Silke Bellanger
Ein Rückblick auf die Veranstaltung vom 31. Mai 2011 in Bern
Entspannt über die aktuelle berufliche Situation diskutieren und über die Zukunft des eigenen Berufs nachdenken – das war die Grundidee des IG WBS-Vorstands, als er die Veranstaltung plante. Konkreter Anlass war und ist die anstehende Überarbeitung der über zehn Jahre alten Berufsbild-Broschüre „Wissenschaftliche Bibliothekarin / Wissenschaftlicher Bibliothekar“, die 1997 unter der Schirmherrschaft des damaligen BBS publiziert wurde. Mit dem Workshop wollten wir die Debatte über das professionelle Selbstverständnis auffrischen und die Möglichkeit schaffen, das Berufsbild auf der Basis der Berufserfahrungen unserer Mitglieder zu überarbeiten. Nicht zuletzt aufgrund des grossen Interesses nach Austausch bei der letztjährigen Veranstaltung zu Fachreferat und Informationskompetenz sollte diesmal das Gespräch über konkrete Aspekte des beruflichen Alltags im Vordergrund stehen.
Inputreferat zum Campus-Fachreferat an der UB Bern
Zum Einstieg bot Niklaus Landolt mit einem Inputreferat über das Campus-Fachreferat als Modell für die UB Bern einen Überblick über aktuelle Fragen, die das Berufsfeld prägen: Nicht nur an der UB Bern erweitert sich das Tätigkeitsspektrum wissenschaftlicher BibliothekarInnen über das klassische Fachreferat hinaus um Vermittlung von Informationskompetenz, Projektmanagement, Evaluation und Entwicklung von neuen Dienstleistungen sowie intensive Kontaktpflege mit Lehrenden, Forschenden und Studierenden. Der physische Bestand verliert, die Auswahl elektronischer Medien und Informationsressourcen gewinnt an Bedeutung. Zugleich verfügen Universitätsbibliotheken nicht über unbegrenzte finanzielle Mittel, und Personalressourcen können nicht ohne weiteres ausgebaut werden. Angesichts dieser Situation vollzieht sich ein Wandel des Tätigkeitsprofils, der noch nicht abgeschlossen ist und personelle wie organisatorische Fragen aufwirft. Vor diesem Hintergrund wurde dann zwei Stunden lang intensiv diskutiert.
Diskussionsform World Café
- Was tun wissenschaftliche BibliothekarInnen?
- Was können wissenschaftliche BibliothekarInnen?
- Wer sind wissenschaftliche BibliothekarInnen?
- Welche Entwicklungen und Themen im Umfeld betreffen wissenschaftliche BibliothekarInnen?
Diese vier Fragen an vier Tischen unter vier verschiedenen Gesichtspunkten – das war die Spielanordnung. 36 Teilnehmerinnen und Teilnehmer liessen sich auf diese Veranstaltungsform ein, die von Simon Staudenmann und Benjamin Rindlisbacher, zwei Jugendarbeitern und Studenten der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit kompetent und locker moderiert wurde. In immer neuer Zusammensetzung adressierten die Teilnehmenden ihre gegenwärtige und zukünftige Berufssituation und formulierten Wünsche für die weitere Entwicklung. Mit bunten Stiften wurden die Papiertischtücher mit Ideen und Gedanken beschrieben, bis sich folgende Schwerpunkte herauskristallisierten:
„Wissenschaftliche/r Bibliothekar/in“ ist keine Stellenbezeichnung
Wissenschaftliche BibliothekarInnen sind fast alles, aber nicht nur FachreferentInnen: Sie sind Informationsmanagerinnen, Sozialpädagogen, kompetente Führungskräfte, WissenschaftlerInnen, Handwerker und Betriebswirtschaftlerinnen. Entsprechend vielseitig ist ihr Aufgabenbereich und entsprechend deutlich wird, dass „wissenschaftliche/r Bibliothekar/in“ keine Stellenbezeichnung sein kann.
Stellenwert des wissenschaftlichen Hintergrunds
Offen bleibt die Frage, wie denn das Profil dieses Berufs – auch in Abgrenzung zu anderen Berufen – zu umreissen ist. Die Bezeichnung „wissenschaftliche/r Bibiothekar/in“ wird als Marke verstanden und soll beibehalten werden. Eine wichtige Rolle spielt der durch ein Fachstudium erworbene wissenschaftliche Hintergrund. Die Kombination von bibliothekarischem und wissenschaftlichem Knowhow wird als relevant für die Akzeptanz in einem wissenschaftlichen Umfeld angesehen. Trotzdem ist die Abgrenzung von anderen Informationsberufen nicht mehr so eindeutig, sobald andere Tätigkeitsbereiche als das Fachreferat ins Spiel kommen: Führungsaufgaben, Projektmanagement etc.
Profilbildung und Profilierung für GeneralistInnen
Die Zukunft wird fraglos von technischen und digitalen Entwicklungen geprägt sein, und es wird wichtig werden zu wissen, wo Expertise und Knowhow bestehen und nutzbar sind. Wissenschaftliche BibliothekarInnen sind sehr vielseitig: sie gehen fundiert mit elektronischen Medien um, können relevante Informationen vermitteln, bieten vielfältige Dienstleistungen, haben wissenschaftliches und bibliothekarisches Knowhow sowie Projektmanagement- und Führungskompetenzen. Diese Vielseitigkeit birgt aber auch Gefahren; deshalb sind Profilbildung und aktive Profilierung wichtig. Kunden- und Dienstleistungsorientierung und vermehrtes Marketing in eigener Sache werden in einem sich rasch verändernden Umfeld immer wichtiger [vgl. dazu auch den nachfolgenden Bericht zum Deutschen Bibliothekartag]. Zitat aus einer Diskussionsrunde: „Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass die relevanten Leute schon wissen, was wir zu bieten haben!“ Das trifft sowohl auf die Situation innerhalb der Bibliotheken wie auf das weitere Hochschulumfeld zu. Es gilt, aktiver Konzepte für die weitere Entwicklung des Berufsfeldes zu entwerfen, ohne dabei aber jedem Trend hinterher zu laufen.
Auf dem Weg zu einem neuen Berufsbild
Wie geht es nun angesichts dieser Einschätzungen weiter? Die Unterlagen und Bilder des Workshops werden bis Ende September auf der Website der IG WBS aufgeschaltet. Ab Winter 2011 wird eine Arbeitsgruppe die Gedanken des Workshops aufnehmen und im Laufe des kommenden Jahres ein neues Berufsbild erarbeiten. Alle Mitglieder sind herzlich eingeladen, an der Arbeitsgruppe und mit Ideen und Hinweisen am professionellen Profil wissenschaftlicher BibliothekarInnen mitzuwirken.
