Liliane Wyss, Mitglied der IG WBS, konnte Ende 2016 während drei Monaten die Library of Congress kennen lernen. Dabei wurde sie auch einiger Illusionen beraubt.
Die Library of Congress (LoC) ist jeder Bibliothekarin, jedem Bibliothekar bekannt: als faktische Nationalbibliothek der USA, grösste (oder zweitgrösste?) Bibliothek der Welt und einflussreiche Initiantin von Standards, Regeln und Formaten. Die Idee, einen dreimonatigen Aufenthalt in der Library of Congress zu absolvieren, hatte für mich dementsprechend etwas Illusorisches: wie gross können meine Chancen schon sein, bei – von mir angenommenen – Tausenden von Bewerbungen?
Tatsächlich ging jedoch alles relativ schnell und unkompliziert. Ich bewarb mich bei der European Division – einer Art grossem Fachreferat mit eigenem Lesesaal im historischen Jefferson-Gebäude – um eine Stelle im Rahmen eines Professional Exchange. Ausländerinnen und Ausländern ist es möglich, einen Professional Exchange in der LoC zu absolvieren, während Praktikumsstellen US-Bürgern vorbehalten sind. Konkret bedeutet das, dass eine gewisse Arbeitserfahrung im Bibliothekswesen nachgewiesen werden muss. Aufgrund meines universitären Studienhintergrundes sowie meiner Sprachkenntnisse hatte ich die European Division gewählt. Finanziell ermöglicht wurde mir der Aufenthalt durch das grosszügige Stipendium der Genossenschaft Schweizer Bibliotheksdienst.
Selbsthilfemassnahmen wegen Personalmangel
In der Library of Congress angekommen wurde ich von meinen Kolleginnen und Kollegen herzlich aufgenommen und schnell ins Tagesgeschäft einbezogen. Die Benutzerinnen und Benutzer und den Tagesbetrieb lernte ich beim regelmässigen Thekendienst im Lesesaal am Reference Desk kennen. Eine weitere mir aufgetragene Aufgabe war die Erschliessung einer Ephemera-Sammlung. Es handelte sich dabei um bosnische Wahlunterlagen aus dem Jahr 2014 – ein für mich inhaltlich sehr interessantes Thema.
Hier habe ich bemerkt, dass in der Library of Congress nicht alles so effizient und vorbildlich abläuft, wie ich es mir vorgestellt hatte. Vieles ist nicht oder nur oberflächlich erschlossen, und vieles ist nicht im zentralen Katalog nachgewiesen. So wird zum Beispiel das von mir erstellte Findmittel wie viele weitere solche Verzeichnisse auf der Webseite der European Division abgelegt. Diese Vorgehensweise ist eine Selbsthilfemassnahme, die aufgrund der mangelnden personellen Ressourcen der Katalogisierungsabteilung getroffen wurde.
Bald habe ich gelernt, dass nicht nur die Katalogisierungsabteilung von einer Personalknappheit betroffen ist: In der Library of Congress, so wurde mit gesagt, hat sich das Personal von über 5000 Angestellten in den 1990er Jahren auf rund 3000 verringert.
Innovation und Überalterung gleichzeitig
Während meines Aufenthalts hatte ich vielfach die Gelegenheit, Einblicke in andere Abteilungen der Library of Congress zu bekommen. Im Rahmen einer Einführung für neue Mitarbeitende besuchte ich jeweils zweimal wöchentlich verschiedene Abteilungen der Library of Congress, hinzu kamen persönliche Einführungen in andere Abteilungen, interne Weiterbildungen, Informationsveranstaltungen und Sitzungen. Dank der Offenheit und der Bereitschaft der Mitarbeitenden, sich mit mir auseinanderzusetzen, lernte ich auf diese Art viel über die Library of Congress.
Interessant waren für mich unter anderem die innerhalb der Bibliothek bestehenden Unterschiede. Während einige Abteilungen sehr zukunftsgerichtet sind und sich zum Beispiel mit der Entwicklung des neuen Metadatenformats Bibframe beschäftigen, scheinen andere Abteilungen an neuen Entwicklungen weniger interessiert. Dies ist sicher einer gewissen Überalterung einiger Abteilungen geschuldet – wahrscheinlich ein Resultat des jahrelangen Anstellungsstops und der Tatsache, dass viele Mitarbeitende relativ spät in Pension gehen.
Die Library of Congress spart aber offenbar nicht in allen Bereichen. Es kommen nach wie vor täglich riesige Mengen an Medien in die Bibliothek: Man spricht von 10‘000 Medien pro Tag, wobei niemand zu wissen scheint, ob diese Zahl stimmt.
Mein Bild von der Library of Congress hat sich durch meinen Aufenthalt verändert. Sah ich davor vor allem eine glänzende Innovatorin, erscheint mir die Library of Congress jetzt als zwar grosser und imposanter, aber nicht immer effizient arbeitender und sich teilweise nur langsam bewegender Betrieb.
Liliane Wyss
Mitarbeitende Schweizerische Osteuropabibliothek
Kontakt: liliane.wyss@hotmail.com
Juli 2017
