. Zugriffen im letzten Jahr für Lehre und Forschung eine unverzichtbare Informationsquelle darstellen. Doch das elektronische Angebot hat einen hohen Preis, und hier zeigt sich ein Kernproblem, mit dem das wissenschaftliche Bibliothekswesen seit längerem kämpft: Forschungsergebnisse der Universitäten werden fast ausschliesslich in wissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert, die heute in der Regel elektronisch zur Verfügung stehen. Die international tätigen Zeitschriftenverlage heben seit einigen Jahren die Lizenzgebühren jährlich kräftig an. Die wissenschaftlichen Bibliotheken sind gezwungen, staatlich finanzierte Forschungsergebnisse über die Zeitschriftenabonnemente mit staatlichen Mitteln wieder zurückzukaufen. Eine eigenartige Situation, die die Bibliotheken in immer grössere finanzielle Engpässe treibt. Die Zeitschriftenkosten brauchen das für Monografien und andere Medien reservierte Budget allmählich auf: eine fatale Entwicklung, für die zurzeit keine Lösung in Sicht ist.
Seit rund 10 Jahren ist Google eine weltweit verwendete Suchoberfläche, die auch unsere Recherchegewohnheiten stark beeinflusst hat. Blitzschnell erhalten wir nach Eingabe einer Suchanfrage die Antwort, doch meist ist diese qualitativ nicht klar einzuordnen und aufgrund der Treffermenge kaum brauchbar: Was fangen Sie mit 1,5 Mio. Treffern an nach einer Google-Recherche zu Lösungsansätzen zur Finanzkrise? Es bedarf heute spezieller Kenntnisse, es braucht Informationskompetenz, um über eine einfache Google-Recherche hinaus die effektiv relevanten Informationen übers Internet zu erhalten. Wissenschaftliche Bibliotheken hatten schon immer die Aufgabe, wissensdurstigen Menschen zu helfen, die gewünschten Informationen zu finden. In der traditionellen Rolle als Türöffnerin zum Wissen steht auch die UB heute in der Verantwortung, die Nutzerschaft im Umgang mit der Informationsflut zu begleiten und zu schulen. Sie arbeitet seit einiger Zeit mit einem modularen Schulungskonzept und bietet auf verschiedenen universitären Niveaus eine Ausbildung in Recherchetechniken und im Umgang mit der Vielfalt moderner Informationsquellen.
Doch die virtuelle Welt kann nicht alles bieten. Zu beobachten ist als Gegenpol ein intensives Bedürfnis nach zentralen Lernorten. Das Lernverhalten der Studierenden hat sich mit der Bologna-Reform verändert. Ruhige Rückzugsmöglichkeiten für konzentriertes Lernen sind genauso gefragt wie Gruppenarbeitsräume oder Begegnungszonen, in welchen sich die «Schicksalsgemeinschaft» der Lernenden austauschen kann. Mit grösseren Bibliotheksbauprojekten wird auch in der Schweiz darauf reagiert: 2010 wird das Rolex Learning Center der EPFL in Lausanne eröffnet, und in Bern ist auf dem ehemaligen Von-Roll-Areal eine grosse Fachbereichsbibliothek für die universitären Human- und Sozialwissenschaften und die PH Bern im Bau, die 2013 bezugsbereit ist. Nicht zuletzt solch ambitiöse Bauvorhaben zeigen, dass wissenschaftliche Bibliotheken langfristig ihren Stellenwert behalten. Sie bleiben für die heutige Wissensgesellschaft als Informationsvermittlerinnen und auch als kulturelles Gedächtnis einer Region unerlässlich.
