Christian Aliverti, Leiter der Sektion Erschliessung der Schweizerischen Nationalbibliothek und Mitglied der IG WBS, berichtet vom IFLA-Kongress 2018 in Kuala Lumpur. Dabei geht es vor allem um die internationalen Entwicklungen in Sachen Erschliessung.
Der 84. World Library and Information Congress (WLIC) der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) fand 2018 vom 24. bis zum 30. August in Kuala Lumpur statt. Es nahmen 3’500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus über 120 Ländern teil. Ein Gesamtbericht ist bei der Grösse und Themenfülle des Kongresses kaum möglich; in über 260 Sessions wurden alle Bereiche des Bibliothekswesens thematisiert. Das Kongressmotto war Transform Libraries, Transform Societies. Anlässlich des Kongresses wurden auch weitere kleinere Tagungen durchgeführt.

Am Kongress gibt es verschiedene Arten von Veranstaltungen (sessions) zu unterschieden. In den Business Meetings (Arbeitssitzungen) der einzelnen Sektion werden die Arbeiten der jeweiligen Sektion organisiert und es wird an der Entwicklung von Standards gearbeitet. Die Open Sessions sind Vortrags- oder Diskussionsveranstaltungen zu einzelnen fest umrissenen Themen. Im Weiteren gibt es Plenary Sessions zu übergeordneten Themen wie die IFLA-Strategie, und Veranstaltungen, bei denen in kleinen Gruppen diskutiert wird.
Wegen der Fülle der Themen fokussiert dieser Bericht auf Aspekte der Erschliessung. Von der IFLA als Gesamtes möchte ich nur die Global Vision und die IFLA Library Map erwähnen. Die IFLA erarbeitet mit der Global Vision eine neue Strategie. Zur Mitarbeit sind alle Bibliothekarinnen, Bibliothekare und Bibliotheken weltweit eingeladen. Über eine Landkarte, der IFLA Library Map, können Informationen zu Bibliotheken weltweit abgefragt werden.
Für meinen Beitrag durfte ich freundlicherweise nicht publizierte Berichte von Renate Behrens, Deutsche Nationalbibliothek, und Bill Leonard, Library and Archives Canada, verwenden. Danke schön den beiden.
Standards und Regelwerke der IFLA
Seit Jahren werden in den Sektionen und Arbeitsgruppen der IFLA Standards, Modelle und Regelwerke erstellt. Diese werden durch die IFLA-Gremien verabschiedet. Sie sind auf der IFLA-Webseite frei verfügbar. In der Regel sind sie diese IFLA-Dokumente mit einer CC-By-Lizenz versehen.
Um die die Zuständigkeiten und Prozeduren klar zu regeln, hat das Committee on Standards (CoS) bereits im Rahmen des WLIC 2017 in Breslau die Cataloguing Section damit beauftragt, einen Vorschlag zur Revision des IFLA Standards Procedures Manual zu machen. Eine kleine Arbeitsgruppe präsentierte im Frühling 2018 einen Vorschlag für eine Revision.

Dieser Entwurf hält fest, dass zunächst die Definitionen für Standards, Modelle, Guidelines etc. schärfer gefasst werden müssen. Der Entwurf nennt als erstes declarative documents; das sind z.B. Statements und konzeptionelle Modelle. Als zweites werden prescriptive documents aufgeführt; dies sind Standards und Regelwerke. Als dritte und letzte Kategorie werden die implemental documents wie Richtlinien oder Best Practices genannt.
In der geplanten aktualisierten Version des Standard Manual sollen aber nicht nur die Inhalte der Standards, sondern auch die Erarbeitungs- und Review-Prozesse beschrieben werden. Hier hatte es in der Vergangenheit Unsicherheiten gegeben, die zu massiven Verzögerungen bei der Veröffentlichung der Standards führten.
Das Committee on Standards stimmte dem Vorschlag der Arbeitsgruppe zu. Bis November 2018 soll eine um Beispiele ergänzte Version des Antrags vorgelegt werden. Da das Thema alle Sections betrifft, die Standards ausarbeiten, wird das Thema nochmals über die IFLA-Kanäle kommuniziert und es wird zur Mitarbeit aufgerufen.
IFLA LRM (Library Reference Model)
Die BCM RG (Bibliographic Conceptual Model Review Group, früher FRBR Review Group) erarbeitet eine objekt-orientierte Version des IFLA Library Reference Model (LRM). Diese Version soll als LRMoo publiziert werden. Damit wird LRMoo mit dem vor allem in der Museumswelt verbreiteten Model CIDOC CRM interoperabel sein. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe (LRMoo und CIDOC CRM) wurde gegründet.
IFLA LRM beginnt sich als Rahmen für weitere Modelle und Regelwerke durchzusetzen. Die für die verschiedenen Standards, Modelle und Regelwerke (ISBD, RDA, ISSN etc.) zuständigen Gremien analysieren LRM und prüfen eine mögliche Entwicklung mit dem Ziel der Interoperabilität zu IFLA LRM.
ISBD (International Standard Bibliographic Description)
Die ISBD ist ein weit verbreiteter Standard der IFLA. Zahlreiche Bibliotheken nutzen die ISBD zum Katalogisieren ihrer Bestände oder zur Anzeige ihrer Katalogisate in Bibliografien und OPACs. Seit Jahren werden von den Anwendern Änderungs- und Ergänzungsbedarf gemeldet. Dazu gehören Bestimmungen zum Erschliessen weiterer Ressourcenarten, wie z.B. nicht-publizierte Materialien. Auch wird die Einarbeitung der neuen Modelle ICP und LRM erwartet.
Die ISBD RG (International Standard Bibliographic Description Review Group) will die ISBD erneuern. Die Überarbeitung soll in zwei Stufen innerhalb von fünf Jahren erfolgen. Geplant ist die Erarbeitung eines fertigen Entwurfs bis zum WLIC 2020. An der Erneuerung der ISBD können alle Interessierten mitarbeiten.
In welche Richtung die Erneuerung der ISBD gehen soll und wie sinnvoll die Überarbeitung der ISBD überhaupt ist, ist mir noch unklar. Einerseits soll die ISBD ein einfaches Regelwerk bleiben, das auch von Bibliotheken ohne Internetanschluss, ohne Computer und mit nur geringen finanziellen Möglichkeiten angewendet werden kann. Andererseits soll die ISBD gemäss LRM aufgebaut sein und damit kompatibel zu anderen Regelwerken, wie den RDA sein.
Da LRM aber gemäss dem Enitity Relationship-Modell aufgebaut ist, wird zu deren Anwendung in einem Katalog eine Datenbank benötigt. Denkbar wäre auch einfaches ISBD RDA Application Profile zu erstellen. Dieses Application Profile wäre kostenlos und frei zugänglich zur Verfügung zu stellen. Diese würde aber eine offizielle Zusammenarbeit zwischen RDA- und IFLA-Gremien in dieser Sache voraussetzen.
ICP (International Cataloguing Principles)
Die Ausgabe von 2016 der ICP wurde geringfügig überarbeitet. Die Terminologie des IFLA LRM wurde eingearbeitet und die neuen Prinzipien dieses Modells mit aufgenommen. Die Ausgabe 2016 der ICP wurde dieses Jahr durch Kolleginnen und Kollegen der Deutschen und Schweizerischen Nationalbibliothek ins Deutsche übersetzt. Auch die neue Ausgabe soll ins Deutsche übersetzt werden.
Names of Persons, Anonymous Classics und GARR
Die Names of Persons enthalten Anweisungen zur Bildung von Sucheinstiegen (Ansetzungen) für Personennamen. Das Werk wird kontinuierlich durch eine Arbeitsgruppe auf Grund von Meldungen vorwiegend von Nationalbibliotheken oder nationalbibliographischen Zentren erneuert.
Die Anonymous Classics enthalten Anweisungen zur Bildung von Sucheinstiegen (Ansetzungen) für anonyme Klassiker. Hier werden demnächst neue Daten für Werke aus dem arabischen Raum publiziert.
Die Richtlinien für Autoritätsdaten (Guidelines for Authority Records and References GARR) sind veraltet. Unklar ist ob und wann sie überarbeitet werden sollen.
MulDiCat (Multilingual Dictionary of Cataloguing Terms and Concepts)
MulDiCat enthält Definitionen für Begriffe und Konzepte aus dem Feld der Erschliessung in englischer und teilweise auch in weiteren Sprachen. Die MulDiCat Editorial Group will die veraltete MulDiCat-Ausgabe aktualisieren und die Neuentwicklungen aus den ICP und den IFLA LRM nachvollziehen. Künftig sollen die Definitionen auch auf Deutsch übersetzt werden. Damit wird die einheitliche Verwendung der Begriffe über die verschiedenen Sprachen hinweg sichergestellt. Die Editorial Group sieht die Neubearbeitung als einen Teil eines anzustrebenden künftigen IFLA Namespace.

(National-)Bibliografien
Verschiedene Vorträge in der Open Session der Bibliography Section befassten sich mit Nationalbibliographien.
Mathilde Koskas, BnF, präsentierte einen Abriss über die Geschichte und die geplante Neuausrichtung der Bibliographie nationale française. Die heutige französische Nationalbibliographie stammt aus dem Jahr 2001 und gilt gemäss Aussage Koskas’ als veraltet (Paper).
Helen Vincent, National Library of Scotland, präsentierte die neue schottische Nationalbibliographie. Vortrag und Paper enthalten interessante Beiträge zu Fragen zur Unterscheidung von Katalog und Bibliographie, zu den Anzeigekriterien in der Nationalbibliographie und zur Frage wie ein Schotte oder schottisch in diesem Zusammenhang definiert werden soll.
Die schottische Nationalbibliographie ist wie die Schweizerische Nationalbibliografie, das Schweizer Buch, eine andere Sicht auf die Katalogdaten der Bibliothek. Bei der National Bibliography of Scotland wurde darauf geachtet, dass sich Katalog und Bibliographie im Layout unterscheiden, damit die beiden Produkte von den Nutzenden nicht verwechselt werden (Paper).
Sachkatalogisierung
Die meisten Vorträge in der Open Session der Subject Analysis and Access Section beschäftigen sich mit der Automatisierung (der Erschliessung). Die Deutsche Nationalbibliothek DNB scheint die einzige Bibliothek zu sein, die die Sachkatalogisierung zu 100 Prozent automatisieren will. Andere Bibliotheken setzen auf Assistenzsysteme oder automatische Anreicherungen.
Ulrike Junger von der DNB präsentierte den aktuellen Stand der automatischen Sacherschliessung in der DNB (Paper). Die Automatisierung der DDC-Notationen wird auch in der Norwegischen Nationalbibliothek geprüft (Paper). Rachael Goh, National Library Board Singapore, sprach zu “Using Named Entity Recognition for Automatic Indexing” (Paper).
Datenformate
Verschiedene Beiträge in der Open Session der Cataloguing Section befassten sich mit Datenformaten.
Mélanie Roche, Bibliothèque nationale de France (BnF), berichtet über die Erneuerung des Formats Intermarc der BnF. Intermarc ist ein MARC-Derivat, optimiert für die Bedürfnisse der BnF. Die BnF setzt bewusst auf die Entwicklung von Intermarc und stellt somit die Kontinuität der Daten sicher. Dabei wird darauf geachtet, dass die Daten auch in andere Formate (Linked open Data etc.) exportiert werden können (Paper).
Jenny Wright von Bibliographic Data Services Limited aus Dumfries, Scotland, ging der Frage nach, ob die Katalogisierung nach RDA die Katalogisierungsprozesse verändert. Sie zeigt auch, wie künftig die Katalogisierung nonMARC21 data in einer relationalen Datenbank erstellen könnte und so mehr den Prinzipien von IFLA und LRM entspräche (Paper).
Eine allgemeine Einführung zu Bibframe gab Philip Schreur, Stanford University.
In der Diskussion zeigte sich, dass zahlreiche Bibliothekare auf die Einführung von Bibframe als Nachfolgeformat von MARC21 setzen. Auch wenn erste Bibliothekssysteme bibliothekarische Daten als Bibframe darstellen können, bleibe ich skeptisch, ob Bibframe sich als Intern- und Arbeitsformat durchsetzen wird.
Bibframe wird schon über zehn Jahre lang entwickelt, dabei wurden die Datenmodelle FRBR und LRM nur begrenzt berücksichtigt. Wieweit auf LRM basierende Regelwerke wie RDA in Bibframe abgebildet werden können, bleibt fraglich. Die Abstimmung zwischen Modell, Regelwerk und Format ist bei Bibframe (wie auch schon bei MARC21) ungenügend.
Genügt es nicht, wenn ein System (unabhängig vom internen Arbeitsformat) die Daten in den verschieden üblichen Formaten (MARC21, RDF, evtl. Bibframe etc.) exportieren kann und entsprechende Daten auch importieren kann? Damit würde erreicht, dass auch nicht-bibliothekarische Datenverarbeiter Bibliotheksdaten korrekt interpretieren können.
Fortlaufende Ressourcen
Das ISSN International Centre hat ein neues Portal in Betrieb genommen. ISSN international aktualisiert das Datenmodell Pressoo. Pressoo ist eine Ontologie zur Modellierung der Metadaten von fortlaufenden Ressourcen. Pressoo soll kompatibel zu LRM werden. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe von ISSN und RDA widmet sich darüber hinaus der Interoperabilität der beiden Regelwerke.
In den USA nimmt eine Arbeitsgruppe die Überarbeitung und das Update des Cooperative Online Serials Program (CONSER) im Hinblick auf RDA in die Hand.
VIAF (Virtual Authority File)
Anlässlich des WLIC 2107 fand die Versammlung des VIAF Councils statt. Traktandiert waren die Beziehungen zwischen dem ISNI (International Standard Name Identifier) und VIAF sowie Fragen zum Datenschutz.
ISNI und VIAF
ISNI übernahm zahlreiche Metadaten aus der Musikindustrie. Das sind vorwiegend Namen von Personen, Musikgruppen und Musikwerke. Die Integration nach ISNI gestaltete sich als grosse Herausforderung, da die Musikindustrie vor allem Daten aus dem Bereich der populären Musik nicht standardisiert erfasst.
ISNI versteht sich als authority register und nicht als authority file. VIAF reichert seine Datensätze durch Merging von Autoritätsdaten verschiedener Provenienz automatisch an. VIAF-Datensätze sind daher einer ständigen Veränderung unterworfen. ISNI hingegen hat den Anspruch stabile Daten mit entsprechenden Identifiern zu haben, die bei Bedarf auch intellektuell bearbeitet oder kontrolliert werden.
VIAF erbringt seine Dienstleistungen (Matching und Bereitstellung) gratis, während für die Erstellung eines ISNI-Datensatzes vom Ersteller 50 Euro-Cents bezahlt werden müssen. Sowohl die ISNI- wie auch die VIAF-Daten werden in Datenzentren von OCLC verarbeitet. Da die beiden Dienste sich überschneiden, soll eine gemeinsame Arbeitsgruppe klären, welcher Dienst wozu da sein soll. OCLC wirft auch die Frage auf, wie lange VIAF noch kostenfrei angeboten werden kann. Aus einem kleinen Forschungsprojekt sei ein stark nachgefragter Dienst entstanden, der immer mehr Kosten verursacht.
General Data Protection Regulation (GDPR) / Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO)
Die DSGVO regelt die Erfassung, Speicherung und Verarbeitung von Personendaten von EU-Bürgern und -Bürgerinnen. Die Auswirkungen der DSGVO der EU auf die Autoritätsdaten sind nach wie vor unklar. Bisher sind bei den Bibliotheken bezüglich ihrer eigenen Daten und VIAF erst wenige Änderungs- und Löschantrage eingegangen. Diesen Anträgen wird in der Regel entsprochen. Die Art der Umsetzung ist allerdings verschieden: Während einzelne Bibliotheken beispielsweise Lebensdaten oder aufgedeckte Pseudonyme auf Antrag löschen, behalten andere Bibliotheken diese Daten und zeigen sie lediglich dem Publikum nicht mehr an.
Viele Nationalbibliotheken fühlen sich durch die nationale Gesetzgebung und durch Ausnahme-Regelungen in der DSGVO zur Speicherung und Verarbeitung von personenbezogenen Daten ermächtigt. Auch wenn in den nationalen Gesetzen die Bildung von Autoritätsdaten nicht ausdrücklich erwähnt werde, sei dies der übliche Standard in der Erschliessung und entspräche so dem gesetzlichen Auftrage der jeweiligen Nationalbibliothek.
Bei privaten Datenverarbeitern oder Bibliotheken, welche ihre Erschliessung nicht auf eine klare Rechtsgrundlage stützen können, ist die Folge der DSGVO für die Verarbeitung von personenbezogenen Metadaten Rechtsunsicherheit. OCLC erachtet die Speicherung von Lebensdaten als zwingend zwecks Unterscheidung von gleichnamigen Personen.
Grosse Unsicherheit herrscht bei der (automatischen) Weitergabe von Daten für Meta-Dienste wie VIAF und ISNI. Da Daten automatisch angereichert werden, können in der einen Quelle bewusst gelöschte Datensätze oder Datenelement aus einer anderen Quell wieder eingespielt werden. Unklar ist wie die Verantwortlichkeit zwischen Datenerstellern und Datenverarbeitern (Speicherung und Sicherung in Rechenzentren, Anreicherung auf Rechnern Dritter, etc.) geregelt ist.
US-Sanktionen gegen den Iran treffen auch Autoritätsdaten
Die Autoritätsdaten (Persian name authority data) aus dem Iran können international wegen den US-Sanktionen gegen den Iran nicht mehr genutzt werden. VIAF lehnt es wegen den Sanktionen ab, Daten aus iranischen Bibliotheken zu beziehen und zu verarbeiten.
RDA (Resource Description and Access)
Im Vorfeld des WLIC2018 fand am 23. August 2018 an der Universiti Teknologi Malaysia (UTM) die Conference on diversity of data, RDA in the international context statt. Hauptveranstalter waren die National Library of Malaysia und das RDA Board. An der Tagung nahmen gegen 250 Personen teil.

Im ersten Teil berichteten verschieden Referenten und Referentinnen über die Einführung der RDA in verschiedenen Ländern (USA, Malaysia, Ägypten, Spanien, Philippinen, Chile) und über den Aufbau regionaler RDA-Organisationen (Ozeanien, Australien und Südostasien, Lateinamerika, EURIG/Europa). Die Vorträge im zweiten Teil beschäftigten sich mit dem Stand des 3R Project, dem neuen RDA Toolkit, den RDA-Übersetzungen, den Beziehungen zwischen den lokalen Katalogisierungstraditionen und den RDA, Linked Data und RDA.
Der autorisierte Text von RDA ist nach wie vor das alte RDA Toolkit. Das neue RDA Toolkit ist eine Betaversion. Design und Inhalte sind noch in Arbeit. Es fehlen beispielsweise Elemente zum Navigieren. Der Text selber wird voraussichtlich im ersten Quartal 2019 in der gültigen Fassung vorliegen. Das alte RDA Toolkit wird ab Publikation des neuen noch sicher ein weiteres Jahr zur Verfügung stehen. Danach wird es nur noch dokumentarischen Charakter haben; Datensätze, die nach dem alten Toolkit erstellt würden, gälten dann nicht mehr als RDA-Katalogisate.
Im neuen RDA Toolkit gelten die meisten Elemente als fakultativ. Dies ermöglicht es, den verschiedenen RDA-Communities bedürfnisorientiert über die Anwendung der RDA in ihrem Kontext zu entscheiden. Die Interoperabilität der Daten der verschiedenen Anwender wird durch die RDA sichergestellt. Die RDA können aber kaum mehr direkt als Regelwerk genutzt werden. «Application profiles» mit «Policy Statements» werden zwingend notwendig sein. Im D-A-CH-Raum besteht mit dem «Standardelemente-Set» und den «AWR» bereits beides. Diese müssen aktualisiert und dem neuen RDA Toolkit angepasst werden.
Mit Ebe Kartus von der University of New England (New South Wales) wurde erstmals die Funktion des RDA Wider Community Engagement Officer im RDA Steering Committee (RSC) besetzt. Diese Funktion sollte dem Kontakt zu nicht bibliothekarischen Communities (GLAM etc.) dienen. Auf meine Nachfrage hin konnte aber weder sie noch der Chair des RSC, Gordon Dunsire, über eine konkrete strategische Ausrichtung der RDA in Richtung andere Communities Auskunft zu geben.
Der Chair des RSC, Gordon Dunsire, wird Ende Dezember 2018 durch Kathy Glennon, LoC, abgelöst. Das RSC wird in der Folge wieder amerikanischer und der europäische Einfluss auf die RDA-Entwicklung schwindet.
DDC (Dewey Decimal Classification)
Am Dewey User Breakfast wurde über die Änderungen in der DDC informiert. Ein grosser Teil betrifft die neuen Trends bei der Ernährung (vegan cooking, probiotic food etc.). Neue Begriffe kommen vor allem aus der westlichen Welt.
Harriet Aagaard, Chair der EDUG, berichtete von der Jahresversammlung der European Dewey User Group 2018 (EDUG), die in der Schweizerischen Nationalbibliothek stattfand.
In der Diskussion unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren die Möglichkeiten der Auswertung vollständiger DDC-Notationen Thema. Die vollständigen DDC-Notationen werden in zahlreichen Systemen automatisch gekürzt, d.h. die hintersten Stellen werden automatisch abgeschnitten.
OPACs und Discovery Tools können in der Regel vollständige DDC-Notationen kaum auswerten. Ebenso kann die automatische Erschliessung (wie sie die DNB betreibt) nur DDC-Sachgruppen und verkürzte Formen der DDC produzieren. Selbst grosse amerikanische Freihandbibliotheken nutzen zur Aufstellung nicht immer die volle Notation. Es würde sich lohnen, vermehrt über die Verwendung von kürzeren Nummern nachzudenken. Diese könnten in einem mehrsprachigen Kontext auch sprachabhängig ausgewertet werden.
Christian Aliverti
Schweizerische Nationalbibliothek NB, Leiter der Sektion Erschliessung, Vertreter der NB im Standardisierungsausschuss und weiteren internationalen Gremien, Dozent am MAS Studiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Universität Zürich und der Zentralbibliothek Zürich
September 2018
