Vom 30. Mai bis am 2. Juni 2017 fand der 106. Deutsche Bibliothekartag in Frankfurt am Main statt. Nahezu 3000 Berufskolleginnen und -kollegen nahmen am Kongress teil, darunter auch rund 45 Mitglieder der IG WBS. Für alle Daheimgebliebenen gibt es hier eine kurze Zusammenstellung der Highlights. Richtige Flops gab es in diesem Jahr nicht, Platz für einige Verbesserungsvorschläge soll jedoch trotzdem sein. Es berichten Marianne Ingold, Kira von Rickenbach, Susanna Truniger und Alexandra Müller.
Tops
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- Der Apéro Suisse am ersten Kongresstag, der vom BIS gemeinsam mit der IG WBS organisiert wurde und Gelegenheit bot, sich mit den Schweizer Kolleginnen und Kollegen in Frankfurt auszutauschen.

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- In Grossbritannien gibt es laut Referent Geoff Walton Bestrebungen, Informationskompetenz nicht nur im (Hoch-) Schulkontext, sondern auch im Arbeitsumfeld zu platzieren im Sinne des lebenslangen Lernens. Auch nennt Walton Gamification eine hilfreiche Methode für IK-Vermittlung.
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- Das äusserst unterhaltsame Referat zum Thema bibliothekarische Weiterbildung von Miriam Albers (vgl. auch Miriam Albers, Simone Fühler-Ubach und Ursula Gregory: «Fortbilden, aber wohin?»). Die prototypische Bibliothekarin namens Alma Rak wird allen Zuhörerinnen und Zuhörern in bester Erinnerung bleiben.
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- Die Session zum Thema «Lernen am Arbeitsplatz»: Der Vortrag von Cornelia Vonhof gab einen schönen Überblick über Formate, Chancen und Risiken in den Bereichen Fortbildung, Ausbildung und Personalentwicklung im allgemeinen. Das 70:20:10-Referenzmodell lässt sich gut mit anderen gehörten Inputs (z.B. von Miriam Albers: Professional Knowledge and Skills Base (PKSB) von CILIP The Library and Information Association) weiterdenken.
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- Library Lunch: «In jeder Hinsicht nahrhaft.» Ziel: Den Hochschullehrenden die Dienstleistungen der Bibliothek bekannt (und schmackhaft) machen, inspiriert von der ETH Zürich (Heike Kamp, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen)
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- Crowdsourcing als Mittel der Datenanreicherung (Gregor Neuböck, Oberösterreichische Landesbibliothek, Linz)
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- Open Educational Resources (OER) als Aufgabe der Bibliotheken in den Niederlanden und analog dazu OER-Librarians (Monique Schoutsen, Radbout Universität Nijmwegen).
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- Die Session «Bibliotheken in die Zukunft führen» (Abstract hier, Präsentationen nicht verfügbar). Highlight war der fulminante Vortrag von Dirk Baecker zum «Postheroischen Management» in der Turing-Galaxis, die als Medienbruch – oder in Baeckers Worten «Medienkatastrophe» – die Gutenberg-Galaxis abgelöst hat. Baeckers Tour d’Horizon im Schnellzugstempo durch die Geschichte der Medien-, Kultur- und Organisationsformen inspirierte nicht nur zum Nachdenken («Interessiert sich irgendjemand da draussen wirklich dafür, was wir in unserer Organisation tun? Haben wir einen Auftrag dafür?», «Ohne netzwerkorientiertes, horizontales Organisationsverständnis können wir unsere [Bibliotheks-]Organisationen vergessen»), sondern unterhielt das Publikum auch bestens mit Zitaten wie: «Bürokratie ist dadurch gekennzeichnet, dass wir genau wissen, wen wir bei der Arbeit stören dürfen: die weiter oben». Statt Folien gibt es Baeckers Buch «Postheroische Führung».

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- Zum Mitnehmen: die zahlreichen praktischen Beispiele für Organisations- und Personalentwicklung aus der SLUB Dresden; der am Beispiel der Stadtbibliothek Köln geschilderte Mentalitätswechsel von der «Ich-weiss-alles»-Bibliothek zur «Ich-vernetze-Sie»-Bibliothek und das Motto «Wir sind stark und wir schaffen das!» für Veränderungsprozesse.
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- Zum Nachdenken: Statt funktionalem Expertentum wird die soziale Führungsaufgabe im mittleren Management immer wichtiger. Berücksichtigen wir das in unseren Rekrutierungsprozessen genügend? Nicht nur neue, trendige Dinge und Leuchtturmprojekte sind wichtig, sondern auch die bibliothekarischen Standard-Dienstleistungen, die in guter Qualität weiterhin erbracht werden müssen. Und schliesslich: Es gilt zu verhindern, dass nur 20 Prozent der Belegschaft 80 Prozent der Innovation betreiben und die anderen auf der Strecke bleiben.
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- Lesetipp: «Erwarten Sie mehr!» von Richard David Lankes (Deutsche Übersetzung, engl. Original)

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- Die inspirierende Podiumsdiskussion zum Thema «Mut zum Führen. Lust auf Entscheiden», an welcher unter anderem auf das Mentoringprogramm von VDB und BIB hingewiesen wurde.
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- Kundenfreundlichkeit 4.0: Der Kellner, der einen im vollbesetzten Restaurant persönlich zu zwei entfernt voneinander gelegenen freien Tischen begleitete und einen auswählen liess; der Taxifahrer, der nachts um 1:30 Uhr auf der Rückfahrt von der Kongressparty mit uns eine kleine Sightseeing-Tour unternahm, zweimal anhielt, um uns aussteigen zu lassen, damit wir die beleuchtete Frankfurter Skyline ablichten konnten, und dabei das Taxameter abstellte (was ihm natürlich ein umso höheres Trinkgeld bescherte); und schliesslich ganz unbescheiden: meine Spontanorganisation einer Spanisch-Deutsch-Dolmetscherin für den Gastvortrag einer Kollegin aus Costa Rica via persönlichem Netzwerk.
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- Die erneut grosszügige Einladung von BI-International, die Gelegenheit bot, Gäste aus der ganzen Welt kennen zu lernen, das reichhaltige Willkommensdinner und die Walking Tour durchs Frankfurter Westend.
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- Die aktive Beteilung am Qualitätsmanagement-Forum. Die Managementkommission von dbv und VDB wird ausgehend vom Forum und den Diskussionen zwei Massnahmen in Angriff nehmen:
1. Die Managementkommission wird beim kommenden Bibliothekartag 2018 in Berlin wieder zu einem QM-Forum einladen.
2. Bis spätestens dahin soll ein Konzept entwickelt werden, wie ein «Living QM-Handbook» oder ein «QM-Wiki» aussehen könnte.
- Die aktive Beteilung am Qualitätsmanagement-Forum. Die Managementkommission von dbv und VDB wird ausgehend vom Forum und den Diskussionen zwei Massnahmen in Angriff nehmen:
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- Die Kongressparty im Capitol in Offenbach. Während der Musikgeschmack des DJs debattierbar war, fanden Speis und Trank grossen Zuspruch und die Tanzfläche war gut gefüllt.
Flops
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- Das Framework Information Literacy: nichts wirklich Neues.
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- Die Personen aus dem Publikum, die fluchtartig den Raum verlassen, sobald es darum geht, selber aktiv zu werden und mitzudiskutieren– auch wenn sie gerade in einer «Arbeitssitzung» sitzen.
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- Leider sind längst nicht alle Präsentationen auf dem BIB OPUS-Publikationsserver abgelegt (aber immerhin 235 Volltexte und zahlreiche weitere Abstracts, genug Lese- und individueller Weiterbildungsstoff für Wochen und Monate!)
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- Die Posterausstellung war wie üblich am allerhintersten Ende der Firmenhalle versteckt und dieses Jahr extrem mager bestückt (immerhin gab es dafür erstmals Video-Clips im Programm).
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- Das auf vielen Geräten nicht funktionierende Wlan.
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- Schade: ein immer noch sehr geringes Angebot an interaktiven Formaten (immerhin gab es erstmals «Hands-on Labs», darunter eines unter Schweizer Regie). Trotzdem kein Vergleich zu einer Konferenz wie der Next Library.
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- Der nicht gendergerechte Name der Veranstaltung war auch 2017 ein Thema (siehe den Bericht von 2014). Auf Twitter wurde heftig diskutiert und dafür plädiert, den Bibliothekartag endlich in Bibliothekstag umzubenennen.
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- Der Apéro Suisse fand parallel zu interessanten Vorträgen statt, so dass man sich zwischen Networken und Weiterbilden entscheiden musste.
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- Es gibt immer noch zu viele Sessions mit ähnlichen Inhalten zur gleichen Zeit.
Tipps

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- Am 7. September 2017 findet in Stuttgart eine Folgeveranstaltung der Session «Bibliotheken in die Zukunft führen» der Gemeinsamen Managementkommission von dbv und VDB statt mit dem Titel «Organisationsentwicklung in unsicheren Zeiten. Helfen uns Pläne, Strategien und Visionen?».
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- Wer es interaktiv mag, der/dem sei Next Library Satellite empfohlen, welche vom 12. bis 15. September 2018 in Berlin stattfindet.
Der 107. Bibliothekartag findet vom 12. bis 15. Juni 2018 im Estrel Congress & Messe Center in Berlin statt.
Juli 2017
