Einrichtung: Universitätsbibliothek Bern
Funktion: Digital Scholarship Spezialistin
Bibliothekarische Ausbildung: M.A. Bibliothekswissenschaft/Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin
Wie kamst du ins Bibliothekswesen?

Ich bin quasi Bibliotheksmitarbeitende «from scratch». Mein Berufsziel war immer die Bibliothek – angefangen hat das schon mit Schülerpraktika. Bibliothekswissenschaft zu studieren war somit folgerichtig, und währenddessen (Prä-Bologna-Zeiten…) konnte ich bereits praktisch in Informationseinrichtungen arbeiten. Ich war in der UB der HU Berlin tätig und in der Pressedokumentation des Deutschen Bundestags, die meiste Zeit aber in der Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte. Hier kam ich früh mit innovativen Themen wie Open Access und Virtuellen Forschungsumgebungen in Kontakt und mir wurde klar: Ich möchte im Wissenschaftsumfeld bleiben. Nach meinem Abschluss bin ich 2011 in die Schweiz gegangen, um eine Stabsfunktion an der Hochschulbibliothek der ZHAW zu übernehmen. Denn hier bewegte sich gerade sehr viel: Die HSB war in einer Reorganisation, Organisations- und Kulturentwicklung, Prozess- und Service Management waren wichtige Themen – neben Bau und Inbetriebnahme zweier neuer Standorte. Danach habe ich – also eigentlich mein tolles Team! – die digitalen und forschungsnahen Dienste aufgebaut: E-Medien, Web, Sacherschliessung, Informationskompetenz, Open Access/Science, IT. Das waren 5.5 Jahre vollgepackt mit Projekten und neuen Services – und das ist es auch, was mich an der Bibliotheksarbeit begeistert: Es gibt nie Stillstand, ständig kommen neue, spannende Themen auf einen zu, die zum Lernen, Ausprobieren, Operationalisieren herausfordern.
Was sind deine heutigen Aufgaben?
Vielleicht wurde schon klar: Ich beschäftige mich gerne mit neuen Themen und baue gerne neue Geschäftsfelder auf. Vor 4 Jahren fasste ich den Entschluss mich selbst im Bereich IT weiterzubilden. Daraus geworden sind dann 4 CAS im Data-Science-Bereich – einmal «angefixt» ist es schwer davon zu lassen. Glücklicherweise schrieb die UB Bern in eben dieser Zeit eine neue Stelle zur Entwicklung von Digital Scholarship Services aus: Das passte dann perfekt.
Nach 2.5 Jahren ist eine erste Konsolidierung erreicht, es gibt eine umfangreiche Webpage zu unseren Angeboten und ich führe verschiedene Veranstaltungen zur Förderung von Digital Skills und Data Literacy durch. Zentrale Bedeutung hat für mich die Umsetzung von «Collections as Data», die Bereitstellung von eigenen Beständen und erworbenen Ressourcen in Datenform. Bibliotheken verfügen hier über wahre Schätze, die für die datengetriebene Forschung von enormem Wert sind. Dies betrifft nicht nur die Digital Humanities, sondern z.B. auch Computational Social Science und bestimmte naturwissenschaftliche Disziplinen. Dabei bin ich in verschiedenen Rollen unterwegs: Einerseits weible ich in der UB, der Uni und der Bibliothekswelt für Digital Scholarship, andererseits arbeite ich auch ganz praktisch an Code und Anwendungen.
Was ist dir bei der Arbeit besonders wichtig?
Aus meiner Sichtweise ist die transformative Kraft, die Data-Science-Themen wie Natural Language Processing, Deep Learning und Big Data auf die Arbeit in Bibliotheken haben, kaum zu unterschätzen. Digitalisierung mit Text- und Objekterkennung, Einsatz in der Formal- und Sacherschliessung und eine neuartige Gestaltung von Retrievalsystemen sind hier nur die gängigsten Beispiele. Neben der Transformation der eigenen Prozesse und Systeme werden sich die Erwartungen der Benutzenden explizit verändern. Wenn Data-Science-Techniken vermehrt in das Methodeninventar der Disziplinen aufgenommen werden hat das natürlich Auswirkungen auf den «Rohstoff Information», den wir als Bibliothek zur Verfügung stellen. Dass Kunden dann von Bibliotheksmitarbeitenden auch allgemeine und spezifische Datenkompetenzen erwarten dürfen, ist fast schon trivial.
Bibliotheken und ihre Mitarbeitende haben hierfür ziemlich gute Startbedingungen! Es ist allerdings wichtig, diese jetzt mit Nachdruck weiterzuentwickeln, auf allen Ebenen und in allen Bereichen. Und: Ohne Kooperationen zwischen den Bibliotheken wird das kaum zu schaffen sein.
Was darf an deinem Arbeitsplatz nie fehlen?
Mein Notebook mit geladenem Akku und die Daten-Flatrate des Handys. Sonst brauche ich nichts.
Was war der beste berufliche Ratschlag, den du je bekommen hast?
Vielleicht kein Ratschlag, aber eine Erfahrung von mir. Es lohnt sich, verschiedene Institutionen kennenzulernen! Natürlich ist es ein Aufwand, woanders wieder «von vorne» zu beginnen. Allerdings gewinnt man so wirklich vielfältige Perspektiven und lernt ungemein dazu.
Was sind deine bevorzugten Informationsquellen, um auf dem Laufenden zu bleiben?
Ich habe viele Newsletter und Feeds abonniert, von Institutionen, Organisationen, Journals etc. Daneben spielt Twitter für mich eine wichtige Rolle.
Gibt es ein Buch, einen Artikel, einen Blogbeitrag, den du den Mitgliedern der IG WBS empfehlen möchtest?
Einen tollen Überblick über neue Technologien und ihre strategischen Chancen für Bibliotheken bietet der Bericht Mapping the Current Landscape of Research Library Engagement with Emerging Technologies in Research and Learning herausgegeben u.a. von der Association of Research Libraries! Online ist er hier zu finden
