Im Januar 2017 „feierten“ wir ein Jahr Katalogisierung mit unserem neuen Regelwerk RDA (Resource Description and Access). In diesem Jahr konnte ich bei mir verschiedene Stufen der Entwicklung beobachten.
Januar bis März: Anfängliche Verzweiflung (????)
April bis Juni: Skepsis (viele offene Fragen und die Verklärung der Zeiten, in denen noch die KIDS-Regeln die lokale Katalogisierungswelt beherrschten: „Vorher war alles einfacher und besser ….“)
Juli bis September: Erste Erfolgserlebnisse („Ach, so funktioniert das!“)
Oktober bis Dezember: Langsame Eingewöhnung (nach dem Sprichwort: „Gut Ding will Weile haben!“)
FRBR als Schlüssel zum Verständnis
Erst einmal musste ich mich daran gewöhnen, dass die RDA-Regeln auf einem theoretischen Modell beruhen, dessen Verständnis als Voraussetzung für die Katalogisierung angesehen werden kann: die FRBR (Functional Requirements for Bibliographic Records). Hat man sich die FRBR‘schen Entitäten und ihre Beziehungsstruktur erst einmal verinnerlicht, ist man besser gerüstet für die Arbeit mit dem Regelwerk: dem Toolkit.
Dieses war – und ist es teilweise immer noch – gewöhnungsbedürftig. Was vor allem fehlt, ist ein Navigationssystem, das einen im Gewirr der aufklappbaren Kapitel auf den rechten Weg lotst. Das Toolkit ist an sich zwar logisch in Anlehnung an das FRBR-Modell aufgebaut, jedoch verliert man ob der scheinbar unendlichen Verlinkungen und Untergliederungen schnell den Überblick.
Ein Beispiel: Der Verlagsname
Ich möchte wissen, welches die bevorzugte Quelle für den Verlagsnamen eines Buches ist, resp. wie ich den Verlagsnamen im Katalogisat abbilden soll (in meiner Vorlage erscheint er nämlich in dreifacher Variation).



Summa summarum übernehme ich den Verlagsnamen also so, wie er auf der Titelseite der Ressource abgebildet ist. Um sicher sein zu können, dass diese Auskunft auch für mich als Katalogisierende aus dem deutschsprachigen Raum gilt, muss ich nun zusätzlich die D-A-CH-Regeln konsultieren, die sich hinter dem violetten Button verbergen.
Keine Formatangaben
Eine weitere grosse Umstellung war das Fehlen von Formatangaben im Regelwerk. An sich ist das bei einem international verwendeten Regelwerk logisch, macht die Arbeit jedoch nicht einfacher. Hat man endlich eine passende Regelwerkstelle zum vorliegenden Katalogisierungsproblem gefunden, weiss man immer noch nicht, in welches MARC21 Feld denn nun die Angabe gehört. Dazu müssen Konkordanzen, Arbeits- oder Feldhilfen konsultiert werden. Und diese waren anfangs irgendwie noch nicht wirklich bereit – vieles musste überhaupt noch beschlossen und diskutiert werden.
Die positiven Seiten
Genug gejammert. RDA hat natürlich auch positive Seiten. Einerseits ist ein dynamisches Regelwerk zwar anspruchsvoll, andererseits hat dies aber auch den Vorteil, dass „Sich-Nicht-Bewährendes“ von den entsprechenden Gremien angepasst werden kann. Beispielsweise habe ich mich stets gefragt, ob „First issued in hardback“ als Auflagebezeichnung gilt (das spielt eine Rolle im Hinblick darauf, ob eine neue Aufnahme erstellt werden muss – die Frage hat also eine gewisse Relevanz). Anscheinend war ich nicht die Einzige mit diesem Problem. Das Toolkit-Release vom Februar 2017 lieferte mir die Antwort auf dieses Problem: D-A-CH 2.5.2.1 Erläuterung 3: Ja, es gilt als Auflagebezeichnung.
Zudem war das Erlernen eines neuen Regelwerks spannend. Die Idee hinter dem FRBR-Modell scheint mir im Hinblick auf die künftigen technischen Entwicklungen zeitgemäss und für die Recherche gewinnbringend. Es werden Fragen gestellt wie: Wie findet sich die Benutzerin oder der Benutzer in der stetig wachsenden Datenmenge am besten zurecht? So setzt FRBR „Beziehungen“ ins Zentrum. Ziel ist es, Katalogdaten strukturierter und übersichtlicher anzeigen zu können. Dabei soll des Weiteren die – im NEBIS-Verbund zeitgleich mit RDA auch in der Formalkatalogisierung eingeführte – Normdatenbank GND einen Betrag leisten.
Weitere Entwicklungen
Mittlerweile geht die Katalogisierung wieder relativ geübt von sich und die Rückstände der nicht bearbeiteten Bücher können bald wieder schrumpfen. Aber wir blicken gespannt in die Zukunft: Damit es uns auch nicht langweilig wird, wird im April 2018 eine grössere Überarbeitung des Toolkits publiziert. Der Inhalt von RDA wird sich dabei verändern, da auch das Modell FRBR wieder überarbeitet wird. Na dann!
Stephanie Märchy arbeitet als Gruppenleiterin in der Abteilung Bestandsentwicklung Printmedien der Zentralbibliothek Zürich.
März 2017
