RB 61, Mai 2013
Interview mit Gary Seitz von Silke Bellanger
Was hast du als Leiter der Institutsbibliothek für Geographie, Universität Zürich mit Bibliometrie zu tun?
Ich führe meist informelle Gespräche über das Thema Bibliometrie, manchmal mache ich Zitationsanalysen für die Forschenden oder weise sie kritisch auf Punkte hin, die man berücksichtigen sollte. Zum Beispiel denken viele Forschende, dass es gut sei in einem High-Impact-Journal zu publizieren, und dass ihre Forschung damit auch als erfolgreich angesehen werden kann. Ich versuche Ihnen dann zu erklären, dass eine Publikation in einem High-Impact-Journal noch nichts über die eigene Arbeit und deren Rezeption aussagen muss. Es kann im Extremfall ja sein, dass der Beitrag eines einzelnen Autors der entsprechenden Zeitschrift tausendmal zitiert wird, die anderen aber keinmal.
Wieso fragen sie dich bzw. die Bibliothek?
Ich rede allgemein viel mit den Institutsmitarbeitenden, kenne alle Professoren am Institut und biete ihnen oft Beratung rund um Literatur- und Publikationsthemen an, u.a. eben auch zu Bibliometrie. Und umso mehr ich etwas für sie mache, umso mehr verstehe ich das Feld, und umso eher wissen die Forschenden, dass sie mich zum Thema Bibliometrie fragen können.
Welche Fragen haben sie?
Sie fragen mich nach den Quellen der Zitationsanalysen. Dann gebe ich ihnen Web of Science, Scopus und natürlich Google Scholar an. Aus meiner Sicht macht erst der Mix von allem die Qualität der Aussage aus.
Die Geographie ist hier auch ein Spezialfall. Wir haben einerseits Fachbereiche, die sehr naturwissenschaftlich ausgerichtet sind und andererseits viele sozialwissenschaftliche Bereiche. Das Zitationsverhalten ist jeweils völlig unterschiedlich: In den Naturwissenschaften wird sehr viel mehr zitiert als in den Sozialwissenschaften. Zweitens lesen und schreiben die sozialwissenschaftlich ausgerichteten GeographInnen eher Bücher. Sie wissen und bedenken jedoch nicht, dass die Bücher bei den meisten Zitationsanalysen nicht ausgewertet werden. Oder sie sind irritiert, dass ein Autor in Web of Science keine oder nur wenige Zitatnachweise hat, aber in Google Scholar, das ja auch Bücher erfasst, mehr Zitationen zu dem gleichen Werk aufgeführt werden.
Kommen Forschende beider Ausrichtungen der Geographie mit Fragen zu dir?
Die NaturwissenschaftlerInnen kommen weniger zu mir. Eher bitten mich diejenigen um Unterstützung, die nicht verstehen wieso ihr h-Index so niedrig ist. Generell ist es sehr unterschiedlich, es gibt einige die sehr viel Wert darauf legen und bibliometrische Faktoren kennen, z.B. regelmässig ihren h-Index in Web of Science, Scopus und Google Scholar überprüfen. Diese Forschenden muss ich eher warnen und auf die Relativität von Impact-Messung hinweisen.
Und das ist dann ein weiterer Punkt der mich an dem Thema Bibliometrie interessiert– die kritische Relativierung bibliometrischer Aussagen und die Diskussion von möglichen Alternativen zu Zitationsanalysen. Herbert van de Sompel, der massgeblich an der Open Access Initiative beteiligt war, meint z.B., dass Downloads von Artikeln viel ehrlicher als Zitate seien – denn beim Download kann man wahrscheinlich eher davon ausgehen, dass jemand zumindest schnell einen Text durchguckt. Zitationen sind häufig auch Gefälligkeitszitate oder Zitate, mit denen man sich selbst in einen bestimmten Kontext stellen möchte, ohne die entsprechenden Arbeiten gelesen zu haben. Und van de Sompel behauptet, dass alles was unter Altmetrics läuft – Wirkungsmessung mit Downloads, mit Mendeley, Twitter etc. – ehrlicher ist, da die Dokumente in dem Zusammenhang vermutlich eher gelesen werden.
Die Dienstleistungen der Institutsbibliothek im Bereich Bibliometrie haben laut deiner Schilderung eher einen informellen Charakter. Würdet ihr gerne systematischer Beratungen anbieten?
Ja, es wäre schon ein Ziel systematischer Dienstleistungen zum Thema Bibliometrie anbieten zu können. Denn mit unserem Hintergrund und Wissen können wir Forschenden Daten, Erklärungen und Interpretationen dazu liefern. Für die Schweiz sind mir kaum Dienstleistungen in diesem Bereich bekannt und als Beispiel habe ich hier die niederländischen Universitäten im Kopf. An der Universität in Wageningen hat Wouter Gerritsma bibliometrische Analysen für die einzelnen Abteilungen gemacht. So etwas würde mir als Dienstleistung eigentlich vorschweben. Er hat die Daten, die über Web of Science, Scopus oder Google Scholar zur Verfügung stehen, in Relation zu der Zitationshäufigkeit im jeweiligen Fachbereich betrachtet, um so eine bessere Einschätzung bieten zu können, wo man – bezogen auf die Rezeption via Zitation – als Einzelperson oder als Abteilung im Vergleich zum Rest des Faches steht. Das fände ich eine spannende Sache.
Oder etwas anderes könnte auch sein, bibliometrische Analysen systematisch für die Bestandespflege zu nutzen. Ein Beispiel – ich hatte einen Artikel von Salibury und Smith gelesen, in dem sie die Möglichkeit vorstellten, dass Bibliotheken anhand der Literaturverzeichnisse ihrer Forschenden ermitteln können, ob die abonnierten und lizenzierten Zeitschriften genutzt werden. Wenn WissenschaftlerInnen nicht aus den vorhandenen Zeitschriften zitieren, ist das ja ein Alarmsignal für unsere Bestandespflege. Das hat mich interessiert und ich habe für einen Professor des Instituts die Literaturverzeichnisse analysiert. Für mich war es wichtig zu sehen, dass wir die von ihm zitierten Zeitschriften im Bestand haben. Für ihn war es interessant zu merken, wie sehr sich seine Zitationen auf ganz wenige Zeitschriften konzentrieren. Das hat mich selbst, aber auch ihn sehr überrascht.
Und als weiteres Feld fällt mir noch das Hochschulranking ein. Wenn man sich Universitäten wie Leyden, Wageningen oder überhaupt die niederländischen Universitäten anguckt, die in den letzten Jahren in den Hochschulrankings nach vorne gekommen sind, fällt auf, dass dort viel Beratung im Bereich Bibliometrie gemacht wird. An der Uni Zürich hat man jetzt auch damit begonnen (http://www.uzh.ch/news/articles/2013/differenzierter-blick-auf-ranglisten.html). Und es sind oft Leute, die aus dem Bibliothekskontext kommen und diese Beratungsaufgaben übernehmen.
Hochschulevaluation und – management hat viel mit bibliometrischen Analysen zu tun. Und wenn wir als Bibliotheken uns in diesen Bereichen auskennen, können wir an solchen Prozessen beteiligt sein. Den Zug sollten wir nicht verpassen.
D.h., das wäre schon ein Feld, in das man weiter hineingehen sollte. Ich glaube, wir können den Forschenden in einem für sie sehr wichtigen Bereich unsere Kompetenz beweisen.
Dank dir für das spannende Gespräch!
erwähnte Literatur
• Gerritsma, W. (2009). Bibliometric analysis of the C.T. de Wit Graduate School for Production Ecology & Resource Conservation – PE&RC 2002-2007 (p. 53). Wageningen.
• Salibury, L., Smith J. (2010): The Use of Web of Knowledge to Study Publishing and Citation Use for Local Researchers at the Campus Level. In: Collection Management Vol. 35, Iss. 2, S. 69-82.
• Van Veller, M. G. P., Gerritsma, W., Der Togt, P. L., Leon, C. D., & Van Zeist, C. M. (2010). Bibliometric analyses on repository contents for the evaluation of research at Wageningen UR. Qualitative and quantitative methods in libraries: Theory and Applications. Proceedings of the International Conference on QQML2009 (pp. 26–29).
Kontakt
Gary Seitz
Universität Zürich-Irchel Geographisches Institut Bibliothek
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