Denkt man an Lugano, dann kommen einem in erster Linie Wärme, Sonnenschein und dolce vita in den Sinn. Seit der letzten IG WBS-Veranstaltung stehen bei einigen IG WBS-Mitgliedern aber auch Begriffe wie Tonträger, Klang und seltene Abspielgeräte auf der Liste. Die dritte Jubiläumsveranstaltung der IG WBS zum Themenbereich «Projekte und Spezialaufgaben» am 21. Oktober 2022 hat eine kleine Gruppe an Mitgliedern in die Schweizerische Nationalphonothek geführt, in die Welt der klingenden Kulturträger und deren Sammlung, Erhaltung und Vermittlung.
1972, 1984, 1987, 2016, 2030
Wider Erwarten begrüsste ein graues und regnerisches Lugano die IG WBS-Mitglieder. Umso herzlicher wurden sie von Günther Giovannoni, dem Leiter der Schweizerischen Nationalphonothek, und seinem Stellvertreter Stefano Cavaglieri begrüsst. Letzterer ist mit Unterbrüchen ein Mitarbeiter der ersten Stunden. Vor genau fünfzig Jahren hatte sich eine Arbeitsgruppe zur Schaffung einer Phonothek für das klingende Kulturgut der Schweiz gebildet. Erst zwölf Jahre später, 1984, wurde ein Verein und anschliessend 1987 eine Stiftung für die damalige Landesphonothek gegründet. In den folgenden Jahren füllte die Fonoteca ihre zu Beginn noch völlig leeren Archive und entwickelte ein Erfassungs- und Informationssystem, das speziell auf das Sammlungsgut angepasst ist. Aus drei Mitarbeitenden wurden 23.
2016 wurde die Schweizerische Nationalphonothek als Sektion der Schweizerischen Nationalbibliothek angegliedert. Eine Anbindung, die gemäss Giovannoni und Cavaglieri Vor- und wenige Nachteile mit sich brachte. Entsprechend ihrer speziellen Sammlung konnte die Fonoteca bei ihrem Erfassungssystem und -regeln bleiben. Viele Verwaltungsaufgaben konnten abgegeben werden, sodass sich das Team der Fonoteca stärker auf ihre Kernaufgaben konzentrieren kann und die Finanzierung gesichert ist. Doch sind die administrativen Wege nun auch länger geworden, was beispielweise einen schnellen Kauf wichtiger Ersatzteile erschwert.
Eine nächste Herausforderung, die die Schweizerische Nationalphonothek auch in den kommenden Jahren beschäftigen wird, ist der betriebliche Umzug in neue Räumlichkeiten. Noch bis Ende Jahr werden die Arbeitsräume der Fonoteca in das nebenliegende Gebäude überführt. 2030 wird gemeinsam mit dem Conservatorio della Svizzera italiana Lugano, dem RSI, dem Orchester OSI und der SUISA ein ausgebautes Gebäude in Lugano-Besso bezogen.
Keine leichte Aufgabe

In der Schweiz gibt es keine Pflichtabgabe, auch nicht für Tonträger. Die Schweizerische Nationalphonothek muss gemäss ihrem Auftrag Helvetica – Audiomedien mit schweizerischem Inhalt – und mit der Schweiz in Bezug stehende Audiomedien selbst sammeln. Ihre Sammlung umfasst heute ca. 500´000 Tonträger mit etwa 6 Millionen Titeln. Pro Jahr kommen rund 20´000 neue Medien hinzu. Die Akzession ist schwierig, besonders seit der fortschreitenden Digitalisierung und der Verschiebung von der analogen zur digitalen Musikpublikation. Aber auch das analog gesammelte Kulturgut wird digitalisiert und an speziellen Standorten in der Schweiz, meist in Kantonsbibliotheken und Universitätsbibliotheken, Nutzenden geschützt zur Verfügung gestellt. Daneben werden urheberrechtlich freie Werke direkt online gestellt. Zusammen sind dies ca. 90´000 Tonträger. Der erschlossene Bestand der Fonoteca kann über ihren Katalog und über HelveticAll recherchiert werden. Die Schweizerische Nationalphonothek hat insgesamt drei Archive: die analogen Originale werden in Lugano, eine Doublette oder Kopie in der Zentralschweiz und eine digitale Kopie in einem digitalen Archiv aufbewahrt. Das digitale Archiv – momentan 1.3 PB (davon 200-300 TB belegt) gross – wurde wie das Erfassungssystem von der Fonoteca selbst auf ihre Bedürfnisse hin entwickelt.

Die Schwierigkeit der Digitalisierung zeigt sich in zwei Bereichen: einerseits beim Erwerb und Erhalt der Abspielgeräte für die diversen Tonträger und andererseits in der Vergänglichkeit der Tonträger. Bei älteren und seltenen Tonträgern, die auch nicht von anderen Geräten gelesen werden können (wie z.B. die DAT-Kassette von Sony), muss die Fonoteca schon im Voraus berechnen, wie viele Geräte sie für das Abspielen und damit Digitalisieren ihres Bestands benötigt. Je nach dem müssen Ersatzteile für die Gerätschaften schon jetzt über Online-Marktplätze wie Ebay erworben werden, solange sie noch vorhanden und zahlbar sind. Hinzu kommt die Problematik der vergänglichen Träger, seien es Platten, die in ein Puzzle an Einzelteilen zerfallen, oder magnetische Tonträger in Drahtform, die reissen können.
Vom Schallplatten Waschen

Für defekte Tonträger versucht die Schweizerische Nationalphonothek Lösungen zu finden. So hat sie eine Technik entwickelt, mit der gebrochene Vinylplatten fotografiert und die Fotografien als Negativ von einem Programm wieder in Ton umgewandelt werden können. Zwar lässt sich nicht das vollständige Werk rekonstruieren, aber zumindest Teile, die ohne den Einsatz dieser Technik verloren wären. Bei defekten Unikaten ist diese Entwicklung besonders wertvoll. Auch externe Personen und Institutionen beziehen diese Dienstleistung.

Das Innovationspotenzial der Fonoteca ist damit aber noch lange nicht ausgeschöpft. In der Entwicklungspipeline stehen zum Beispiel auch eine Waschmaschine für Kassetten oder Add-Vibes Hörstationen für Hörbehinderte. Solche und andere Hörstationen könnten besonders an neuen Standorten der Vermittlungsaufgabe der Fonoteca dienen. Auf diesem Weg können viele weitere Interessierte die zahlreichen Schätze und die wertvolle Arbeit der Schweizerischen Nationalphonothek entdecken. Für die IG WBS steht fest: Spätestens beim nächsten Jubiläum 2032 wird sie wieder in den Süden fahren und in die Welt des klingenden Kulturerbes der Schweiz eintauchen.
Maria Solovey – Vorstandsmitglied IG WBS
