Info WBS IG WBS 3, März 2015
Nathalie Mertes (E-Mail: nathalie.mertes@merincos.de)
Im Herbst 2014 habe ich „MERINCOS“ (das Kürzel steht für „Mertes Information Competencies“) gegründet. Vorher arbeitete ich mehrere Jahre als Lehrerin in einem belgischen Gymnasium, absolvierte dann eine Ausbildung zur Schulbibliothekarin, leitete eine Schulbibliothek und baute das Schulbibliothekswesen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens mit auf. Von dort führte mich mein Weg nach Berlin, wo ich im Frühjahr 2014 meine Promotion zum Thema „Informationskompetenz-Förderung durch Lehrer/innen und ihre Kooperation mit der Schulbibliothek dabei“ am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität abgeschlossen habe. ((Mertes, N. (2014). Teachers’ conceptions of student information literacy learning and teachers’ practices of information literacy teaching and collaboration with the school library: A grounded case study. (Dissertation), Humboldt-Universität zu Berlin. Verfügbar unter http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/mertes-nathalie-2014-03-04/METADATA/abstract.php?id=40539))

Warum habe ich mich im Anschluss daran zur Gründung eines Unternehmens entschlossen? Welche Angebote macht MERINCOS und für welche Zielgruppen? Wie sahen die einzelnen Schritte in die berufliche Selbständigkeit aus? Auf diese und weitere Fragen gibt dieser Beitrag eine Antwort.
Warum?
Inzwischen herrscht weitestgehend Konsens darüber, dass Kompetenzen im Umgang mit Informationstechnologien und Informationen grundlegende Voraussetzungen sind für Erfolg in Bildung und Beruf sowie für die aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Obwohl Kinder und Jugendliche oft als „digital natives“ bezeichnet werden, haben zahlreiche Studien nachgewiesen, dass sie nicht so fit sind, wie ihr Name andeutet. Die umfangreiche, im Jahr 2013 erstmals durchgeführte und als Bildungsmonitoring angelegte, internationale Vergleichsstudie „ICIL“, an der 21 Länder teilnahmen, darunter auch die Schweiz, stellte grosse Schwächen bei den computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von Achtklässlerinnen und Achtklässlern fest.
Die Autorinnen und Autoren der ICIL-Studie kamen zu dem Schluss, dass Computer- und Informationskompetenz erlernt und gelehrt werden müssen. Bibliothekarinnen und Bibliothekare können dabei eine zentrale Rolle spielen, sind sie doch die Informationsexpertinnen und -experten schlechthin. Voraussetzung hierfür sind allerdings fundierte pädagogische und didaktische Kenntnisse und Fertigkeiten. Aber auch die Lehrerinnen und Lehrer haben eine grosse Verantwortung, denn sie entscheiden über Lernziele und -methoden. Voraussetzung hier ist aber, eine entsprechende Vorbereitung, d.h. die (verstärkte) Integration der computer- und informationsbezogenen Kompetenzen und insbesondere der diesbezüglichen pädagogisch-didaktischen Fertigkeiten in die Aus- und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer.
Idealerweise arbeiten Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit Lehrerinnen und Lehrern zusammen. Im schulischen Kontext wiesen zahlreiche Studien (beispielsweise die Untersuchungen von Lance und Kolleginnen und Kollegen oder jene von Todd und Kolleginnen und Kollegen in den USA) darauf hin, dass eine solche Kooperation nicht nur von grosser Bedeutung für die Verbesserung der Informationskompetenz der Schülerinnen und Schüler ist, sondern für ihr Lernen insgesamt. Von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren wird erwartet, die Führung zu übernehmen, aber viele von ihnen beklagen eine mangelnde Kooperationsbereitschaft der Lehrkräfte.
Eines meiner wichtigsten Ziele ist es daher, einen Beitrag zu leisten zur Verbesserung der Informationskompetenz-Förderung und der Kooperation von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren mit den Akteurinnen und Akteuren in Einrichtungen der formalen Bildung. Dazu möchte ich auf zwei Ebenen agieren: einerseits in der Ausbildung, d.h. als Dozentin von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren an der Hochschule bzw. Universität, und andererseits in der Fortbildung, mit Hilfe von MERINCOS.
Was?
Zunächst bietet MERINCOS Fortbildungen zu informationspädagogischen und -didaktischen Kompetenzen für Lehrerinnen und Lehrer sowie Bibliothekarinnen und Bibliothekare in Schulen und öffentlichen Bibliotheken im deutschen, französischen und englischen Sprachraum. Zur Zielgruppe gehören aber auch die Schulleiterinnen und -leiter.
MERINCOS arbeitet an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis. Dies bedeutet zum einen, dass forschungsbasierte Inhalte vermittelt werden, z.B. in folgenden Modulen: „Was ist Informationskompetenz?“, „Informationskompetenz ‚lernen‘ bzw. entwickeln“, „Informationskompetenz lehren“, „Die Betreuung der Schülerinnen und Schüler bei längeren Rechercheprojekten“ und „Die Zusammenarbeit von Schulbibliothek und Lehrerkollegium“. Zum anderen bezieht sich die empirische Fundierung auf die angewandten Methoden, die auf der Grundlage der aktuellen Forschungsliteratur ausgewählt wurden. Die Fortbildungen knüpfen an den Bedürfnissen der Teilnehmenden an und bieten vielseitige, anregende Lernumgebungen, fördern das Lernen am Modell und den Transfer vom Wissen zum Handeln durch eine Auseinandersetzung mit den eigenen subjektiven Theorien auf der Grundlage von wissenschaftlichen Theorien. Grundsätzlich wird nach den Prinzipien des moderaten Konstruktivismus vorgegangen und das Lernen als individueller und kooperativer sowie kontextbezogener und sozialer Prozess verstanden, der die kognitive Aktivierung der Teilnehmenden erfordert, an deren Vorwissen und Vorerfahrungen anknüpft und ausreichend Zeit für die Metakognition vorsieht. Zur Vorgehensweise gehört ein ständiger Wechsel zwischen theoretischem Input und Übungsphasen ebenso wie die regelmässige Evaluation der Fortbildungsmassnahmen.
Zurzeit werden ausschliesslich Präsenzkurse angeboten, jeweils vor Ort bei den Kundinnen und Kunden. Mittelfristig kommen reine Online-Kurse hinzu. Die Dauer der Fortbildungen reicht von 90-minütigen Einzelveranstaltungen bis zu einjährigen Seminarreihen, die sich aus mehreren Seminarblöcken zusammensetzen.
Wie?
Wie sehen nun die einzelnen Schritte in die berufliche Selbständigkeit aus? Im Zentrum einer Gründung steht natürlich die Gründerperson. Deshalb ist die erste Frage, die sich jedem Gründungswilligen stellt: Bin ich ein Unternehmertyp? Die Broschüre „Starthilfe“ des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) bietet dazu einen umfassenden Fragebogen. Der nächste Schritt ist die Entwicklung einer Geschäftsidee. Eine zentrale Frage dabei ist die Positionierung am Markt, d.h. die Abgrenzung von der Konkurrenz, die bei MERINCOS über das Thema, langjährige Erfahrungen, die angewandten Methoden und die abgedeckten Regionen erfolgt.
Ein ganz entscheidender Prozess ist die Preisfindung, bei der Faktoren wie die zu deckenden betrieblichen und privaten Kosten, der Wettbewerb, der subjektive Nutzen für die Kunden berücksichtigt werden müssen, und die Erstellung eines soliden, realistischen Finanzplans. Unterschiedliche Versicherungen tragen dazu bei, das mit einer beruflichen Selbständigkeit verbundene finanzielle Risiko zu minimieren. Einerseits sind das persönliche Versicherungen, wie die (freiwillige) Krankenversicherung, die gesetzliche Rentenversicherung (in Deutschland für selbständige Dozentinnen und Dozenten eine Pflicht), unter bestimmten Voraussetzungen die freiwillige Arbeitslosenversicherung oder eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Bezüglich der betrieblichen Absicherung sind vor allem die Betriebs- und Berufshaftpflichtversicherung zu nennen. Bei der Erstellung des Finanzplans müssen natürlich auch die voraussichtlich zu zahlenden Steuern berücksichtigt werden, insbesondere die Umsatz- und die Einkommenssteuer und die diesbezüglichen Vorauszahlungen.
Eine wichtige Entscheidung ist auch die Wahl der Organisations- und Rechtsform. MERINCOS ist ein freiberufliches Einzelunternehmen, im Gegensatz zu Personengesellschaften, wie z.B. der Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), oder Kapitalgesellschaften, wie der Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH). Die Gründung erfolgte durch Anmeldung beim Finanzamt. Was die Buchführung betrifft, so brauchen selbständige Dozentinnen und Dozenten zwar nur eine Einnahmen-Überschuss-Rechnung zu machen, erleichtert wird das dennoch durch die Zusammenarbeit mit einer Buchhalterin oder einem Buchhalter – die Entscheidung dafür oder dagegen ist aber nicht zuletzt eine Kostenfrage. Besonders zeitintensiv sind in der Anfangszeit – neben der Entwicklung der Kurse – Marketing und Akquise.
Die Entscheidungen bzgl. der meisten hier vorgestellten Aspekte gehören in den Businessplan. Dabei handelt es sich um umfangreicheres Dokument, in dem Gründungswillige beschreiben, wie Sie Ihre Geschäftsidee in die Tat umsetzen wollen. Banken geben keine Kredite ohne einen überzeugenden, soliden Businessplan. Aber auch wer keinen Kredit braucht, sollte einen solchen Plan erstellen.
Die Aufgaben von freiberuflichen Unternehmerinnen und Unternehmern sind vielseitig: Sie sind nicht nur Entwicklerinnen und Entwickler von Dienstleistungen und dann Dienstleisterinnen und Dienstleister, sondern auch Werbechefs, Vertrieblerinnen, Kundenbetreuer, Kaufleute, Buchhalterinnen und unter Umständen Personalverantwortliche. Der Weg in die berufliche Selbständigkeit setzt also voraus, dass ein gewisses Interesse an diesen unterschiedlichen Rollen vorhanden ist. Natürlich besteht die Möglichkeit, einzelne Bereiche auszulagern, was aber oft mit erheblichen Kosten verbunden ist und deshalb gerade in der Startphase schwierig. Nicht selten vergehen 1 bis 2 Jahre, ehe ein neu gegründetes Unternehmen Gewinne erzielt.
Gründungswillige können auf umfangreiche Unterstützungsangebote zurückgreifen, in Deutschland gehören dazu beispielsweise das Existenzgründerportal des BMWi oder die Gründungsinformationen vom Institut für Freie Berufe Nürnberg (IFB). Viele Universitäten bieten ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Absolventinnen und Absolventen ebenfalls Unterstützung auf dem Weg zum eigenen Unternehmen.
Literatur:
Hofert, S. (2013). Erfolgreiche Existenzgründung für Trainer, Berater, Coachs: Das Praxisbuch für Gründung, Existenzaufbau und Expansion (5., überarb. Auflage). Offenbach: Gabal.
