Viktoria Supersaxo

Als ich angefragt wurde, als Auszubildende zur Wissenschaftlichen Bibliothekarin einen Beitrag für die Rubrik „Mitglied im Fokus“ zu schreiben, musste ich nicht lange überlegen. Ich durfte in diesem Jahr so unglaublich viel erleben, dass ich keine Bedenken hatte, die Seiten zu füllen!
Begonnen habe ich die praktische Ausbildung gemeinsam mit meinem Kollegen Uwe von Ramin im März 2011. Wir durchlaufen alle Abteilungen der Universitätsbibliothek Basel und betreuen gleichzeitig mit unseren Mentoren das Fachreferat unseres jeweiligen Studienschwerpunktes. Die praktische Ausbildung an der UB ist so abgestimmt, dass wir das Rüstzeug bibliothekarischen Arbeitens für die Module des Zürcher MAS Bibliotheks- und Informationswissenschaften erhalten und das praktische und theoretische Wissen sich dadurch ergänzt. Der Kurs begann gegenüber den vorangehenden Jahren vorgezogen im August 2011. Damit ist die Studienleitung auf die Wünsche früherer Kursteilnehmer/innen eingegangen und gibt uns mehr Zeit für die Abschlussarbeit im Frühjahr 2013.
Ich traue mich gar nicht, es laut auszusprechen – aber eigentlich komme ich aus dem Kreis der Archivarinnen und Archivare. Obwohl ich mehrheitlich in Bibliothekseinrichtungen tätig war, habe ich mich vorrangig mit Nachlässen beschäftigt. In meinem Urlaubssemester während des Musikwissenschaftsstudiums in Bern durfte ich in einem Langzeitpraktikum an der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien Operntextbücher aus dem 19. Jahrhundert katalogisieren. Diese und andere Aufgaben in der Bibliothek haben mir so viel Spass gemacht, dass ich mir in den darauffolgenden Sommerferien ein Praktikum am Staatlichen Institut für Musikforschung Preussischer Kulturbesitz in Berlin organisiert habe. Weil der Leiter, der für mich zuständig gewesen wäre, sich beim Fussballspiel mit seinen Enkelkindern einen Sehnenriss zugezogen hatte, bin ich durch verschiedene Abteilungen geschleust worden. Ich habe Schubertbriefe transkribiert, bei der Bearbeitung von Datenbanken ausgeholfen und für einen Professor intensive Recherchen in der Staatsbibliothek unternommen. Das war mein Glück, denn ich bat bei der Gelegenheit auch um eine Führung durch die Musikabteilung. Als ich dann an unzähligen Metern unerschlossenen und weitestgehend unbekannten Libretti, Musikalien und Kuriositäten vorbei zum Tresor geführt wurde und dort auch noch Beethovens Autograph der neunten Sinfonie aufschlagen durfte, war ich vollends begeistert. Mein Berufswunsch war klar: Ich wollte Bibliothekarin – nein Archivarin, oder doch Bibliothekarin? – werden.
Auch nach meinem zehnmonatigen Praktikum in der Burgerbibliothek Bern und den gesammelten Erfahrungen in der Musikabteilung der Zentralbibliothek in Zürich war mir der stets von Fachleuten bekräftigte Unterschied zwischen Archiv und Bibliothek nicht ganz klar. Erstere Institution ist trotz ihres Namens eigentlich ein Archiv, wenn auch mit einer grossen Handbibliothek, letztere trotz der immensen Zahl an Nachlässen und deren kultureller Bedeutung für die Schweiz eine Bibliothek.
Bei meiner jetzigen Tätigkeit in der UB Basel wurde ich nun endlich geläutert. Ich bestelle, katalogisiere und beschlagworte Monographien, Zeitschriften, Reihen und Musikalien. Ich bereite Schulungenvor und setze mich dabei intensiv mit der Benutzung von Datenbanken und Bibliothekskatalogen auseinander. Dies alles geschieht im Kontext der Neuerungen, die auf die Bibliothekswelt zukommen. Auch hier bin ich mit Herz und Seele dabei. Gerade die Arbeit im direkten Kontakt mit Benutzenden macht mir besonders Spass. Ein erster Höhepunkt dabei war die Organisation des Meet & Greet Days für die Fachreferentinnen und Fachreferenten der UB, die Vorträge über verschiedene Recherchemöglichkeiten hielten und an Infoständen direkt mit Studierenden und Forschenden in Kontakt traten. Es war eine spannende Herausforderung, das Projekt zu planen, intern zu koordinieren und den Tag reibungslos durchzuführen.
Kurz: Ich könnte mir keinen spannenderen Beruf vorstellen. Denn wer kann von sich behaupten, dass er oder sie die Möglichkeit hat, aktiv die Zukunft des eigenen Berufszweiges mitzugestalten? Egal ob am World Café über das Berufsbild des wissenschaftlichen Bibliothekars/der wissenschaftlichen Bibliothekarin und als Mitglied der AG Berufsbild der IG WBS, bei der Diskussion im Zürcher Kurs mit KommilitonInnen und Dozierenden, an der Hamburger Tagung Semantic Web in Bibliotheken, im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen der UB Basel oder an den Library Science Talks der Schweizerischen Nationalbibliothek: Ich bin immer wieder mit den spannenden Themen wie FRBR, GND, LOD (Linked Open Data) und den neuen Herausforderungen für die Vermittlung von IK und Social Media in Berührung gekommen.
Und genau das ist es, was mich an diesem Beruf reizt. Ich glaube, für alle im Kurs sprechen zu dürfen, wenn ich sage, dass dieser stetige Wandel – Motto des diesjährigen MAS Zürich – uns alle motiviert, kreative Lösungen mitzugestalten. Für mich ist es aber nicht nur ein Wandel in der Bibliothekswelt, sondern allgemein ein neuer Umgang mit Informationen in unserer Gesellschaft. Und selbst wenn mir mittlerweile die Unterscheidung (http://www.adfontes.uzh.ch/download/Archiv-Bibliothek-Doku.pdf) zwischen Archiv, Bibliothek und Dokumentation durchaus plausibel ist, bin ich überzeugt, dass grosse Bibliotheken mit ihren Sondersammlungen sich genauso dem Kodex (http://www.vsa-aas.org/de/beruf/kodex-ethischer-grundsaetze/) der Archivarinnen und Archivare verpflichten und bedeutende Archive sich demgegenüber im Sinne der Berufsethik der Bibliothekarinnen und Bibliothekare vermehrt den Benutzern öffnen sollten. Warum also nicht zusammenarbeiten und vom Wissen der anderen Seite profitieren? Ich möchte in meiner MAS-Abschlussarbeit am Beispiel der Integration von Musikalien in Metakataloge versuchen, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten. Übrigens: Im MAS-Kurs bewegen wir uns in einem Rahmen, in dem wir auch einmal ein gedankliches Risiko eingehen können. Wer also ein spannendes Thema hat, das riskiert werden sollte, kann sich gerne an uns wenden!
