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16. Tagung der LIBER Architecture Group in Prag (17.04.– 20.04.2012)

20. Mai 2012 ·

Tobias Schelling

Karlsbrücke und Moldau, Hradschin und Vysehrad, Altstädter Ring und Karlsplatz, Bier und Knödel: Im Grunde gäbe Prag genügend her für eine schöne Kurzreise, und ein Bibliothekskongress könnte das Reiseprogramm empfindlich stören. Doch die Veranstaltung „Reshape, refurbish, reorganise: design­ing the sustainable library“, die Mitte April stattfand, überzeugte durch eine – fast! – durchwegs hohe Qualität der Vorträge, so dass die Versuchung für die gut 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht allzu hoch war, den Schönheiten und Köstlichkeiten der Goldenen Stadt frühzeitig zu erliegen.

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National Technical Library, aussen

Die Tagung der Architekturgruppe der Ligue des Bibliothèques Européennes de Recherche (LIBER)  fand dieses Jahr bereits zum sechzehnten Mal statt. Wie immer unterteilte sie sich in einen Besichti­gungsteil (anderthalb Tage) und einen ‚konventionellen‘ Tagungsteil. Da der Schreibende auf die Be­sichtigungen (in Liberec, Hradec Králové und Prag) verzichten musste, wird im Folgenden nur über die eigentliche Tagung berichtet.

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National Technical Library, innen
(Mehr Bilder unter: http://tinyurl.com/dxhfn37)

Austragungsort der Veranstaltung war die National Technical Library von Prag. Die Bibliothek steht im Universitätsviertel im Norden der Stadt, nur wenige Gehminuten vom Hradschin entfernt. Die ova­le Aussenhülle der Bibliothek mutet futuristisch an; im Inneren zeichnet sie sich durch einige Beson­derheiten aus: die exzessiv angebrachten Beschriftungen – meist Massangaben oder technische Infor­mationen – verweisen auf den Charakter als technische Bibliothek; der farbenfrohe und spielerische Boden sowie die vielen graffiti-ähnlichen Kunstwerke an den Betonwänden setzen dazu einen Kontra­punkt. Nebst der Technischen Bibliothek beherbergt das Gebäude auch eine Filiale der Stadtbibliothek, einen Buchladen, Ausstellungsflächen und einen grossen Vortragssaal, in dem die Tagung durchge­führt wurde.

Drei Hauptthemen dominierten die sechs Sessions, die während zwei Tagen stattfanden: die Bibliothek und die Bibliotheksdienstleistungen im Wandel; bauliche Aspekte ökologisch nachhaltiger Biblio­theksbauten und konkrete Um- und Neubauvorhaben verschiedener Bibliotheken. Sehr bereichernd war, dass in praktisch jeder Session nicht nur Bibliothekarinnen und Bibliothekare, sondern immer auch Architektinnen und Architekten Beiträge lieferten und damit den Blickwinkel öffneten und den Horizont erweiterten.

In ihrem Eröffnungsvortrag zeigte die dänische Architektin Helle Juul (http://www.juulfrost.dk), wie die Bibliotheken den Wandel von „statischen Wissensarchiven“ zu „urbanen, kulturellen Zentren“ schaffen können. Sie betonte insbesondere, dass die Bibliothek sich nicht isoliert betrachten darf, son­dern sich auch mit dem städtischen, kulturellen und sozialen Umfeld befassen muss. Damit kann nicht nur eine ganzheitliche Planung eines Stadtgebietes betrieben werden, es gibt der Bibliothek auch beste Voraussetzungen, zu einem „urbanen Treffpunkt“ zu werden.

Auch in den darauf folgenden Beiträgen von Jiří Zlatuška, Graham Bulpitt und Hans Geleijnse war der Wandel der Bibliothek das zentrale Thema. In allen Beiträgen stand aber im Gegensatz zu Helle Juul nicht der städtische, sondern der wissenschaftliche und studentische Kontext im Fokus. Es wurde ein­hellig betont, dass der technologische Wandel – wenig überraschend! – die Bibliothek nachhaltig ver­ändern wird. Die Dienstleistungen werden sich verändern und müssen sich stärker an den Nutzerbe­dürfnissen orientieren. So, meinte Bulpitt, würden Studierende immer mehr einen One-Stop-Shop wünschen; d.h., Support für verschiedenste Bereiche sollen an einem Ort gebündelt angeboten werden. Geleijnse plädierte dafür, nicht krampfhaft an traditionellen bibliothekarischen Dienstleistungen fest­zuhalten, wenn diese nicht mehr oder anderswo genutzt werden; vielmehr sollten sich die Bibliotheken noch stärker um neue Tätigkeitsfelder im Bereich „Open Data“, IT- und Learning-Support oder Cloud Computing kümmern.

Es ging aber an der Tagung nicht nur um Nachhaltigkeit in einem grösseren Kontext, also um die Zukunftsfähigkeit der Bibliotheken an sich, sondern auch um ökologisch nachhaltiges Bauen. Anna Wagner zeigte in ihrem Beitrag die theoretischen Grundlagen und illustrierte diese anhand von Bei­spielen. Viele davon stammen aus dem Vorarlberg – eine Region mit Vorbildcharakter bezüglich ener­gieeffizientem Bauen. Mit dem Nationaltheater Prag und dem „Sound & Vision“ in Hilversum wurden zwei Beispiele von energieeffizientem Bauen vorgestellt, wobei es eine Herausforderung darstellte, dem ersten Beitrag mit einer tschechischen Powerpoint-Präsentation zu folgen.

Neben eher theoretischen Themen – dazu gehörte nebst den oben genannten auch der Beitrag von Jan David Hanrath, der in einer hervorragenden Präsentation die Grundlagen der Akustik erläuterte – konnten die Teilnehmenden auch viele spannende, abgeschlossene oder im Bau befindliche Projekte kennenlernen: Kulturzentrum Sant Agostino (Modena), Bibliothek Gent, Bibliothèque Nationale Universitaire Strasbourg, Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., Umgestaltung des Black Diamond (Kopenhagen), OASE (Düsseldorf), Special Collections at the Bodleian Libraries. Fast allen Projekten ist gemeinsam, dass die Bibliothek zu einem multifunktionalen Ort wird: sei es durch unterschiedliche Angebote innerhalb der Bibliothek, sei es durch die Integration anderer Geschäfte, Kulturinstitutionen oder Dienstleistungen im Gebäude.

Die Tagungen der LIBER Architecture Group haben sich als wichtiger Termin für bauende Bibliothe­karinnen und Bibliothekare in Europa etabliert – einerseits durch das attraktive Programm, anderseits aber auch durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Viele davon besuchen diesen Kongress regel­mässig; andere kommen dazu, da sie aktuell ein Bauprojekt zu bewältigen haben. So zeichnet sich das Publikum durch ein hohes Fachwissen und ein spezifisches Interesse an Bauthemen aus und ermög­licht dementsprechend, den Kongress auch nach dem offiziellen Programm in Diskussionen und Ge­sprächen fortzuführen – dann natürlich bei leckerem tschechischem Bier. Prost!

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